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„Wir wollen nicht zumachen“

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Von: George Grodensky

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Uni-Präsident Enrico Schleiff beim Unistart für die Studierenden im Audimax.
Uni-Präsident Enrico Schleiff beim Unistart für die Studierenden im Audimax. Renate Hoyer © Renate Hoyer

Goethe-Uni-Präsident Enrico Schleiff spricht über Energiepreise, Wohnraum für Studierende und den Lückenschluss der U4.

Ein schöner Tag im Herbst, die Vorlesungen haben begonnen, die Goethe-Uni summt und brummt. Mittendrin Präsident Enrico Schleiff, der sich über die vielen neuen Gesichter auf dem Campus freut. Ob im Winter Krieg und Corona die Betriebsamkeit wieder bremsen?

Herr Schleiff, bleibt die Universität im Winter geöffnet? Neben Corona plagen wir uns ja mit der Energiekrise herum.

Wir planen dieses Wintersemester in Präsenz und werden alles versuchen, die Universität offen zu halten. Dabei können wir auf unsere Erfahrungen mit erfolgreichen Konzepten während der Corona-Pandemie zurückgreifen. Sorgen bereiten uns die enorm gestiegenen Energiepreise. Uniweit rufen wir daher dazu auf, dass alle einen Beitrag zum Energiesparen leisten.

Sie haben die Heizung gedrosselt.

Wir setzen die geltenden politischen Vorgaben um und wärmen die Räume bis 19 Grad. Flure werden nicht beheizt. Jeder einzelne kann einen Beitrag leisten, dass wir die Einsparziele erreichen und uns die Spielräume für Forschung und Lehre erhalten.

Eine geöffnete Uni wäre schon eine Hilfe für die Studierenden.

Wie gesagt, wir planen ja in Präsenz. Im Vorfeld gab es wohl einige Missverständnisse dazu. Die haben wir inzwischen ausgeräumt. So hatte das Präsidium während der vorlesungsfreien Zeit zusammen mit den Dekaninnen und Dekanen überlegt, was wir wegen der steigenden Kosten und der womöglich ausbleibenden Energielieferungen unternehmen könnten. Letztlich haben wir jedoch alle seinerzeit diskutierten Maßnahmen, etwa die Winterpause einige Tage zu verlängern oder in Teilpräsenz zurückzugehen, wieder verworfen.

Warum?

Erstens wollen wir nicht zumachen, weil es nicht sozial wäre, wenn die Studierenden zu Hause für die Heizkosten aufkommen müssten, während die Uni sich die spart. Zweitens möchten wir unsere Lehre auf hohem qualitativen Niveau anbieten und nicht ein digitales Notprogramm fahren, auch wenn wir während der coronabedingten Schließzeiten viel über digitale Formate gelernt haben. Denn drittens: eine Teildigitalisierung widerspricht der Logik einer Präsenzuniversität.

Wie kann die Uni die Studierenden angesichts der grassierenden Teuerung noch unterstützen?

Wir haben einen Nothilfefonds des Studierendenwerks, auch der AStA hat einen Nothilfefonds aufgelegt. Internationalen Studierenden helfen wir über unser Academic Welcome Programm. Aber als Universität mit 44 000 Studierenden können wir nicht alle Härten kompensieren, die die Krise mit sich bringt, das würde uns überfordern. Daher konzentrieren wir uns im Interesse aller unserer Studierenden darauf, unter schwierigen Rahmenbedingungen weiterhin die Angebote für Forschung und Lehre bereitzuhalten. Das sind wir unseren Studierenden schuldig.

Wie kann in der Stadt günstiger Wohnraum entstehen? Wie die Uni dabei unterstützen?

Selbstverständlich ringen wir immer weiter mit der Stadt, bezahlbaren Wohnraum ausbauen. Ein Beispiel für eine Initiative: Frankfurt ist eine der ganz wenigen Städte, die einen Zuschuss für Studierendenhäuser bezahlt. Das war unsere Idee. Zudem sind wir immer wieder im Gespräch, ob nicht weitere städtische Grundstücke für preiswertes studentisches Wohnen nutzbar sind. In Ginnheim und am Riedberg haben wir unieigene Grundstücke dafür bereitgestellt. Weil wir überzeugt davon sind, dass 75 000 Studierende, immerhin zehn Prozent der Frankfurter Bevölkerung, für die Stadt ein großer Gewinn sind: durch innovative Ideen, Bereicherung der Kulturszene, auch als Konsumentinnen und Konsumenten.

Studierende klagen, auf dem Campus Westend gebe es wenig Möglichkeiten, selbst verwaltet etwas auf die Beine zu stellen.

Ich würde den Bogen ein wenig weiter spannen. Es gibt insgesamt zu wenig Räume an der Universität. Nicht nur für studentische Autonomie. Wir haben viele Kolleginnen und Kollegen und wissenschaftliche Projekte, die wir inzwischen in Anmietungsflächen unterbringen müssen, weil der Ausbau des Campus Westend und Campus Riedberg länger dauert, als ursprünglich geplant. Das soll kein Vorwurf sein: Der Neubau fast einer ganzen Universität ist ein Jahrhundertprojekt, und das Engagement des Landes ist enorm.

Abhilfe soll das neue Studierendenhaus schaffen, wann ist Baubeginn?

