Designschool01_300720
+
Detlef Wildermuth (links) und Ralph Thamm leiten die European School of Design.

Interview

Ärger am Paradieshof Frankfurt: „Wir sind systematisch blockiert worden“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Detlef Wildermuth und Ralph Tamm, Direktoren der European School of Design, sprechen im FR-Interview über ihre Erfahrungen beim Paradieshof mit der Stadt Frankfurt

Seit 2014 haben die Leiter der European School of Design mit verschiedenen Politikern und Ämtern der Stadt Frankfurt über einen Umzug der Schule von ihrem heutigen Gelände an der Hamburger Allee in Bockenheim auf das Grundstück des Paradieshofs in Sachsenhausen verhandelt. Im Gespräch mit der FR erzählen Sie, warum der Umzug gescheitert ist.

Paradieshof in Frankfurt: „Wir waren anfangs entsetzt“

Herr Thamm, Herr Wildermuth, wie sind Sie als Direktoren der European School of Design überhaupt darauf gekommen, mit der Schule auf das Gelände des Paradieshofs in Sachsenhausen umziehen zu wollen?

Wildermuth: Wir hatten uns im Frühjahr 2014 an die städtische Wirtschaftsförderung gewandt und sie gebeten, uns doch eine Fläche für die Zukunft der Schule zu empfehlen. Und die Wirtschaftsförderung schlug uns den Paradieshof vor. Wir haben uns den angeschaut und waren anfangs entsetzt – weniger vom Zustand des Gebäudes als von der direkten Nähe zu den Amüsierbetrieben Alt-Sachsenhausens mit ihren unschönen Begleiterscheinungen. Nachdem wir uns einige Wochen damit gedanklich auseinandergesetzt hatten, sahen wir allerdings auch Chancen und Möglichkeiten, an diesem Ort etwas für die Schule und für den Stadtteil bewirken zu können.

Thamm: Nachdem wir uns mit dem Gebäude angefreundet hatten, kamen wir immer mehr zu der Überzeugung: „Das passt“. Wir sind dann unheimlich optimistisch in die ganze Sache gestartet.

Paradieshof in Frankfurt: Alt-Sachsenhausen will weg vom Image als Saufviertel

Wem haben Sie Ihr Konzept präsentiert?

Wildermuth: Uns wurde von der Stadt gesagt, dass man ja wegwolle vom Image von Alt-Sachsenhausen als einem Saufviertel. Also haben wir unsere Präsentation für die neue Schule „Büffeln statt süffeln“ genannt. Wir wollten den Paradieshof umbauen mit acht Wohnungen für Studierende im Dachgeschoss, mit einem Café unten. Im September 2014 haben wir das präsentiert vor Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Liegenschaftsamt, Planungsamt und Wirtschaftsförderung. Die waren sehr angetan und haben gesagt, dass wir Fördermittel von der Stadt bekommen könnten, weil wir ja Wohnraum schaffen und etwas für die Stadtentwicklung tun. Wir wollten das auch Bürgermeister Olaf Cunitz direkt zeigen, kamen aber nie an ihn ran. Da hat mir eine Freundin seine Handynummer gegeben und gesagt: „Ruf den an, immer wieder!“ Ich hab‘ gesagt: „Ich kann doch nicht den Bürgermeister auf dem Handy anrufen!“ Sie: „Doch, das machen alle!“ Also habe ich Herrn Cunitz angerufen.

Wie hat der Bürgermeister reagiert?

Wildermuth: Der war sehr freundlich und hat gesagt, er wolle sich persönlich unsere Präsentation anschauen. Und dann ist er wirklich gekommen, ganz alleine, am 26. Mai 2015, das war der Wäldchestag.

Und dann?

Wildermuth: Er hat unsere Präsentation angeschaut und gesagt: „Das ist das Beste, das ich je zum Paradieshof gesehen habe. Wenn Sie das verwirklichen, packt die Stadt noch zwei Millionen Euro obendrauf.“ Und wir haben gesagt, wir könnten eine, vielleicht eineinhalb Millionen Euro beisteuern. Wir haben uns sehr gefreut.

Sie haben sich dann offiziell beworben und im Sommer 2016 tagte die Jury für das Nutzerauswahlverfahren.

Wildermuth: Genau. Das war am 30. Juni 2016, am letzten Tag der Amtszeit des Bürgermeisters. Wir haben die Ausschreibung mit großem Vorsprung gewonnen. Es gab zwei Modelle zur Auswahl: Die Stadt Frankfurt saniert den Paradieshof, und wir pachten ihn dann für die Schule. Das war unsere Wahl im Nutzerauswahlverfahren. Oder wir sanieren und bekommen dafür Zuschüsse der Stadt. Das präferierte der damalige Leiter des Liegenschaftsamts, Herr Gangel. Im Raum standen zwei Millionen Euro Zuschuss von der Stadt bei Gesamtkosten von 3,5 Millionen.

Jetzt hatte ja die politische Zuständigkeit gewechselt. Neuer Planungsdezernent war der Sozialdemokrat Mike Josef.

Thamm: Ja, aber auch Herr Josef hat uns seine Unterstützung zugesagt. Am 28. November 2016 hat er uns persönlich geschrieben, dass er uns „mit dem Einsatz städtischer Fördermittel unterstützen“ wolle. Das Schreiben können wir Ihnen zeigen (händigt Brief aus) . Im Januar 2017 gab es dann ein Gespräch mit Stadtplanung und Liegenschaftsamt, in dem wir gebeten wurden, uns auf eine Variante festzulegen. Wir haben uns für die Variante entschieden: Stadt saniert, wir pachten den Paradieshof.

