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Jutta Ditfurth mauert 1984 die Sprengkammern in der Friedensbrücke zu.

Nachgefragt

„Wir wurden systematisch zusammengeschlagen“

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Die Politikerin Jutta Ditfurth erinnert sich an Großdemonstrationen, brutale Polizeieinsätze und Maurerarbeiten an der Friedensbrücke.

In den vergangenen Jahrzehnten hat Jutta Ditfurth Hunderte von Demonstrationen besucht. Mehrere Nächte verbrachte die Sozialwissenschaftlerin, Journalistin und Politikerin, die mittlerweile für Ökolinx im Frankfurter Stadtparlament sitzt, im Klapperfeld, dem früheren Polizeigefängnis an der Konstablerwache. Für die FR erinnert sich Ditfurth an große Demonstrationen in Frankfurt.

Die erste Demonstration in Frankfurt
Das war 1975, ich wohnte damals noch in Bielefeld. Es ging gegen das Abtreibungsverbot. Damals gab es organisierte Busfahrten in die Niederlande, wo Frauen straffrei abtreiben konnten. Der Zweck der Reise stand auch auf Transparenten an den Bussen. In Frankfurt gab es dann die bundesweite Großdemonstration gegen das Verbot.

Die eindrucksvollste Demonstration
„Rock gegen rechts“ im Jahr 1979. Die NPD meinte, Frankfurt zur Hauptstadt ihres Wahlkampfs machen zu können. Dagegen bildete sich ein breites und sehr starkes linksradikales Bündnis. Nach dem Konzert, für das ich damals das Plakat gemalt hatte, zogen wir mit 50 000 Leuten in die Innenstadt. Da war dann einfach kein Platz mehr für die Nazis, und auch die Polizei zog sich zurück.

Der härteste Polizeieinsatz
Rohrbachstraße, in der Nacht auf den 4. November 1980. Wir haben gegen die Räumung des Hüttendorfs demonstriert, und dann schnappte die Falle zu. Die Polizei unter ihrem Einsatzleiter Hans Robert Philippi hat uns eingekesselt. Dann wurden wir systematisch zusammengeschlagen. Die Polizisten zogen Frauen, die sich unter Autos geflüchtet hatten, wieder hervor und traten ihnen in den Unterleib, Leute erlitten Schädelbasisbrüche, wir mussten uns in die Häuser flüchten. Zum Glück haben uns die Anwohner geholfen. Das war die pure Brutalität, das war ein Polizeiüberfall. Ich habe die Verletzungen dann in einer Broschüre dokumentiert. In der Folge gab es dann jeden Tag, wirklich jeden Tag, Demonstrationen gegen die Räumung des Hüttendorfs.

Die spektakulärste Aktion
Spektakulär war sicher die Aktion an der Friedensbrücke 1984. Wir hatten erfahren, dass es Sprengkammern in der Brücke gibt. Dort sollte im Kriegsfall atomare Munition lagern, mit der die Brücke gesprengt werden kann, damit sich das Militär vor dem Vorrücken der Sowjets zum Flughafen retten kann. Diese Kammern haben wir zugemauert. Die Wasserschutzpolizei ist gegen uns vorgegangen, aber Segler haben uns geholfen.

Die skurrilste Strafanzeige
Nach der Demonstration „Nie wieder Deutschland“ gegen die Wiedervereinigung im Mai 1990 hat mich Marlene Dietrich angezeigt. Ich war mit einem Schild unterwegs mit einem Foto von Dietrich und ihrem Zitat: „Deutschland? Nie wieder!“ Mit dem Satz wollte sie offenbar später nichts mehr zu tun haben, deshalb die Anzeige. Ich hatte mich sehr auf den Gerichtsprozess gefreut, denn dann hätte ich sie mal kennengelernt. Aber kurz vor dem Prozess hat sie die Anzeige zurückgezogen.

Die nächste Demonstration
Ich werde am Samstag auf die Demonstration gegen den „NSU 2.0“ gehen. Wir müssen hartnäckig darauf hinweisen, dass die Drohungen gegen Seda Basay-Yildiz noch längst nicht aufgeklärt sind. Und wir wollen das Geschrei der Polizei und der Politik von angeblichen Einzelfällen nicht mehr hören. Es gibt sicher anständige Polizisten. Aber ebenso gibt es eben Leute, die fangen wegen des autoritären Charakters der Polizei dort an.

Zusammengestellt von Georg Leppert

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