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Martin Wentz, hier in seiner Frankfurter Firma, wird 70 Jahre alt.
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Martin Wentz, hier in seiner Frankfurter Firma, wird 70 Jahre alt.

Frankfurter Altstadt

„Altstadt ist ein Stück Disneyland“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Martin Wentz, der ehemalige Frankfurter SPD-Vorsitzende, wird 70 Jahre alt und ist immer noch so kämpferisch wie früher. Die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt hält er für ein Stück Disneyland, dem das städtebauliche Umfeld völlig fehlt.

Herr Wentz, als wir uns zum ersten Mal sahen, waren Sie Juso-Vorsitzender in Frankfurt, fuhren auf einem alten Mofa und mit langen, wehenden Haaren durch die Stadt.
(lacht) Richtig. Und ich hatte sogar einen Bart. Das war in den 70er-Jahren. Bis Frühjahr 1980 war ich Juso-Landesvorsitzender, zugleich auch länger Vorsitzender der südhessischen Jusos.

Sie waren einer der ersten führenden Sozialdemokraten, die für eine politische Zusammenarbeit plädierten mit einer neuen Partei, die auf der Bühne auftauchte: den Grünen.
Uns verband Anfang der 80er-Jahre, dass ich persönlich und die Jungsozialisten in Hessen sehr engagiert gegen Atomkraftwerke aufgetreten sind. Mit meinem beruflichen Hintergrund als Physiker konnte ich auch fundiert gegen die Nutzung der Kernenergie argumentieren. Damals wollte SPD-Ministerpräsident Holger Börner in Nordhessen eine Wiederaufbereitungsanlage bauen lassen. Dann kam die neue Partei Die Grünen, die dasselbe Thema auf der Fahne hatten. So gab es ganz frühe Kontakte zwischen uns. Man darf nicht vergessen: Ich war 1968 als junger Physikstudent politisiert worden, ich trat 1970 in die SPD ein. Ich hatte Erfahrungen gemacht bei der Studentenrevolte und beim Häuserkampf im Westend. Viele, die später bei den Grünen landeten, waren da auch dabei.

Aber Sie wurden Sozialdemokrat. Warum?
Nun, wir standen für das Progressiv-Pragmatische, die Grünen eher für das Ideologische.

Ich erinnere mich, dass Sie auf einem Frankfurter SPD-Parteitag eine sehr engagierte Rede für Rot-Grün hielten und überraschend den Unterbezirksvorsitz für sich errangen gegen den damaligen Chef Fred Gebhardt.
Das war 1983. Die SPD hatte in den ersten Regierungsjahren des CDU-Oberbürgermeisters Walter Wallmann schwer gelitten und die Kommunalwahl 1981 verloren. Es war mein starker Wille, die SPD aus diesem Tal herauszuführen. Dazu brauchte es neue Konzepte für die Stadtpolitik. Ich musste dafür die Mehrheit in der Frankfurter SPD bekommen. Ich bin dann aufgetreten als junger Mann und habe frischen Wind in der Frankfurter Partei gefordert. Und ich bekam tatsächlich die Mehrheit.

Sie haben dann ein Papier zur Erneuerung der Frankfurter Partei vorgelegt, in dem Sie eine Öffnung hin zu Dienstleistungsbürgern gefordert haben. Das erwies sich als schwierig.
Das war schwierig. Die Frankfurter SPD war immer links orientiert. Mir war völlig klar, dass man auch die breite Schicht der gut gebildeten Bürgerinnen und Bürger ansprechen muss, um in der Stadt eine politische Mehrheit zu bekommen. Diesen Kurswechsel musste ich durchsetzen. Das ist dann auch gelungen. Wir haben die Kommunalwahl 1989 gewonnen und konnten mit den Grünen regieren.

Es ist schade, dass Rot-Grün nur ein kurzer politischer Gestaltungsspielraum blieb von maximal fünf Jahren.
Es herrschte 1989 nach zwölf Jahren CDU-Mehrheit eine totale Aufbruchstimmung. Das politische Hauptthema war der Wohnungsmangel, ähnlich wie heute. Es gab aber auch viele Fehler des CDU-geführten Magistrats. Man wollte die Straßenbahn durch die Innenstadt abschaffen, man hatte gegen Bürgerprotest die Überreste der alten Judengasse am Börneplatz überbaut und vieles mehr. Wir hatten als junge Leute mit Rot-Grün eine tolle Zeit, weil wir viel bewegen wollten und das auch durchsetzten.

Sie haben die Pläne entwickelt, die innerstädtischen Mainufer zu öffnen und dort Wohnungen zu bauen. Im Deutschherrnviertel und an anderen Stellen.
Wir vertraten damals einen anderen Heimatbegriff, als es heute Schwarz-Grün mit dem Neubau der Altstadt tut. Mir war klar, dass der Fluss wieder mehr ins Zentrum der Stadtentwicklung gestellt werden musste. Das hatten wir schon 1985 im Wahlkampf zum Thema gemacht. Wir wollten, dass die Stadt sich wieder ihrem Fluss zuwendet. Das bedeutete nicht nur Wohnquartiere, sondern auch die Weiterentwicklung der Mainufer zu einer Parklandschaft. Und so entstand das, was wir heute haben.

Was unterscheidet Ihren Heimatbegriff von dem von Schwarz-Grün?
Nun, alles, was wir am Mainufer gebaut haben, sind Originale. Unter der Überschrift Wohnen am Fluss hat jedes Quartier seine eigene Identität. Das Deutschherrnviertel ist strukturell anders als das südliche Ostend. Die Westhafen-Bebauung ist anders als der Theodor-Stern-Kai. Das sind integrierte Stadtviertel. Dagegen wird jetzt in der Altstadt ein Stück Disneyland gebaut. Etwas, das vollständig untergegangen war, wird versucht, zu rekonstruieren.

Die schwarz-grünen Politiker behaupten heute, mit der Altstadt finde Frankfurt seine Identität wieder.
Es wird sicher so sein, dass dort Touristenströme und auch Frankfurter durchgehen, die sagen: Das sieht aber ganz nett aus. Es fehlt aber völlig das städtebauliche Umfeld. Das besteht im Wesentlichen aus Gebäuden des Wiederaufbaus der 50er-Jahre. Diese Altstadt wird immer eine isolierte, kleine Teilfläche bleiben, rekonstruiert mit modernen Materialien. Frankfurts Identität ist heute doch eine völlig andere.

Sie hatten das Privileg, lange als Planungsdezernent arbeiten zu können. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Es war eine schöne Zeit. Ich konnte sehr viel bewegen. Ich war überall vor Ort und habe für die neuen Baugebiete gekämpft. Ich war überzeugt davon, dass Frankfurt weiter wachsen muss, um in der Städtekonkurrenz seine wirtschaftliche Position zu halten.

Auch das ist eine Parallele zu heute. Die neuen Wohngebiete sind auch umkämpft.
Das wird immer so sein. Man muss das den Menschen erklären. Sie müssen sich ernstgenommen fühlen. Und manchmal muss man auch gegen eine Gruppe mit Mehrheit etwas durchsetzen.

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