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Die Zeil lockt noch kräftig Passanten an. Doch in den B-Lagen wird es für Händler schwierig.

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Wirtschaft fordert Konzept für Innenstädte

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Handel und Gastronomie sehen die Zukunft der Zentren bedroht. Eine Studie soll neue Perspektiven aufzeigen.

Der Einzelhandel ist in einer sehr schwierigen Situation. Daraus macht niemand einen Hehl beim ersten hessischen Innenstadtgipfel, zu dem der Hessische Industrie- und Handelskammertag, der hessische Handelsverband und der Hotel- und Gastronomieverband Dehoga Hessen eingeladen haben. Weniger Passanten als früher kommen in die Einkaufsstraßen. Der Online-Handel wächst kräftig und nimmt den stationären Geschäften Umsatz weg. Inhabergeführte Läden geben auf. Ketten nehmen ihren Platz ein. Viele Innenstädte im Land veröden. Etwas muss sich verändern. Aber was? „Es ist ein bisschen Ratlosigkeit da“, gibt Tatjana Steinbrenner, Präsidentin des Handelsverbands Hessen-Süd, zu.

Wolfgang Christ vom Urban Index Institut hat zuvor Thesen zur Zukunft der Innenstädte skizziert, die dem Einzelhandel nicht unbedingt Hoffnung machen. Früher habe die Stadt den Handel gebraucht wie der Handel die Stadt. Das Internet aber brauche die Stadt nicht, sagt der langjährige Professor der Weimarer Bauhaus-Universität. Die Bindung des Handels an konkrete Orte ende. Waren zu kaufen, werde zu einem beiläufigen Akt.

Eine Perspektive für die Innenstadt könne es angesichts der fortschreitenden Digitalisierung der Welt sein, ein analoger Knoten zu sein, sagt er. Ein Ort also, an dem sich Menschen treffen und ins Gespräch kommen. Schließlich gebe es ein vielleicht sogar wachsendes Bedürfnis nach dem Analogen, dem Anfassbaren, und nach einer Wiederverzauberung der technisierten Welt. Ausdrücklich lobt er etwa die neue Altstadt, die zwischen Dom und Römer entstanden ist. Menschen ziehe man mit Atmosphäre, Authentizität und Aura in die Stadt, sagt Christ.

Eher profitieren von dieser Entwicklung könnte die Gastronomie, die bereits heute – selbst an der Frankfurter Hauptwache, also in einer Top-Lage – frühere Ladenflächen bespielt. Robert Mangold, Vorsitzender des Fachbereichs Gastronomie beim Dehoga Hessen, nennt diese denn auch einen unverzichtbaren Partner des Handels. Die Handelsvertreter aber schauen skeptisch in die Zukunft. „Die Veränderungen sind so drastisch, dass unsere Innenstädte Nutzungen neu erfinden müssen“, heißt es in einem gemeinsam mit Dehoga und Handelskammertag formulierten Papier. Die Landesregierung fordern sie auf, künftig klare Zuständigkeiten für die Entwicklung der Zentren festzulegen, die Situation in einer „Innenstadtstudie“ wissenschaftlich zu analysieren und die bestehenden Förderinstrumente zu überprüfen.

„Die Innenstadt lebt nicht von alleine weiter“, mahnt der Vorsitzende der Frankfurter Einzelhändler, Joachim Stoll. „Ein ,Weiter so‘ wird nicht reichen.“ Die Politik müsse aufwachen, fordert Steinbrenner. Zugleich müsse der Handel versuchen, dem Kunden zu zeigen, warum es besser sei, analog zu kaufen. Ein Schlüssel sei, das Einkaufserlebnis und die Produkte wieder zu verzaubern. Auch Frank Achenbach, bei der Offenbacher Industrie- und Handelskammer Geschäftsführer für den Bereich Stadtentwicklung und Standortmarketing, fordert zum einen mehr Geld vom Land für die Innenstädte. Er sieht aber auch etwa die Eigentümer der Geschäftshäuser in den Zentren in der Verantwortung. Diese müssten erkennen, dass sie nicht länger so hohe Mieten erzielen könnten.

Achenbach warnt davor, zu glauben, das Rad lasse sich noch einmal zurückdrehen. Der Herrenausstatter und das Sportgeschäft, Läden, die sich viele wünschten, kämen nicht zurück in die City. Um die Innenstadt trotzdem lebendiger zu machen, arbeite man in Offenbach an einem Zukunftskonzept für ein Zentrum, in dem der Handel nicht mehr die Leitfunktion innehat.

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