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Die Frankfurter Struwwelpeter-Museumsdirektorin Beate Zekorn-von Bebenburg
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Die Frankfurter Struwwelpeter-Museumsdirektorin Beate Zekorn-von Bebenburg.

Interview

„Wo fliegt der Robert hin, was erlebt der jetzt?“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Die Frankfurter Struwwelpeter-Museumsdirektorin Beate Zekorn-von Bebenburg über das Buch, das bis heute faszinierend aktuell ist.

Aber Frau Zekorn-von Bebenburg – Sie haben ja dem Struwwelpeter einen Mund-Nasen-Schutz angezogen.

Auf unserer Internetseite, ja. Und dem Hasen aus dem Buch haben wir 1,50 Meter soziale Distanz auferlegt. So kann man sich den Jäger vom Leib halten.

Selbst die Frisur des Struwwelpeters passt perfekt zum Lockdown. Frisörläden zu, Haarekämmen im Homeoffice als Nebensache... ist der Struwwelpeter das Buch zur Pandemie?

Für jede Gelegenheit – auch zur Pandemie. Man kann die Zeit nutzen, um mit den Kindern über die Geschichten zu sprechen und sich eigene neue Geschichten auszudenken. Oder bei uns einen goldenen Bilderrahmen herunterladen und malen, wohin der fliegende Robert fliegt.

Das ist der junge Mann mit dem Schirm.

Wir selbst können ja nicht weg, also schicken wir den Robert los. Und wenn wir an die Hygienedebatte während der Pandemie denken, ist die Geschichte vom Daumenlutscher auch sehr aktuell. Heinrich Hoffmann ging’s darum, auf ganz übertriebene Weise den Kindern die Einsicht zu vermitteln: Bitte lasst den Daumen – und damit den Schmutz – aus dem Mund, sonst könnt ihr schwer erkranken. Und heute machen wir es ja ganz ähnlich.

175 Jahre ist es her, dass der Struwwelpeter auf die Welt kam. Was haben Sie im Museum zum Jubiläum geplant?

Wir haben eine Neuauflage unserer Museumsausgabe herausgebracht. Nach 175 Jahren wieder ein in Frankfurt gedruckter Struwwelpeter, eine originalgetreue Ausgabe mit einem Nachwort von mir.

Eine Sonderausstellung war gar nicht vorgesehen?

Es war ja schon lange klar, dass wir jetzt keine neue Ausstellung für Besucher würden machen können. Abgesehen davon ist das Thema „Entstehung des Struwwelpeters“ in unserer Dauerausstellung enthalten. Ganz viele dieser Geschichten führen in die Jahre 1844/45 – woher hatte Hoffmann die Ideen? Eine Spur führt etwa zu Pauline Schmidt, der Kollegentochter, die mit Streichhölzern gespielt und die Gardinen angezündet haben soll. Wie sah Kinderliteratur damals aus? Total moralisch, langweilig, und vor allem hatten die Bücher keine Bilder. Das war Hoffmanns Innovation: Bilder und Text zusammenzuführen und kurze, prägnante Geschichten zu erzählen.

Das Buch greift eine Titelfigur aus den vielen heraus. Warum gerade den Struwwelpeter?

Hoffmann selbst hat das erzählt: Das Buch erschien zunächst mit dem Titel „Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von drei bis sechs Jahren“.

Klingt enorm spannend.

Super Titel, ein Weltbestseller (lacht) . Und der Struwwelpeter kam ganz hinten in dieser ersten Version mit sechs Geschichten. Nun passierte Folgendes: Die Kinder sagten nicht, „ich möchte die lustigen Geschichten und drolligen Bilder anschauen“ – sie sagten:

Ich will das Struwwelpeterbuch.

Darauf hat der Verlag reagiert, der Struwwelpeter rückte nach vorne, und das Buch hieß dann: „Der Struwwelpeter oder lustige Geschichten...“ und so weiter. Warum gerade diese Figur? Ich glaube, weil sie so offen und ambivalent ist, ist sie für Kinder so faszinierend. Auf der einen Seite ein abschreckendes Beispiel: So sieht man aus, wenn man sich nicht die Haare und Fingernägel schneiden lässt. Auf der anderen Seite bietet die Figur ganz viel rebellisches Potenzial. Sie lässt Kindern viel Platz für die Projektion eigener Erziehungsärgernisse. Ein Struwwelpeter macht all das nicht, was ein braves Kind tun sollte. Dieses Rebellische ist für Kinder sehr gut nachvollziehbar, das macht es so spannend. Auch dass die Figur sich nicht bessern muss.

