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Kurtovic fordert Konsequenzen aus dem Anschlag.
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Kurtovic fordert Konsequenzen aus dem Anschlag.

Angehörige

„Wir wurden wie am Fließband abgefertigt“

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Armin Kurtovic kritisiert den Umgang mit den Angehörigen der Opfer nach dem Anschlag in Hanau und nennt weitere Ungereimtheiten zum Notausgang.

Armin Kurtovic hat eine große Tasche mit dicken Ordnern dabei. Er lässt sie an die Obleute verteilen, bevor er seine Aussage beginnt. Darin sind zahlreiche Dokumente, die als Belege dienen sollen. Immer wieder wird er in den nächsten Stunden auf bestimmte Stellen verweisen.

Der 48-Jährige hat durch den rassistischen Terroranschlag seinen 22-jährigen Sohn Hamza verloren. Der Schmerz ist nicht in Worte zu fassen. Als Kurtovic davon erzählt, wie seine Familie in einer Halle der Polizei im Hanauer Lamboy-Viertel die Todesnachricht erhielt und seine Frau zusammenbrach, hat er Tränen in den Augen. Kurz darauf fasst er sich wieder und setzt seinen intensiv vorbereiteten Vortrag fort.

Nach dem Überlebenden Said Etris Hashemi hat am Montag Armin Kurtovic vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags ausgesagt. Auch er kritisiert mangelnde Information und Unterstützung der Angehörigen sowie das Vorgehen bei der Obduktion. In der Polizeihalle seien sie zunächst wider besseres Wissen lange in quälender Ungewissheit gelassen und dann „wie am Fließband“ abgefertigt worden. Ein Polizeisprecher habe stumpf die Namen der Opfer verlesen. Später wurden Kurtovic die Migrationsbeauftragte der Polizei und ein Dolmetscher geschickt. „Warum? Ich bin deutscher Staatsbürger.“ Etwa eine Woche lang habe er nicht gewusst, wo der Leichnam seines Sohnes war. Von der Obduktion habe er auch erst dann erfahren. Den Anblick in der Friedhofshalle, als er den Leichensack öffnete, „kriege ich nicht mehr aus meinem Kopf“. Sie hätten Hamza fast am ganzen Körper aufgeschnitten. Und eine Infusionsnadel vergessen.

Übel stößt Kurtovic auf, dass sein blonder, blauäugiger Sohn in den Unterlagen der Rechtsmedizin als „orientalisch-südländisch“ beschrieben wird. Ob die Verantwortlichen nur nach dem Namen und Vorurteilen gegangen seien? Er sei zudem vorher nicht gehört worden; in der Akte zur Untersuchung werde gelogen. Wäre er gefragt worden, hätte Kurtovic gefordert, dass er seinen Sohn erst sehen kann und sich die Ermittelnden einen Gerichtsbeschluss für die Obduktion besorgen. Er sei seiner Rechte beraubt worden.

Der Generalbundesanwalt hatte Kritik ebenso zurückgewiesen wie alle anderen Behörden. Die Obduktion sei zwingend durchzuführen gewesen.

Einen Schwerpunkt legt Kurtovic auf den Notausgang in der Arena-Bar. Er hatte die Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft mit einer Anzeige in Gang gebracht und ist überzeugt: „Die verschlossene Tür kostete meinen Sohn das Leben.“ Hamza sei schnell auf den Beinen und im Kopf gewesen; die Zeit hätte bei einer offenen Tür gereicht.

Kurtovic bemängelt etwa, die von Zeugen bereits kurz nach der Tat getroffene Aussage, der Notausgang sei stets versperrt gewesen, hätten Ermittler:innen trotz der Bedeutung nicht protokolliert. Er habe Anzeige erstatten müssen, damit sich etwas tat, während bei viel weniger gravierenden Fällen von Amts wegen ermittelt werde. 16 Zeug:innen habe er benannt, doch ein größerer Teil von ihnen sei nicht befragt worden. Außerdem verwundere es, wenn erfahrene Ermittler, die mehrere Stunden in der Arena-Bar gewesen seien, im Tatortbericht notierten, die Tür sei verschlossen gewesen – und später auf Nachfrage plötzlich Zweifel äußerten. Als weitere Ungereimtheit nannte Kurtovic, dass eine Person, die mit der Bar zu tun hatte, schon kurz nach dem Anschlag ihm gegenüber Ermittlungsergebnisse genannt habe. Der Verdacht: Die Person könne ein Informant von Sicherheitsbehörden sein. Auch diese Frage soll der Ausschuss klären.

Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen zum Notausgang ein, weil kein hinreichender Verdacht für eine Straftat bestehe und es widersprüchliche Aussagen zur Fluchttür gebe. Es sei nicht sicher, ob sie an jenem Abend zu war oder nicht.

Scharf kritisiert Kurtovic Innenminister Peter Beuth und Ministerpräsident Volker Bouffier (beide CDU). So habe Beuth sich bis heute nicht mit den Angehörigen getroffen und ihre Kritik ernstgenommen. Bouffier habe sich während eines Treffens viel mit seinem Handy beschäftigt und eigentlich nur Interesse für ihn gezeigt, als er dem Vater vorwarf, dessen Gesicht sei zu häufig in der Presse, was nicht gut sei.

Schuld und Verantwortung lägen nah beieinander, betont Kurtovic. Und appelliert an die Abgeordneten: Es sei ihre Aufgabe, die Wahrheit zu finden und für Konsequenzen zu sorgen: „,Volksvertreter‘ sagt man doch.“ Nachdem Kurtovic seine Erklärung beendet hat, bedankt sich der Ausschussvorsitzende Marius Weiß (SPD) dafür, dass er umfassend ausgesagt habe. Der Dank sei nicht nötig, entgegnet der Hanauer: „Es ist meine Pflicht als Staatsbürger.“

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