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Chefin Sonja Niebergall hat eine Menge Igel im Keller – auch unseren kleinen Helden Jesper.
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Chefin Sonja Niebergall hat eine Menge Igel im Keller – auch unseren kleinen Helden Jesper.

Wildtierstation

Wo Füchsin und Ganter einander Gute Nacht sagen

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Ein Besuch in der Wildtierstation, die auch den berühmten kleinen Igel Jesper bei sich aufgenommen hat.

Diese Wildtiergeschichte wird Ihnen präsentiert von Jesper, dem klugen Igel. Im weiteren Verlauf lernen wir später eine anhängliche Elster, eine sehbehinderte Füchsin, einen lebenserfahrenen Ganter und eine autoverrückte Bussard-Dame kennen. Hereinspaziert.

Maintal, im Grünen, ein Gelände mit Hütten und einem Zaun drumherum und viel Geschnatter und Getröte: der Verein Wildtierfreunde. Am Tor begrüßt uns Herbie – eigentlich Herbert, aber wir dürfen ihn Herbie nennen – erst bellend, dann schwanzwedelnd. Ein guter Stationshund passt eben zunächst einmal auf, und wenn die Luft rein ist, dann kann man ja ruhig auch ein freundlicher Stationshund sein.

Dass wir heute hier sind, ist ganz klar Jesper zu verdanken. Wer die FR regelmäßig liest, auch den Sportteil, weiß, dass Jesper ein mutiger kleiner Igel ist, der auch fußballerisch einiges draufhat. Am Rande eines packenden Freiluft-Tischtennisspiels in Frankfurt-Harheim rannte er zunächst sehr auffällig über die Wiese, um dann in unmittelbarer Nähe der Pingpongpartie einfach liegenzubleiben. In der Kälte. Und ganz offenbar zu klein, um allein draußen zu überwintern.

Das sportive Paar sammelte Jesper ein und brachte die Stachelkugel zur Wildtierfreunde-Vorsitzenden Sonja Niebergall – nicht ohne ihm vorher einen Namen zu geben, Jesper eben. Seither hat sein Namensvetter Jesper Lindström drei Tore geschossen und zwei vorbereitet, und die Eintracht hat sechs Tabellenplätze gutgemacht. Keine schlechte Bilanz. Für einen Igel.

Heute wollen wir ihn mal besuchen. Vorher schauen wir aber, wer da sonst noch so lebt in der Maintaler Auffangstation. Was ist das für ein Geräusch? Versucht da jemand, sein Auto zu starten, und der Anlasser ist kaputt? Aber nein – das ist doch Karlchen. Eine Elster. Karlchen ist von einem Menschen per Hand aufgezogen worden. Das ist einerseits nett, aber andererseits: „Wir können ihn nicht auswildern“, sagt Sonja Niebergall. „Wir haben es immer wieder mal versucht, aber dann ist er jedesmal irgendwo in eine Wohnung geflogen.“ – „Klaut er?“ Die Frage des FR-Fotografen liegt ja irgendwo nahe. „Nein“, die 61-jährige Vereinschefin lacht, „aber er hat dann immer bei den Leuten mitgegessen.“ Was sich auf Dauer auch nicht gehört.

Karlchen ist erkennbar kontaktfreudig. Dem wildfremden Reporter kommt er so nahe, wie es irgend geht, wenn der eine (der mit dem Kugelschreiber) im Gang zwischen Voliere und Kellertreppe steht und der andere (der mit dem Schnabel) am Volierengitter hängt. Da lauscht er freundlich den Gesprächen.

Normalerweise bekommen die Tiere, die die Station aufnimmt, keine Namen. Das wäre auch ein schwieriges Unterfangen bei bis zu 2000 Schützlingen pro Jahr, aber es geht um etwas anderes: „Wir wollen nicht so eine enge Bindung aufbauen.“ Es handelt sich ausschließlich um Wildtiere, und die sollen so bald wie möglich wieder hinaus in die Natur, um ihr Leben als wilde Wesen weiterzuleben. Und nicht als Heidi, die sprechende Häsin. „Die Rehkitze nennen wir aber einfach alle Böcki“, sagt Sonja Niebergall. Die kommen dann zur Fasanerie im Stadtwald und von dort wieder in die Freiheit, wenn sie kräftig genug sind.

Wildtierfreunde:

Die Auffangstation des Vereins, Im Linnen 1a in Maintal-Dörnigheim, besteht seit fast 17 Jahren. Sie ist komplett spendenfinanziert und somit stets knapp bei Kasse und für Zuwendungen dankbar. Ehrenamtliche und Ein-Euro-Jobber sorgen für die Tiere, darunter viele Vögel, Igel, Rehe, Feldhasen und Eichhörnchen.
Info: www.wildtierfreunde.com

Bei manchen geht es allerdings doch nicht ganz ohne Namen. Otto beispielsweise, der Ganter, muss nicht mehr nach draußen in die weite Welt. „Der Gute ist weit über 50 Jahre alt“, sagt Niebergall. Moment – fünfzig? Ja, sagt sie, etwa 53 oder 54, und die meiste Zeit hat er bei einem Ehepaar gelebt, das dann nicht mehr so richtig für ihn sorgen konnte, und da haben die Leute den Otto in die Station gegeben. Dort hat es Otto gut, sogar eine neue Partnerin haben sie ihm an die Seite gegeben, eine „Gesellschaftsdame“, nachdem seine Gefährtin gestorben war. Jetzt bewegt sich Otto nicht mehr viel. Hoffentlich schafft er es noch einmal über den Winter, sagen die, die für ihn sorgen.