Muss sie nicht?

Hoffmann stellt nicht, wie es von Kritikern damals gefordert wurde, einen gebesserten Struwwelpeter dazu. Er hat ja den Struwwelpeter zwei Mal gezeichnet. Zunächst die Version, die 1844 zu Weihnachten für seinen Sohn Carl entstand und 1845 als Buch erschien. Und 1858/59, da war das Buch schon ein Welterfolg, hat er die Bilder noch einmal ganz neu gezeichnet. In dieser Version stellt er den Struwwelpeter auf einen Denkmalsockel. Damit macht er eine lange Nase in Richtung Kritiker: Mein Struwwelpeter darf bleiben, wie er ist!

Offenbar ein guter Typ, der Heinrich Hoffmann.

Ja absolut, ein sehr vielseitiger, sehr spannender Mensch. Er wird oft als „schwarzer Pädagoge“ hingestellt, aber er hatte eher einen schwarzen Humor. Er konnte sehr gut Witze über den Tod machen. Er war von Beruf Arzt, hatte insofern viel mit Tod und Sterben zu tun, und vielleicht war das auch seine Art, sich das Thema ein wenig vom Hals zu halten, indem er Witze darüber machen konnte. Im Struwwelpeter ist die Geschichte vom Suppenkaspar, der sich in fünf Tagen zu einem Strichmännchen und zu Tode hungert – und dem stellt er dann auch noch eine Suppenschüssel aufs Grab. Ein typisches Beispiel für den schwarzen Humor, mit dem die Bedrohlichkeit der Geschichten ganz stark gebrochen wird.

ZUR PERSON

Beate Zekorn-von Bebenburg ist die Direktorin des Struwwelpeter-Museums in der rekonstruierten Frankfurter Altstadt. Das Museum ist zurzeit wegen der Pandemie geschlossen, bietet aber viele Informationen und auch jede Menge Struwwelpeter-Bücher und andere Artikel auf seiner Internetseite www.struwwelpeter-museum.de.

Gab es Nachahmer für den Struwwelpeter?

Es ging sofort los. Als das Buch im Oktober 1845 erschien, schlug es ein wie eine Bombe – es war so erfolgreich, dass auch andere von diesen neuen Ideen Hoffmanns profitieren wollten. Schon in den 1840er Jahren gab es erste Copyright-Prozesse. Da der Verlag recht bekam, war es eines der ersten Kinderbücher, die gesetzlich geschützt waren. Das war bis 1851 geklärt, andere Verlage haben sich dann einfach ähnliche Bücher zeichnen lassen.

Einfach nachgemacht?

Mal hieß es Struwelpeter mit nur einem w, dann Struwwelliese, Struwwelsuse, und das führte dann zu den sogenannten Struwwelpetriaden: Der Struwwelpeter ist eines der wenigen Bücher, die eine ganze Literaturgattung hinter sich herziehen. Mehr als 1000 Werke zählen heute dazu, nicht nur in der Kinderliteratur. Gerade ist von Hans Magnus Enzensberger ein Buch bei Hanser erschienen mit Bildern von Anke Kuhl: „Struwwelpeters Rückkehr“. Durchs Internet geistert ein White-House-Casper, der das Weiße Haus nicht verlassen will.

Gehört der Struwwelpeter heute immer noch zum Kindsein dazu?

Er hat nicht mehr den Stellenwert, den er für die Generation hatte, die bis 1960 in Deutschland geboren wurde. Besonders für die Vorkriegsgeneration war der Struwwelpeter oft das einzige Bilderbuch, das man zu Hause hatte. Viele dieser Menschen kennen den Struwwelpeter noch auswendig. Für die Kinder heute ist es ein Buch unter vielen – aber durchaus eines, das herausragt. Es ist für Kinder gut verständlich. Hoffmann ist es gelungen, Konflikte darzustellen, die seit 175 Jahren immer wieder für Kinder aktuell sind und ganz ähnlich erlebt werden.