Im ersten Halbjahr 2023 ist der Spatenstich. Wir sind optimistisch, dass wir 2026 eine große Party zur Eröffnung feiern können. Nicht nur mit den Westendlern, es ist ein Studierendenhaus für alle Studierenden der Goethe-Universität.

Und bis dahin?

Wir haben ja nicht nur diese Räume. Auf dem Campus Westend steht den Studierenden das ehemalige Bauleitgebäude sowie ein Kiosk zur Verfügung. Jeder Fachbereich hat Räume für Fachschaften. Wir haben das Haus der Stille, in dem Aktivitäten stattfinden können. Wir haben Sozialräume in Wohnheimen, auch auf dem Campus. Wir haben auf Uni-Geländen Permagärten geschaffen, die Studierende initiiert haben und gestalten. Studierende engagieren sich in fast 50 studentischen Initiativen. Deswegen glaube ich, wenn man sich betätigen möchte, dann geht das, auch wenn es mit dem Studierendenhaus noch besser werden wird.

Auch Studierende am Riedberg finden den Campus zwar schön und gut ausgestattet, aber recht verschlafen.

Der Riedberg ist ein noch sehr junger Stadtteil, der dabei ist, sein eigenes Profil und ein lebendiges Sozialleben zu entwickeln. Da wäre es schön, noch das eine oder andere zu haben, wo sich Studierende willkommen fühlen. Der Stadtteil täte gut daran, dieses Potenzial zu nutzen. Immerhin sind knapp 8000 Studierende auf dem Campus, die sicherlich auch den Stadtteil bereichern könnten, wenn sie mehr Möglichkeiten hätten. Unsere Fachschaften sind aktiv und organisieren viel, auch Partys. Eines der tollsten Projekte ist unsere Night of Science. Das ist eine rein studentische Initiative. Wenn Studierende so ein Großevent auf die Beine stellen, selbst unter Coronabedingungen. Dann ist das studentisches Leben.

Wirkt eigentlich das Drama um die zu viel gegebenen Zusagen in der Medizin noch nach? Es sind ja jetzt ein paar mehr Studierende als sonst. Bleibt dennoch die Studienqualität erhalten?

Die Goethe-Universität wird jedenfalls am Campus Niederrad nicht anbauen müssen. Weil wir von anderen Hochschulen bundesweit sehr viel Solidarität erfahren haben, in ganz besonderem Maße übrigens von den Kolleginnen und Kollegen der Uni Gießen, denen ich dafür außerordentlich dankbar bin. Damit verteilt sich die Aufgabe auf viele Hochschulen. Wir werden jetzt evaluieren, was zu tun ist, damit alle Studierenden, die in diesem Semester zu uns kommen, ein hochqualitatives Studium machen können. Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir bei der räumlichen Ausstattung und den Kapazitäten für Praktikumsplätze sehr zuversichtlich.

Beim geplanten Lückenschluss der U4 tut sich wenig. Käme die Hochschule ohne eine Haltestelle unterm Adorno-Platz zurecht?

Es ist eher die Frage: Kommt die Stadt ohne eine solche Haltestelle zurecht? 30 000 Studierende und Mitarbeitende kommen jeden Tag, jeden Morgen auf diesen Campus. In Bussen, in Straßenbahnen, mit dem Fahrrad, im Auto. Möchte ich wirklich dieses bereits heute aus allen Nähten platzende und, Stichwort U-Bahnhof Holzhausenstraße, stellenweise sogar gefährliche System noch stärker vollpacken? Eine direkte Uni-U-Bahn ist die beste Lösung.

Oder eine Station am Botanischen Garten bauen, auf der anderen Seite des Grüneburgparks, wie es eine der Varianten beim Lückenschluss der U4 vorsieht.

Dann laufen jeden Morgen und jeden Abend zig Tausend Leute durch den Grüneburgpark zur Goethe-Universität. Ob das den wertvollen Grünflächen dort zuträglich ist, würde ich bezweifeln. Eines muss allen klar sein: Die Goethe-Universität ist eine der größten Institutionen dieser Stadt, ihre verkehrstechnische Anbindung jedoch weiterhin, sagen wir mal, stark unterdimensioniert und…

…improvisiert…

…ja, genau. Jetzt kann man natürlich wieder anfangen, über neue Möglichkeiten nachzudenken: Ob man eine Straßenbahn baut, gegen die Anwohnerinnen und Anwohner der Strecke mit Sicherheit klagen, da mit Geräuschbelastung verbunden, oder mehr Busse einsetzt, wo doch Frankfurt gerade viele Strecken in Fahrradstraßen umwandelt; wo fahren dann die Busse? Damit riskiert man, Planungen wieder von vorn zu beginnen, die schon seit fast 20 Jahren laufen. Wohlgemerkt: Wir reden darüber, dass diese U-Bahn 2030, 2035 fertiggestellt sein soll. Wenn wir jetzt neu planen, würde sich das enorm verzögern.

Bis 2050…

Wir brauchen endlich Planungssicherheit und nicht jeden Tag einen neuen Vorschlag. Meiner Meinung nach ist für Universität und Stadt ein direkter Anschluss des Campus Westend an den Hauptbahnhof alternativlos.

Interview: George Grodensky

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