Zur Person Die Kommunikationsdesigner Ralph Tamm und Detlef Wildermuth haben 2007 die European School of Design (ESD) auf dem Gelände Hamburger Allee 45 in Frankfurt-Bockenheim gegründet. Sie führen das Haus gemeinsam als Direktoren. Die staatlich anerkannte ESD ist mit ihren 70 Studierenden und 15 Lehrenden nach dem Urteil des Art Directors Club (ADC) die „kreativste Designschule Hessens“. Das internationale Architektur- und Design-Magazin „Domus“ zählt die ESD zu den 100 führenden Schulen Europas. jg Und dann?

Wildermuth: Dann haben wir acht Monate nichts mehr gehört von der Stadt. Im Herbst 2017 haben wir mehrere Anfragen gestartet, ohne Antwort. Im Dezember, abends sehr spät, erhielt ich einen Anruf von einer Mitarbeiterin des Stadtplanungsamts. Die hat mir ganz privat erzählt, dass sie nicht mehr zuständig seien. Zuständig sei jetzt der Liegenschaftsdezernent, Herr Schneider.

Sind Sie mit ihm zusammengekommen?

Ärger im Paradieshof in Frankfurt: „Jetzt ging es der Stadt darum, Geld zu machen“

Wildermuth: Ja, am 27. Februar 2018, nach einem Jahr Pause seit den vorherigen Gesprächen, kam es zu einem ersten Gespräch mit Herrn Schneider. Wir hatten gleich das Gefühl, dass er nur oberflächlich informiert war. Er hat argumentiert: „Sie können nicht erwarten, dass die Stadt ein Gebäude saniert allein für einen so speziellen Zweck.“ Herr Gangel war leider schon in Pension.

Thamm: Es hieß auch, wenn die Stadt saniert, dauert es lange, und es wird teuer. Wir hatten den Eindruck: Jetzt ging es für die Stadt darum, Geld zu machen. Danach haben wir nichts mehr gehört von der Stadt. Im Sommer 2018 aber gab es plötzlich Presseberichte, das Projekt Paradieshof sei an uns gescheitert. Dann haben wir energisch ein Treffen gefordert.

Kam es zustande?

Wildermuth: Ja, am 26. November 2018 gab es eine große Runde, auch mit Vertretern und Vertreterinnen von CDU, SPD und Grünen. In dieser Runde wurde gesagt, im Etat des Planungsdezernats stünden 3,5 Millionen Euro bereit für den Paradieshof. Etliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer wussten nichts von dieser Summe. Wir wurden vor Abschluss der Sitzung hinausgebeten.

Sie wurden hinausgebeten?

Wildermuth: Ja, wir durften nicht erfahren, was die Parteien besprechen. Wir haben Herrn Schneider dann mitgeteilt, dass wir den Paradieshof sanieren würden, wenn wir die Fördermittel von 3,5 Millionen Euro bekämen.

Thamm: Am 13. Mai 2019 kam eine E-Mail vom Amt für Immobilien, dass ein Entwurf für einen Erbbaurechtsvertrag mit der Post an uns auf dem Weg sei. Am nächsten Tag gab es aber schon Presseberichte, in denen Herr Schneider sich beklagte, dass wir die Sache verzögerten und dass wir uns endlich entscheiden müssten. Wir haben dann immer wieder versucht, Herrn Schneider zu erreichen. Am 31. Juli kam eine Mail aus dem Liegenschaftsdezernat, die Sache sei wegen Urlaubs liegengeblieben, das Amt werde sich aber melden.

Was geschah dann?

Wildermuth: Nichts. Bis uns am 17. Dezember 2019 ein Journalist anrief und mitteilte, die 3,5 Millionen Euro für den Paradieshof stünden nicht mehr zur Verfügung. Am 20. Januar 2020 kam ein Schreiben vom Amt für Immobilien, aufgrund des zeitlichen Fortschritts müsse möglicherweise über eine Neuausrichtung des Projekts nachgedacht werden. Und dann haben wir aus den Zeitungen erfahren, dass Herr Schneider und die SPD den Paradieshof neu ausschreiben wollen.

Wie beurteilen Sie Ihre Erfahrungen mit der Stadt?

Thamm: Es hat gut begonnen. Aber dann sind wir systematisch blockiert worden. Ich glaube noch immer, dass mit Herrn Cunitz und Herrn Gangel die Sache zu einem Erfolg geworden wäre. Wenn ein Wille da ist, ist alles möglich. Aber seitens der Stadt war kein Wille mehr da.

Wildermuth: Wir haben bis heute weder mündliche noch schriftliche Nachrichten von der Stadt zu irgendwelchen Entscheidungen oder über eine neue Ausschreibung. Das ist einfach armselig. Alle zehn Bewerber, die 2016 an der Ausschreibung teilgenommen haben, müssten sich jetzt zusammentun und von der Stadt die Erstattung aller Kosten fordern. Wir alleine haben für unsere Bewerbung und alle Arbeiten seitdem bestimmt 120 000 Euro für Architekten, 3D-Modellierungen, Animationen, Ausstellungsvorlagen et cetera ausgegeben.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Kommentare