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Paul Harder ist Frankfurter Stadtschülersprecher. Bild: Monika Müller

Porträt der Woche

Der Frankfurter Stadtschülersprecher Paul Harder

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Der Frankfurter Stadtschülersprecher Paul Harder hat jetzt einen vollen Terminkalender und hofft auf viele Teilnehmer am Klima-Freitag

Am vergangenen Freitag war er nicht dabei. Hat ausnahmsweise nicht während der Unterrichtszeit für eine bessere Klimapolitik demonstriert. So wie es zahlreiche Schülerinnen und Schüler derzeit immer freitags tun. Paul Harder musste zur Demonstrationszeit eine Französisch-Arbeit schreiben. „Eher ein schwächeres Fach bei mir“, sagt der Frankfurter Stadtschülersprecher. „Da wollte ich nicht Ärger mit den Lehrern anfangen.“ Diese Woche ist er bei der „Fridays for Future“-Demo wieder dabei. Weltweit wollen an diesem Tag Schülerinnen und Schüler für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen. „Hoffentlich kommen in Frankfurt Tausende“, sagt Harder.

Im vergangenen Oktober ist der 15-Jährige zum Frankfurter Stadtschülersprecher gewählt worden. Er ist die Stimme der Jugendlichen in der Stadt. „Vor den Demos gab es eine geringe Anzahl von Leuten, die sich richtig für Politik interessiert haben“, sagt er. Doch die Demos hätten einiges geändert. „Immer mehr Schülerinnen und Schüler werden politisiert.“

Harder besucht im ersten Jahr die Oberstufe des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums in Höchst. Er musste nicht erst durch die Demos und das Thema Klimawandel politisiert werden. Seit er elf Jahre alt ist, interessiert er sich für Politik. Anfangs hat er sich für Physik begeistert und überlegt, „wie die Welt funktioniert und was man ändern müsste, damit es den Menschen gutgeht“. Doch ihm wurde schnell klar: „Das geht nicht über Physik, das geht nur, wenn sich die Gesellschaft ändert.“ Einen Parteieintritt hat er erwogen, dann kam aber die Wahl zum Stadtschülersprecher: „Das ist ja auch ein politisches Amt.“

Zur Demonstration ruft der Stadtschülerrat selber nicht auf. Da würden wir zu einer Ordnungswidrigkeit aufrufen, sagt Harder. Schließlich finden die Demos statt, während die Schülerinnen und Schüler in der Schule sein sollten. Aber für den Protestzug am Freitagmittag hat der Stadtschülerrat einen Infobrief verfasst. Dass es die Demonstration gibt, was es mit dem Klimawandel auf sich hat, dass etwas getan werden muss. Harder hat sich viel mit dem Thema beschäftigt. „Je tiefer man in die Materie eindringt, desto mehr wird einem die Gefahr bewusst.“

Der Protest Weltweit wollen am Freitag, 15. März, Schülerinnen und Schüler auf die Straße gehen, um eine engagiertere Klimaschutzpolitik einzufordern. In Deutschland werden allein fast 200 Demonstrationen erwartet.

In Frankfurtstartet die Demonstration um 12 Uhr an Hauptbahnhof und Bockenheimer Warte. Die Landesschülervertretung rechnet mit 10 000 Schülerinnen und Schülern, die sich in Frankfurt an der internationalen Bewegung beteiligen. sabu

Und das wird immer mehr jungen Menschen bewusst. Kamen im Dezember zur ersten „Fridays for Future“-Demo nur eine Handvoll Schülerinnen und Schüler zusammen, sind es inzwischen auch mal mehrere Hundert. Dass die Demos zur Schulzeit stattfinden, fand Harder anfangs eigentlich nicht nötig. „Ich dachte, wir Schüler und Schülerinnen würden auch Aufmerksamkeit bekommen, wenn wir außerhalb der Schulzeit protestierten.“ Aber inzwischen hat er mit einigen Politikern darüber gesprochen. Und die gaben zu: Es würde sie sonst nicht interessieren. „Deshalb ist es berechtigt, das während der Schulzeit zu machen“, findet Harder. Schließlich verdienten die Anliegen der Schülerinnen und Schüler Aufmerksamkeit. Zuhören sollen alle, wenn etwa der Kohleausstieg für 2030 gefordert wird. Hinzu kommt: „Ich hab auch zum Lehrer gesagt: Warum soll ich in den Powi-Unterricht gehen, wenn ich Politik hautnah erleben kann?“