Ein Apartment mit Blick auf die Gänse bewohnt – der Fuchs. Ernsthaft. Beziehungsweise die Füchsin. Wobei der Blick getrübt ist, das Tier sieht sehr schlecht, obwohl es noch ganz jung ist. Ebenfalls eine Handaufzucht. In Worms, wo die Fähe herkam, spielte sie mit Kindern auf dem Spielplatz. „Dann war da große Panik.“ Dabei ist das Tier ganz zahm. Auswildern? Keine Chance, da draußen hätte eine blinde Füchsin keine Chance. „Wir suchen einen Platz für sie, wo sie bleiben kann“, sagt Niebergall.

Ganter Otto ist schon hochbetagt und schafft es hoffentlich durch den Winter.

Die staatlich anerkannten Wildtierfreunde sind weit und breit die einzige Einrichtung mit einer Quarantänestation. Deshalb sind dort auch zeitweise sogar Schwäne, wenn die Vogelgrippe grassiert. So ziemlich alles, was draußen herumrennt oder flattert, war schon mal auf dem Gelände am Linnen – aber schon lang keine Waschbären mehr. Anordnung des Veterinäramts wegen der Waschbärenüberpopulation. Früher wurden sie den Auffangstationen aus den Händen gerissen, alle Wildparks wollten welche haben. Inzwischen hat es überhandgenommen mit den hübschen Kerlchen.

Apropos hübsch – wen haben wir denn da? Wer posiert denn da so formvollendet im Gehege? „Das ist Bussardweibchen Isolde“, stellt Sonja Niebergall vor. Aha, ein Name. Das heißt, Isolde darf länger bleiben. Dafür gibt es Gründe. Zum einen wurde sie vom ehemaligen Besitzer schlecht behandelt und in einem Hasenstall gehalten. Bitte? Ja, in einem Hasenstall. Ein Greifvogel.

Zum anderen hat Isolde eine gewisse Verhaltensauffälligkeit entwickelt: „Sie hat ein Faible für rote Autos.“ Nicht, dass sie einsteigen und mit den Autos davonbrausen würde, aber: „Sie sitzt dann auf dem Dach und will nicht mehr weg.“ Auswildern ist unter diesen Umständen eher schwierig. Aber sie hat Gesellschaft: einen weiteren Bussard namens Hobbit (wenn das der FR-Patenvogel im Frankfurter Zoo hört, unser Kea – ein Namensvetter!) und einen weiteren Bussard ohne Namen. Der hatte ein Schädeltrauma. Vielleicht ein Autounfall. Bussarde sitzen gern an Straßenrändern und warten, ob etwas Fressbares auf der Fahrbahn bleibt. Kulturfolger gewissermaßen. Oder auch Unkulturfolger.

Nebenan wohnen eine Schleier- und zwei Waldohreulen in einer WG, daneben ein Kolkrabe, der eine Schulter-OP vor sich hat, dann kommen die Steinkäuze, die wie immer aus den Federn gucken, als hätte man ihnen gerade etwas total Erstaunliches erzählt. Ziel ist stets, die Tiere wieder in die Freiheit zu entlassen, wenn sie sich erholt haben oder, bei Babys, wenn sie groß genug sind. „Man macht sich ja auch Gedanken, was aus ihnen wird“, sagt Niebergall, und sie freut sich, wenn etwa Feldhasen gesichtet werden, die in Maintal mit Ohrenmarken kenntlich gemacht wurden. „Das ist ein Erfolgserlebnis.“ Seit 15 Jahren besteht außerdem eine Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Tierheim.

Eine Füchsin, die nicht gut sieht. Wenn die wüsste, dass die Gänse genau gegenüber wohnen! Ach so – hören kann sie ja. Dann weiß sie Bescheid.

Aber wo ist denn nun Jesper, unser kleiner Held? Im Igelkeller. Es gibt zwar auch welche, die draußen in Strohhaufen an der Luft ihre Winterruhe begonnen haben, aber das sind die Großen. Unten, im Keller, sind all die Winzlinge, die noch zu klein waren, sprich: leichter als 500 Gramm, um allein eine Chance zu haben. Und wie viele das sind! Bestimmt 100 kleine Kerlchen haben es sich da gemütlich gemacht. Unzählige Dosen Katzenfutter stehen bereit. Zur abwechslungsreichen Kost gehören auch Rührei, diverse Insekten – und für die Größeren auch schon mal ein Eintagsküken. Ein Küken?! „Ja, Igel gehen ja auch an Mäusegelege“, sagt Sonja Niebergall.

Bussarddame Isolde ist sehr an roten Autos interessiert.

Manches würde man eigentlich lieber nicht so genau wissen. Auch das mit den Laubbläsern, aber es muss ja bekannt gemacht werden: Laubbläser und picobello aufgeräumte Gärten sind ganz, ganz schlecht für Igel. Die Tiere brauchen Laub und anderes Material für ihre Winterruhe – und eben Ruhe. Außerdem, liebe Leute: Mähroboter bitte nur unter Aufsicht laufen lassen – niemals in der Nacht. „Es gibt so viele verletzte Tiere durch Mähroboter“, klagen die Wildtierfreunde. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Auffangstation das ganze Jahr über Igel aufnehmen muss, nicht nur für den Winter. Auch grobmaschige Gitter über Kellerschächten sind üble Fallen.

Und Jesper? Schläft. Dann wollen wir den Kleinen mal lieber nicht wecken. Er ist doch noch klein? „Nee, der ist inzwischen viel größer und dicker“, sagt Sonja Niebergall. Echt? „Die wachsen unheimlich schnell.“ Das macht Hoffnung, auch für die vielen Artgenossen im Igelkeller. Vorige Woche kam einer, der wog nur 150 Gramm. Aber jetzt ist er ja in Sicherheit.

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