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„Witze zu machen ist immer eine Frage des Tons“

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Von: Thomas Stillbauer

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Ihr Psychologiestudium half in Sachen Humor. Lara Ermer auf der Bühne.
Ihr Psychologiestudium half in Sachen Humor. Lara Ermer auf der Bühne. © Marvin Ruppert

Dann lässt sich auch über Schlimmes lachen. Die Frankfurter Comedienne Lara Ermer über ein neues Buch voller Humor über Depressionen

Frau Ermer, haben Sie heute schon ein Schaumbad genommen?

Nein! Nein, Robert Habeck würde bestimmt enttäuscht den Kopf schütteln, wenn ich es täte.

Eine Duftkerze angezündet?

Ein ganz hervorragender Ratschlag, aber nein, auch nicht.

Ich frage natürlich so doof, weil das zwei Tipps für Menschen mit Depression sind, die Sie in ihrem Beitrag zum Buch ironisch zitieren. Wie kamen Sie in den Kreis der Autorinnen und Autoren?

Die hervorragenden Menschen vom Lappan-Verlag haben sehr behutsam darüber nachgedacht, wer sich eh schon öffentlich zum Thema Depression geäußert hat – wen könnte man ansprechen und fragen: Hey, hättest du nicht Lust, Witze über Depression zu machen? In dem Buch sind also viele, die über ihre eigene Depression sprechen.

Sie auch?

Ich falle ein bisschen aus dem Rahmen. Ich spreche ja aus der Position heraus, dass ich Psychologie studiert und mich quasi aus der anderen Richtung mit dem Thema beschäftigt habe. Und jetzt durfte ich mit ganz vielen fantastischen Menschen dieses Buch schreiben.

Ihr Buchbeitrag setzt sich zu Teilen aus Nummern Ihrer Bühnenprogramme zusammen, richtig?

Ja, es sind auch Teile meines aktuellen Soloprogramms dabei, mit dem ich ab Herbst unterwegs bin. Meine Bühnennummern und die Nummern, die ich für mein eigenes Buch geschrieben habe, greifen bei mir immer sehr ineinander. Bei anderen, etwa bei Helene Bockhorst, sind es Auszüge aus ihrem Buch, und so kommen wir alle aus unseren unterschiedlichen Projekten zusammen.

Es sind viele verschiedene Stilformen drin.

Mal ein längerer, mal ein kurzer Text, dann eine Zeichnung. Ein gelungener Mix. Gerade wenn man denkt, oh, ein ganzes Buch zum Thema Depression!, könnte man ja die Angst bekommen, dass es sehr monothematisch ist und sich auf einem Punkt ausruht. Aber es geht ja um so vieles – um Umarmungen, Kunst, dann geht’s darum, wieso Vibratoren zu anstrengend sind ... es geht um alles Mögliche, das ist das Erfrischende an dem Buch.

Sie leben in Frankfurt. Ist das eine Stadt, in der man eher Depressionen bekommt oder eine Stadt, in der man Depressionen besser aushält?

(lacht) Wenn es so leicht wäre, glaube ich, wären viele Depressive an einem Ort versammelt. Leider sind Depressionen nicht ganz so leicht zu verstehen und auch nicht so leicht zu erklären. Es kommt sehr auf die Depressionen an, die man gerne haben oder loswerden möchte. Mich persönlich macht Frankfurt sehr glücklich. Genauso kenne ich aber Menschen, die sagen, dass Frankfurt ihnen wahlweise zu viel ist – was gerade für eine depressive Person sehr anstrengend sein kann – oder zu fordernd.

Inwiefern ist Frankfurt denn fordernd?

Auch wenn diese Stadt oft im Herzen erstaunlich Dorf ist, ist ja doch auch viel los. Es sind viele Menschen, es tut sich kulturell viel, es ist laut, es ist schnelllebig – das kann schon sehr fordernd sein. Das sind aber alles genau die Gründe, aus denen ich hier bin. Ich finde es auf gute Art fordernd.

Sie sind ja in Fürth geboren, zum Studium hergekommen und …

Nee, ich habe mein Studium noch in Erlangen gemacht und bin eher aus beruflichen und privaten Gründen hergezogen. Für mein Leben auf Bühnen, bei dem man viel unterwegs sein muss, ist Frankfurt die beste Stadt der Welt. Von nirgendwo kommt man so gut überallhin wie von Frankfurt aus. Ich bin komplett aus Überzeugung hierhergezogen.

