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Viel Natur, wenig Kultur.

Wohnen in Frankfurt

Frankfurt ade: Leben, wo Fuchs und Hase sich „Gute Nacht“ sagen

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Das mag idyllisch sein, birgt aber auch gewisse Nachteile, zumal für Menschen, die es aus Frankfurt raus aufs Land verschlagen hat. Eine Bestandsaufnahme aus tiefster Provinz.

Er war wieder da. Vor der Biomülltonne liegt ein angekauter Brotkanten, drum herum schimmelige Nudeln. Fetzen der Biomülltüte kleben außen am Tonnendeckel, darunter klemmt eine mit Kaffeesatz panierte Bananenschale. In der Tonne sieht es aus, als hätte jemand kurz die Motorsense reingehalten. Der Waschbär hat wieder gewütet, das dritte Mal schon in dieser Woche. Der Nachbar tuckert mit dem Traktor aus dem Hof und winkt mir freundlich zu. Er hat jüngst geraten, ein Schloss an der Mülltonne zu montieren. Und überhaupt: Waschbären hätten hier ja eigentlich eh nix verloren.

Mitunter frage ich mich, was ich hier eigentlich verloren habe. Nach 17 Jahren Großstadt, die letzten zehn davon in Frankfurt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Hier, wo meine Familie und ich jetzt wohnen, ist es hinreißend. Eine Idylle aus bewaldeten Hügeln, in der Mitte ein Tal, durch das sich ein Bach schlängelt. Allerlei Getier strolcht und flattert durch die Landschaft, am Wochenende sind überall Wanderer und Radler unterwegs. Wir haben Panoramablick über das Tal und auf das Dorf mit der Burgruine gegenüber, in unserem Wohnort thront oben auf dem Berg ein kleines Schloss. Die Nachbarn sind in Ordnung und lassen uns sein, wie wir sind. Bei Gelegenheit kann man auch mal gut mit ihnen feiern. Es ist schön hier. Punkt.

Auch an Kühen gibt es keinen Mangel. Michael Schick

Trotzdem leben wir nicht hier, weil wir das alles so wollten. Sondern weil wir uns Frankfurt nicht mehr leisten konnten. Na gut, das ist arg reduziert formuliert, aber im Kern doch der Hauptgrund, aus dem wir vor gut vier Jahren aufs Land gezogen sind. Und zwar so richtig. Nicht in irgendeine mehrere Tausend Einwohner zählende Ortschaft in der Frankfurter Speckgürtelperipherie. Sondern in ein 170-Seelen-Kaff. Der nächste Supermarkt ist fünf Kilometer entfernt, der nächste Regionalbahnanschluss zehn, die nächste Autobahn 20, der nächste S-Bahnhof 25 Kilometer. Von Frankfurt trennen uns 50 Kilometer.

Glück gehabt bei der Wohnungssuche in Frankfurt

Dass die Mieten am Main zuweilen aberwitzig sind, ist nicht neu. Doch man kann auch Glück haben. Mein Mann und ich hatten zwei Mal Glück. Das erste Mal, als wir nach dem Studium nach Frankfurt gezogen sind, aus unseren WGs in unsere erste gemeinsame Wohnung. Zur richtigen Zeit wählten wir die richtige Telefonnummer und bekamen prompt die Zusage für die Zwei-Zimmer-Dachgeschoss-Maisonette-Wohnung im Westend – zu einem Preis, für den heute zumindest im neuen Luxusstudierendenwohnheim kein Apartment zu haben ist. Drei Jahre später wurde das Haus verkauft. Die neuen Besitzer wollten den Wohnkasten aus den 50er Jahren westendgerecht aufmotzen, die Mieter mussten raus. Wir probten einen zaghaften Aufstand, bekamen dann eine angemessene Abfindung und genügend Zeit, uns ein neues Domizil zu suchen.

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Und wir hatten wieder Glück. Wir fanden es im Gallusviertel, in einem frisch renovierten Hinterhäuschen: zwei Etagen plus Keller, zwei Zimmer, ein kleiner separater Hof. Und das für nicht einmal 500 Euro Miete im Monat. Kein halbes Jahr nach unserem Einzug wurde ich schwanger. Das war so nicht geplant, doch zuweilen entpuppen sich die unbeabsichtigten Dinge als die besten.

Und der Große Feldberg ist auch sehen.

