1. Startseite
  2. Frankfurt
  3. Wohnen in Frankfurt

Allianz gegen den neuen Stadtteil

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jutta Rippegather

Kommentare

Mehr als 40 000 Hektar Ackerland hat Hessen in den vergangenen 25 Jahren verloren. Blick über die Felder nach Steinbach im Taunus.
Mehr als 40 000 Hektar Ackerland hat Hessen in den vergangenen 25 Jahren verloren. Blick über die Felder nach Steinbach im Taunus. © Michael Schick

In Frankfurt schmieden Naturschützer und Landwirte eine Allianz gegen den neuen Stadtteil im Nordwesten der Stadt.

Not schmiedet zusammen: Hessens Naturschützer und Landwirte haben sich zu einer ungewöhnlichen Allianz vereint. Anlass ist der wachsende Flächenfraß im boomenden Ballungsraum Rhein-Main. Er berührt die Interessen der Landwirte, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen. Und die des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND), der sich um die Lebensgrundlage von Tieren, Pflanzen und letztendlich auch des Menschen sorgt: „Boden ist ein endliches, nicht vermehrbares Gut, das wir ständig weiter verbrauchen“, warnt BUND-Landesvorsitzender Jörg Nitsch. „Ohne Landwirtschaft vor Ort gibt es auch keine Versorgung mit regionalen Produkten“, gibt der Präsident des Hessischen Bauernverbands, Karsten Schmal, zu bedenken. Gemeinsam appellieren sie am Mittwoch an die Politik, das Zubetonieren der Landschaft zu beenden.

Auf dem Aussichtsturm der Autobahnraststätte Taunusblick präsentieren sie eine gemeinsame Broschüre mit einem als Forderung formulierten Titel: „Der Flächenverlust im Offenland muss gestoppt werden.“ Von dort oben lässt sich das Gelände für den geplanten neuen Frankfurter Stadtteil gut überblicken: 500 Hektar fruchtbarsten Ackerlands sollen dafür weichen, sagen sie. Flächen, auf denen derzeit Winterweizen und Wintergerste heranwachsen. Die die Bevölkerung als Naherholungsgebiet nutzt, die gefährdeten Arten ein Zuhause bietet. Auch die Streuobstwiese mit schätzungsweise 50 Apfelbäumen soll dem umstrittenen Stadtteil an der verkehrsreichen Autobahn A5 weichen. Gepflanzt wurden sie seinerzeit als Ersatz für Äcker, die zubetoniert wurden.

Ausgleichsfläche heißt das in der Fachsprache. Wenn Bäume fallen, werden sie anderorts gepflanzt. Auch dabei geht Ackerfläche verloren. Das ist nicht der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur, wie ihn Bauernverband und BUND einfordern. Gemeinsam waren sie jüngst bei Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne), sagen sie. Der habe sich über die Partnerschaft gewundert. Die Landesregierung ist einer der Adressaten der Bauern und Naturschützer. Ihr Entwurf des Landesentwicklungsplans sieht vor, dass in den nächsten zehn Jahren maximal 2,5 Hektar Fläche pro Tag in Hessen verbraucht werden dürfen. Zu viel, sagt Nitsch und hebt den Wert landwirtschaftlich genutzter Böden auch für die Grundwasserneubildung oder den Klimaschutz hervor.

„Ein Hektar pro Tag bis 2020 und eine schnellstmögliche Reduktion des Flächenverbrauchs Netto-Null“, fordern dagegen die beiden Verbände. Sämtliche Planungen müssten sofort auf dieses Ziel hin überprüft werden. Die ländlichen Gebiete müssten mit digitalem Ausbau gestärkt werden. Das schaffe Arbeitsplätze und stoppe die Landflucht.

In nordhessischen Dörfern bleiben die Alten zurück, während der Ballungsraum aus den Nähten platzt. „Die Entwicklung der letzten zehn Jahre hat uns überrollt“, sagt der Frankfurter Kreislandwirt Matthias Mehl. Jedes kleine Baugebiet führe zu Flächenverlusten. Auch mit dem geplanten neuen Stadtteil an der Autobahn A5 für 10 000 Wohnungen könne der Bedarf nicht gestillt werden: „Frankfurt alleine schafft das nicht“, sagt Mehl. „Der Speckgürtel muss sich mehr daran beteiligen.“ Wobei die Lösung nicht Neubaugebiete an den Ortsrändern sein sollen. Die Partner plädieren für Nachverdichten, Aufstocken im Bestand, das Nutzen von Industriebrachen. Nicht mehr benötigte Straßen müssten entsiegelt werden. Der Wachstum könne nicht unvermindert weitergehen, sagt Nitsch und warnt vor beengten Wohnverhältnissen wie in Tokio: „Wir brauchen Obergrenzen für Flächenverbrauch.“

Zustimmung ernten die Verbände am Mittwoch von den Grünen im Landtag. „Wir freuen uns, dass wir starke Mitstreiter haben bei unserem großen Ziel, langfristig den Flächenverbrauch auf Netto-Null zu bringen“, sagt Angela Dorn, Sprecherin für Umweltschutz. Die 2,5 Hektar im Landesentwicklungsplan-Entwurf seien nur ein Zwischenschritt. „In der Landes- und Regionalplanung wollen wir uns weiter für verbindliche Ziele zur Flächenverbrauchsreduktion sowie zur Sicherung notwendiger Grünflächen in Ballungsgebieten und Naturschutzflächen für den Klimaschutz einsetzen.“

Auch interessant

Kommentare