Es ist ein oft gehörtes vergiftetes Lob, dass Leute so gern in Frankfurt leben, weil man von hier so schnell woanders hinkommt.

Das ist tatsächlich auch ein Vorteil für mich. Genauso ist es aber ein Vorteil, dass ich von ganz vielen Auftritten auch nachts noch zurück nach Hause komme – und ich komme sehr gerne zurück nach Frankfurt.

Das wollte das Frankfurt-Herz hören. Sie haben Psychologie studiert. Ist das etwas, das den Menschen im Umgang mit ihren eigenen Depressionen helfen kann? Die theoretische, wissenschaftliche Beschäftigung damit?

Ich habe, wie gesagt, nicht die Innenperspektive. Mir hat die Psychologie vor allem geholfen beim Humor. Und es ist natürlich hilfreich in meinem Beruf, ein sehr großes Verständnis vom Menschen zu haben. Natürlich kann es bei Depressionen vielen helfen, sich zu informieren und die Krankheit zu verstehen, soweit sie zu verstehen ist. Es gibt sehr hilfreiche Stellen, an die man sich wenden kann und wohin ja auch sämtliche am Buch beteiligten Künstlerinnen und Künstler ihre Honorare spenden: die Deutsche Depressionshilfe, die Deutsche Depressionsliga und den Verein Freunde fürs Leben. Die leisten alle ganz großartige Aufklärungsarbeit.

ZU PERSON & BUCH

Lara Ermer ist Autorin, Moderatorin und Comedienne. Sie hat Psychologie studiert und lebt in Frankfurt. 2018 erhielt sie den Kulturförderpreis ihrer Geburtsstadt Stadt Fürth, 2021 gewann sie die Kabarett-Vereinsmeisterschaft des Bayerischen Rundfunks. Im vorigen Jahr erschien auch ihr Buch „Ein offenes Buch“.

Für den Satireband „Vom Buffet der guten Laune nehm ich die sauren Gurken“, soeben erschienen, schrieb Lara Ermer einen Beitrag über Mental-Health-Tipps, etwa ein Schaumbad nehmen oder – wie es manche Promis empfehlen – eine Duftkerze mit dem Aroma ihres intimsten Körperteils anzünden. Ob das gegen Depression hilft, schwer zu sagen. Das Buch hat jedenfalls das Zeug dazu. Es ist im Lappan-Verlag erschienen, hat 128 Seiten, kostet 18 Euro und enthält auch Beiträge von Torsten Sträter, Helene Bockhorst, Ronja von Rönne, Schlecky Silberstein, Tobi Katze, Hauck & Bauer, Erzaehlmirnix, Til Mette, Krieg und Freitag und vielen anderen.

Sich mit Psychologie zu beschäftigen – hilft das eher vorbeugend, also beim Nicht-depressiv-Werden, oder beim Damit-Umgehen?

Vorbeugen … ganz so leicht ist es leider nicht (lacht). Spätestens, wenn man das Buch gelesen hat, wird man es wissen. Und alle, die an dem Buch mitgeschrieben haben, wissen es. Auch da ist es wieder ein Kommt-darauf-An. Ich habe schon Depressive getroffen, die gar keinen Bock hatten, etwas über die Serotonin-Wiederaufnahme-Hypothese zu lesen.

Nachvollziehbar.

Man kennt das doch auch von körperlichen Krankheiten: Nicht jeder Mensch, dem etwas wehtut, hat Lust, sich in die genauen Mechanismen einzulesen, warum habe ich jetzt diesen schlimmen Husten. Manchmal hilft das Verstehen bei der Akzeptanz, aber gerade die Depression beschäftigt einen ja Vollzeit. Sich dann noch zusätzlich fachlich reinzusteigern, kann im Einzelfall Erleichterung bringen, ich würde mich aber niemals hinstellen und sagen: Du als depressive Person hast dich gefälligst psychologisch damit zu beschäftigen. Was genau hilft, ist wirklich sehr variabel.

Da kann es der berühmte Doktor Internet auch schlimmer machen, gerade wenn man sich nicht auskennt.