Definitiv nicht zu meinem Lebensplan gehörte es, wieder dorthin zurückzukehren, wo ich aufgewachsen bin. Nach dem Abitur war ich heilfroh, endlich rauszukommen aus dem Wald und in die große weite Welt zu ziehen. Hätte mir damals jemand prophezeit, dass ich knapp 20 Jahre später mit Mann und zwei Kindern im Haus meiner Großeltern mein Dasein fristen würde, wäre ich hysterisch lachend zusammengebrochen. Bis wenige Monate vor dem Um- respektive Rückzug in die Provinz stand diese Option auch eigentlich nie zur Debatte.

Alternative Dorf: Wohnen in Frankfurt vielen Familien zu teuer

Immerhin sind wir nicht alleine. In unserem Dörfchen sowie in den umliegenden Käffern leben erstaunlich viele Menschen, die es aus der Stadt raus aufs Land verschlagen hat, darunter etliche junge Familien. Landromantiker und Naturfreaks, die ihr eigenes Biogemüse züchten, sich einen Kleintierbauernhof inklusive Hühnerpferch und Bienenstock anschaffen, Photovoltaikmodule aufs Dach schrauben, einen Naturbadeteich in den Garten schaufeln und eine Saunahütte daneben zimmern, sind zwar deutlich in der Minderheit. Aber es gibt sie, und das ist auch gut so und konsequent. Die allermeisten Ingeplackten allerdings sind im Hinterland gelandet, weil sie ein eigenes Haus bewohnen wollten. „Frankfurt und das Umland waren uns halt zu teuer“, lautet oft die erste Antwort auf die Frage: „Warum ausgerechnet hier?“.

Kaum eine Stadt in Deutschland wächst derart rasant wie Frankfurt. In ein paar Jahren könnte die Metropole am Main 800 000 Einwohner haben. Doch bewältigt Frankfurt diese Entwicklung überhaupt? Wo sollen alle diese Menschen wohnen, wie gelangen sie zur Arbeit, wenn die Straßen immer voller werden, und droht das Umland von Frankfurt aufgefressen zu werden?

Diesen Fragen geht die FR bis Mitte Oktober in der Serie „Frankfurt wächst“ nach. Jede Woche haben wir eine provokante und sehr zugespitzte These beleuchtet. Zum Abschluss unserer Serie stehen diese Woche die Beiträge unter dem Motto „Zurück aufs Land! Dort lebt es sich besser“.

Wir wollten weder weg aus Frankfurt, noch in ein Eigenheim ziehen, wir waren mit unserem gemieteten Hinterhäuschen vollauf zufrieden – bis wir uns weiter vermehrten. Im ersten Jahr zu viert lief alles noch wunderbar in unseren zwei Zimmern. Doch als sich der Aktionsradius des Kleinkindes ausdehnte und auch der erste Sprössling mehr Raum beanspruchte, dämmerte uns, dass wir bald an Grenzen stoßen würden. Wir schauten uns also um, was Frankfurt einer vierköpfigen Familie ansonsten als Bleibe zu bieten hatte.

Ziemlich schnell mussten wir feststellen, dass unser Bedarf mit dem Angebot kaum kompatibel war. Nicht, dass uns das überrascht hätte, denn zugegeben: Wer fast sieben Jahre ein ganzes Hinterhofhaus für sich alleine hatte, hegt gewisse Bedenken, wieder in ein Mehrparteienwohngebäude zu ziehen, mit Nachbarn Wand an Wand, obendrüber und untendrunter. Wer dafür dann noch das Dreifache der bisherigen Miete bezahlen soll, nimmt alsbald Alternativen ins Visier. Offenbach zum Beispiel. Oder Oberursel. Oder das Haus der Oma.

Bachbett vs. Betonwüste: Anders wohnen als in Frankfurt 

„Wie Bullerbü“, malten sich manche aus. „Wie bekloppt“, wunderten sich andere über unseren Entschluss, aus der Stadt zu ziehen, weit hinter die Hügel in den Wald. Jetzt sind wir im wahrsten Sinne des Wortes Hinterwäldler. So was muss man sich erst mal eingestehen. Tagsüber muhen die Kühe und gackern die Hühner, nachts grunzen die Wildschweine und heulen die Eulen. Die Kinder spielen am Bach, im Wald und auf der Straße, im Sommer machen wir Lagerfeuer im Garten, im Winter rodeln wir hinterm Haus. Ein bisschen wie Bullerbü, meinetwegen, in zeitgenössischer Hessenversion.