Welche zum Beispiel?

Aggressionen etwa: Der böse Friedrich, der zuschlägt, der Tiere quält, und der dann eben gebissen wird von dem gequälten Hund und bittere Medizin trinken muss. Oder Gefahrenabschätzung: Wie ist das beim Paulinchen mit dem Feuer? Das fasziniert Kinder seit 175 Jahren. Ein wichtiges Thema ist Rassismus. Hoffmann ist der erste, der im Kinderbuch darauf hinweist, dass Kinder niemanden verspotten sollen, weil er anders aussieht. Eine ganz wichtige Botschaft, über die man mit Kindern ins Gespräch kommt: Was heißt das heute? Sofort ist man bei den Themen, die Kinder umtreiben. Warum darf ich niemanden mobben? Darum geht es ja auch in der Geschichte mit den schwarzen Buben. Der Struwwelpeter liefert Kindern nach wie vor das Material, um in der Phantasie eigene Konflikte durchzuspielen und sich auch eigenen Ängsten zu stellen.

Ein Kritikpunkt ist: Das Buch jagt Kindern Angst ein.

Ich glaube, das macht es nur, wenn es von Erwachsenen in die Richtung gelenkt wird: Kind, da siehst du, was passiert, wenn du am Daumen lutschst, dann kommt der Schneider mit der großen Schere. Wenn man das als Erwachsener nicht tut, bietet gerade die Daumenlutschergeschichte die Chance zu erkennen: Was ist eine Situation, vor der ich wirklich Angst haben muss, und was ist eine fiktive Situation, wie sie in diesem Buch gezeigt wird? Das ist wie die Diskussion um die Grausamkeit in Märchen. Auch da geht es darum, dass Kinder den Umgang mit Ängsten lernen müssen: Wo muss ich davonlaufen, und wo kann ich mir das in Ruhe angucken und drüber nachdenken?

Haben Sie eine Lieblingsfigur im Buch?

Eindeutig den fliegenden Robert. Die schönste, die poetischste Geschichte. Schon als Kind bin ich gerne gereist und konnte mir beim Robert vorstellen: Wo fliegt der hin, was erlebt der jetzt alles? Einfach mit einem Schirm abzuheben, das ist eine wunderschöne Idee. Als Kind dachte ich: Wenn er nicht fliegen wollte, würde er doch einfach den Schirm loslassen. Das steckt da für mich drin.

Und was für eine Figur müsste noch rein, wenn Sie sich eine ausdenken dürften?

Eine Figur dazu? Eigentlich lässt sich mit dem vorhandenen Personal alles erzählen.

Hoffmann hatte ja selbst schon überlegt, wer noch fehlte.

Ja, er hat zwei Mal zwei Geschichten hinzugefügt, bis es komplett war. Insofern ist alles drin. Der Hanns Guck-in-die-Luft als Träumer, als der Unachtsame: Das ist heute derjenige den wir auf der Straße treffen, der – oder die – mit dem Smartphone unterwegs ist. Dieses Abgelenktsein ist da einfach wunderbar dargestellt. Der Zappelphilipp, das hyperaktive Kind. Das Typische an den Figuren ist leicht in die Gegenwart zu übertragen.

Auch das Gewitzte, etwa beim Hasen, der den wilden Jäger übertölpelt?

Es steckt so viel Humor in den Geschichten, und damit können sich Kinder distanzieren von dem tragischen Geschehen. Paulinchen verbrennt, aber dann sitzen da die Katzen Minz und Maunz, heulen Sturzbäche und haben Taschentücher in der Pfote. Das zeigt: Es ist fiktiv, das stimmt doch so nicht.

Hilft der Struwwelpeter also auch gegen Fake News?

Er kann Kinder zum genauen Hingucken bewegen: Was stimmt denn an dieser Geschichte nicht? Was ist Quatsch hier? Können Katzen so heulen? Können Fische lachen? Es schadet nicht, ein bisschen Medienkompetenz zu entwickeln im Bilderbuchalter. Was ist Fiktion, was sind Fakten? Das zu überprüfen und sich eben keine Angst einjagen zu lassen, auch dabei hilft der Struwwelpeter.

Interview: Thomas Stillbauer

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