Deswegen ist es wichtig, auf Quellen zu vertrauen, die wissen, wovon sie sprechen. Depressionsliga und Depressionshilfe sind da sehr gute Adressen. Während man im Internet, wie ich in meinem Buchbeitrag schildere, auch sehr schnell die findet, die empfehlen: Reiß dich zusammen! Denk ein bisschen positiv, dann wird das schon! Da kommen wir in den gefährlichen Bereich der Verharmlosung. So würde man bei körperlichen Krankheiten niemals auf jemanden einreden. Bei gebrochenem Bein: Ja – denk mal positiv! Bei psychischen Krankheiten ist es für viele verlockend zu denken, sie hätten dazu etwas beizutragen, und dann etwas Verharmlosendes zu sagen.

Das hört man ja oft: Wird schon wieder! Der andere Ansatz: Man geht humorvoll damit um. Ist es o.k., Witze über Depression zu machen?

In dem Buch auf jeden Fall, denn all diese betroffenen Menschen machen ja auch Witze über ihre eigene Erfahrung der Depression. Für mich war es wichtig, nicht Witze zu machen, als hätte ich eine Depression, denn ich habe keine. Das fände ich frech, das fände ich vereinnahmend. Es ist immer eine Frage des Tons, in dem man Witze über etwas macht.

Welcher Ton verbietet sich grundsätzlich?

Überhaupt keine gute Idee, zu einer Person zu gehen, die depressiv ist, und einfach mal Witze darüber zu machen, ohne zu wissen, ob die Person das möchte. Das ist definitiv kein Alltagstipp! Aber an sich über das Thema Witze zu machen, ist ganz offensichtlich o.k., denn sonst wäre dieses großartige Buch nie entstanden. Darin machen ja ganz viele Menschen hervorragende Witze über ihre Erfahrungen – und sagen, dass es ihnen hilft, humorvoll damit umzugehen. So eine Depression ist eben omnipräsent, die ist viel da. Armin Sengbusch schreibt am Anfang des Buchs, dass es schade ist, wenn man auf die Depression, auf dieses vermeintliche Schlecht-drauf-Sein reduziert wird. Weil man sehr viel mehr ist als die Depression, nämlich eine Person mit sehr viel Humor.

Sengbusch schreibt auch, die Depression sei gar nicht mehr so schlimm, wenn man tot ist. Und wenn wir schon beim schwarzen Humor sind: Da gehen die Meinungen ja auch auseinander, ob man beispielsweise Witze über Hitler machen darf, um das Grauen zu verarbeiten. Man hört zurzeit wenige Witze über Putin.

Ich finde die Überleitung von Depression zu Hitler und Putin jetzt ein bisschen zu direkt …

… zugegeben.

Auch da gebe ich ungern eine allgemeine Antwort. Witze über schlimme Dinge können Erleichterung bringen, aber auch das Gegenteil bewirken. Ganz, ganz wichtig: die Betroffenen fragen. Ob Witze über den Ukraine-Krieg angebracht sind, habe ich nicht zu entscheiden. Und das ist generell so, ob es um Minderheiten geht, Krieg oder Depression – die Betroffenen sind die, die entscheiden, was witzig ist. Auf diese Menschen müssen wir hören.

Sie haben nach dem Studium in einer psychosomatischen Klinik gearbeitet. Ist das auch ein Ort, an dem gescherzt wird?

Sehr viel – in alle Richtungen. Es gibt dort einen ganz eigenen Humor, und es herrscht ja trotz allem auch Alltag in so einer Klinik. Wir hatten regelmäßige und eigentlich sehr vorhersehbare Slapstick-Momente dort. An einem Tag der Woche, mittwochs, glaube ich, wurde das Mittagessen schweigend eingenommen. Es herrscht dann also Stille. Und natürlich haben das immer alle vergessen – wir sind als laut plärrende Praktis in diesen Speisesaal gepoltert. Das hätte ein unangenehmer Moment sein können, aber es hat immer alle Leute zum Lachen gebracht.

Großartig. Wollen Sie zum Schluss noch einen Witz über Journalisten machen? Ich erlaube es. Als Betroffener.

Wie nennt man einen Journalisten, der vom aktuellen Weltgeschehen berichten muss?

Weiß nicht?

Depressiv.

Interview: Thomas Stillbauer

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