Zu Hause diskutiert er viel. Die Mutter arbeitet in einer Kita, der Vater ist Bauarbeiter. Er hat eine jüngere Schwester und einen älteren Bruder. Die Familie unterstützt ihn, aber gerade mit dem Vater ist er politisch oft nicht einer Meinung. „Aber man muss auch andere Perspektiven sehen“, sagt Harder. Heutzutage lebe man im Internet oft in einer Filterblase, bekomme nur das angezeigt, womit man übereinstimme. „Wenn man mit Menschen redet, dann bekommt man ungefilterte Meinungen.“ Das ist auch für ihn der größte Fehler, den gerade Politiker machen. „Sie reden nicht mit den Menschen, sehen Dinge nur aus ihrer Perspektive.“

Mit den Demos „können wir die Politiker aufwecken“, glaubt Harder. Sie vielleicht zum Handeln für eine bessere Klimapolitik bewegen. Er spricht vom Rückkopplungseffekt, von der Ozonschicht, von schmelzenden Polarkappen. „Sich in zehn Jahren darum zu kümmern, wäre zu spät.“ Er spricht mit Bedacht, wählt die Worte sorgfältig aus. Nicht nur, wenn es um den Klimawandel geht. Auch beim Reden übers bedingungslose Grundeinkommen, über die Arbeitswelt 4.0, über soziale Gerechtigkeit, über den Artikel 13. Es gibt viele Dinge, über die er sich Gedanken macht. Natürlich auch über die Themen innerhalb einer Schule. „Viele Schülervertretungen wissen da gar nicht, wie sie ihre Rechte nutzen können.“ Dass ein Jogginghosenverbot an der Schule verhindert werden könne, bei der Auswahl der Gerichte in der Mensa mitgeredet werden dürfe.

In seiner Freizeit spielt er gerne Trompete. Klassik, Filmmusik, „und auch bei Videospielen gibt es gute Stücke“, sagt er. Aber seit er Stadtschülersprecher ist, hat er nur noch wenig Zeit für die Trompetenleidenschaft. „Ich gehe in die Schule und bin danach bis 22 Uhr unterwegs“, sagt er. Vorstand leiten, Veranstaltungen planen, repräsentative Termine. „Man denkt vorher gar nicht, was für einen vollen Terminkalender man als Stadtschülersprecher hat.“

Er hat Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) gebeten, doch mal die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg nach Frankfurt einzuladen, die seit dem Sommer freitags nicht zur Schule geht, um das Klima zu retten. Mit ihr habe schließlich alles begonnen, sagt Harder. „Sie war das Streichholz, das die Schnur zur Bombe angezündet hat.“ Aber die Schülerinnen und Schüler in Deutschland würden da nicht einfach nur hinterherlaufen. „Wir gehen nun schon unsere eigenen Wege.“ Wenn sich etwa in der Politik trotz der Schulstreiks nichts ändere, „dann müssen wir vielleicht auch täglich demonstrieren gehen“, sagt Harder. Ganz unabhängig von Greta.

Von einem Jugendparlament in der Stadt träumt er. Denn es ärgert ihn, dass Jugendliche so wenig gehört werden. Das Parlament könnte dann Vertreter in die Römer-Ausschüsse und in die Stadtverordnetenversammlung schicken. „Damit wir auch mitbestimmen können“, sagt er. Die Einführung eines solchen Parlaments sei aber sicher ein langwieriger Prozess. Doch den will er anstrengen, wenn „ich mal in die Politik gehe“. Das kann er sich durchaus vorstellen. „Das ist schon ein Wunsch von mir.“ Doch momentan, da demonstriert er erst einmal gegen die derzeitigen Politiker. Fast jeden Freitag.

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