Doch bei aller Idylle hat das Landleben seine Makel. Ganz oben auf der Liste rangiert der Umstand, dass man ohne Auto aufgeschmissen ist. Ob Arbeit, Einkauf, Arztbesuch, Kultur- oder Freizeitprogramm: Fast alles, was man zum Leben braucht, lässt sich nur mit der Motordroschke erreichen. Die Kinder wollen zu Freunden fünf Käffer entfernt chauffiert werden genauso wie zum Fußballtraining, zur Musikstunde, zum Schwimmbad. Gefühlt jede zweite Familie blockert mit dem SUV durchs Hinterland und hat neben der Garage einen wuchtigen Carport stehen. Aber wehe, es wird in Sichtweite ein Windrad in den Wald gestellt.

Das Fahrrad scheidet als Fortbewegungsmittel für den Alltag aus, schließlich leben wir nicht in Holland, sondern im hessischen Mittelgebirge. Wer hier Fahrrad fährt, treibt Sport – und kommt meist von ganz woanders her. Die Busse sind hauptsächlich nach den Schulen im Umkreis getaktet, was einigermaßen passabel funktioniert. Aber nicht für Berufspendler, die 50 Kilometer zur Arbeit nach Frankfurt fahren müssen. So wie ich. Um wenigstens im Ansatz die Umwelt und meine Nerven zu schonen, gurke ich mit dem Auto zur nächsten Bahnstation, zahle einen horrenden Ticketpreis und zusätzlich 2,50 Euro für den Park&Ride-Parkplatz. Wenn es gut läuft, bin ich pro Strecke eine Stunde unterwegs. Wenn nicht, können es bis zu drei Stunden werden.

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Wie die Infrastruktur ist auch das Kulturprogramm hinter den sieben Bergen ausbaufähig. Und wenn mal etwas los ist, geht man hin, egal ob es sich um Konzert, einen Theaterabend, eine Ausstellung, ein Feuerwehrfest oder ein Kerbebesäufnis handelt. Man will sich schließlich integrieren und es kann ja auch ganz lustig werden. Aber auch äußerst unangenehm. Vollidioten gibt es überall. Und sie treten immer zur Unzeit auf. Doch während man ihnen in der Stadt wegen der Masse an Optionen relativ geschmeidig aus dem Weg gehen kann, ist man ihnen in der Provinz oftmals ausgeliefert. Wo es weniger Menschen gibt, fallen die wenigen Doofen mehr auf, zumal, wenn diese meinen, sich in sämtlichen Vereinen und Gremien hervortun zu müssen. „Bevor es niemand macht …“, reden sich viele die Dinge schön, wenn ein Tanzlehrer sich anschickt, die Fußball-D-Jugend zu trainieren. Oder – andernorts – ein Neonazi zum Ortsvorsteher gewählt wird.

Zum Spazierengehen ideal.  

Mit den allermeisten Menschen hier im Hinterwald lässt es sich gut klarkommen, mit einigen sogar sehr gut. Sie stellen allerhand auf die Beine, vom Weihnachtsmarkt über den Künstlerbasar bis zur Flüchtlingshilfe. Der AfD-Wähleranteil liegt unter dem Bundesdurchschnitt, in einigen Dörfern der Gegend sogar unter dem des Frankfurter Nordends. Politische Diskussionen nachts um drei beim Dorfumtrunk wären zwar fast schon in einer Prügelei geendet. Aber eben nur fast, bisher jedenfalls.

Aus Frankfurt weggezogen und Glück gefunden

Unterm Strich mag ich das Leben als Landpomeranze im Hinterwald. Doch ich mag auch Frankfurt und das Kontrastprogramm dort, das ich allein schon wegen meiner Arbeit zum Glück weiterhin habe. Und ich mag Waschbären, auch wenn sie ständig unsere Mülltonne plündern.

Als ich reingehen will, um ein Kehrblech zu holen, entdecke ich das Mäusegekröse am Treppenabsatz neben dem Oleanderkübel. Könnte die Erklärung sein, warum unsere Katze in der Nacht auf den Teppich gekotzt hat. „Wie schön“, sinniere ich. In Frankfurt hätten wir nämlich keine Katze.

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