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Mann des klaren Worts: Bodo Kirchhoff bei der Ehrung im Kaisersaal des Römers.

Bodo Kirchhoff

Bodo Kirchhoff erhält die Goethe-Plakette

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Bodo Kirchhoff antwortet auf die Verleihung der Goethe-Plakette mit einer kleinen Novelle.

Der Schriftsteller wäre nicht er selbst, würde er nicht seine eigene Ehrung zum Gegenstand eines literarischen Textes machen. Und so antwortet Bodo Kirchhoff auf die Verleihung der Goethe-Plakette mit einer kleinen Novelle. Sie spannt den Bogen von dem 15-jährigen Schüler, der in Goethes Schäferspiel „Die Laune des Verliebten“ aus dem Jahr 1768 zum ersten Mal auf der Bühne stand, bis zum 70-jährigen Autor, der sich heute mit Parolen wie „Fuck you, Goethe!“ konfrontiert sieht.

Und wie stets bei Kirchhoff schimmert in dieser Rede voller Wortgewalt auch stille Verzweiflung über den Zustand unserer Gesellschaft mit. Er erinnert sich an den Studenten, der sich Anfang der 70er Jahre entschied, in Frankfurt zu bleiben. Auch weil es die Stadt der Auschwitz-Prozesse war, die ab 1963 das Grauen der Konzentrationslager aufgearbeitet hatten. „Es war eine Stadt, in der man leben sollte.“

Bis heute blieb Kirchhoff Frankfurt treu. „Wer sofort das Ende wissen will, ist für Literatur verloren“, tröstet uns der Autor. Er blättert die Wahlverwandten auf, die sein Schreiben beeinflusst hätten: Genet, Pasolini, Thomas Mann und Marguerite Duras. Und er dringt zum „annehmbaren Pathos“ vor, „für mich das Zentrale von Literatur“.

Und er stellt die Frage, was wohl wäre, wenn Goethe, für einen Tag wieder zum Leben erweckt, nach Frankfurt zurückkehren würde. „Scheiß auf Dichter, leck mich, Romantik, fahr zur Hölle, Goethe!“: Damit müsste der alte Dichterfürst fertigwerden. Kirchhoff warnt eindringlich vor raschen Urteilen, wie sie dieser Tage gegen Künstler gefällt würden – etwa gegen den Maler Emil Nolde als Anhänger der Nationalsozialisten. „Das Werk und die Person dahinter sind zweierlei“, mahnt der Schriftsteller.

Nicht nur an der Stelle setzt es Beifall im Kaisersaal des Frankfurter Rathauses. Kirchhoff endet natürlich mit einem Goethe-Zitat, hier aus einem Brief vom 10. November 1767: „Wir sind unsere eigenen Teufel – wir vertreiben uns aus dem Paradiese!“

Zuvor hat die Literaturkritikerin Rose-Maria Gropp den Geehrten als „Klassiker unserer Gegenwart“ gewürdigt. Der Autor sei „das Gegenteil eines zappelnden Stadtneurotikers“, immer auf der Suche nach der Sprache, die „dem Drama der menschlichen Existenz angemessen“ sei. Kirchhoff mache in seinen Werken schmerzlich bewusst, dass „der Diskurs der Liebe von extremer Einsamkeit“ geprägt werde. Schmerzlich vermisst wurde Kulturdezernentin Ina Hartwig, die als langjährige Literaturkritikerin sicherlich viel zu Kirchhoff zu sagen gehabt hätte.

So aber muss sich der Oberbürgermeister der schwierigen Aufgabe eines Grußwortes unterziehen. Peter Feldmann würdigt Frankfurt als „Nährboden für gute Literatur“. Keiner widerspricht.

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