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Blick auf die Übersichtskarte, die die Verbreitung des Coronavirus für den Krisenstab der Bundesregierung zeigt.

Coronavirus

„Wir sind Bedrohungen nicht mehr gewohnt“

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Die Präsidentin der Psychotherapeuten-Kammer Hessen, Heike Winter, spricht im Interview über die Angst der Bevölkerung nach dem ersten Coronafall in Hessen.

Heute wurde der erste Coronafall in Hessen bekannt. Wie wirkt sich das auf das Angstgefühl der Menschen aus?

Deutlich. Auch weil wir über die Medien mitverfolgen konnten, wie das Virus langsam von China über Italien immer näher rückte. Als in Deutschland die ersten Fälle auftraten, merkte man, wie die Bedrohung bei den Menschen spürbar wurde. Und das sehen wir jetzt: Das Gefühl, in der gewohnten Umgebung nicht mehr sicher zu sein. Diese Unsicherheit und fehlende Kontrolle lösen Angst aus.

An der Grippe sterben laut Robert-Koch-Institut jedes Jahr rund 20 000 Menschen in Deutschland. Woher kommt die Angst vor neuen Krankheiten wie dem Coronavirus?

Unkontrollierbarkeit erhöht das Bedrohungsgefühl. Über das Coronavirus wird sehr viel berichtet, Würde jede Grippewelle ähnlich medial begleitet werden, hätten wir ein ganz ähnliches Phänomen. Da die Gefahr durch eine Grippeerkrankung aber in der öffentlichen Wahrnehmung weniger präsent ist, ist das Bedrohungsgefühl auch nicht so hoch.

Wie schätzen Sie die Berichterstattung ein?

Insgesamt sachlich-angemessen. In Einzelfällen sehe ich eine Dramatisierung, die der Sache nicht guttut. Insgesamt finde ich den Umgang aber klug, keine Panik zu schüren.

Schafft Aufklärung mehr Ängste bei uns Menschen?

Bei manchen Menschen ja. Und zwar bei denen, die in ihrer Grundhaltung ängstlich sind oder die unter einer psychischen Erkrankung wie einer Angststörung leiden. Da kann es passieren, dass Aufklärung Ängste verstärkt. Nichtsdestotrotz müssen Politik, Gesundheitswesen und Medien natürlich aufklären. Was wir nicht brauchen, ist das Schüren von Panik.

Die Nachfrage nach Hygieneprodukten steigt. In Supermärkten gibt es Hamsterkäufe. Wie angstbehaftet ist unsere Gesellschaft?

Wenn ich vorhersehe, dass mein Leben in Gefahr geraten könnte, versuche ich dem vorzubeugen. Das ist menschlich. In Deutschland haben wir das große Glück, dass wir nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Region leben, die sehr reich und von Kriegen und großen Seuchen verschont geblieben ist. Wir sind es schlicht nicht mehr gewohnt, dass Bedrohungen auftreten können. Das Virus bringt das Sicherheitsgefühl gerade zum Umkehren. Besonders die Erkenntnis, dass es Ereignisse gibt, die wir trotz vieler Fachleute nicht im Griff haben. Das haben Menschen nicht gerne in einer hochzivilisierten Gesellschaft wie hier in Deutschland.

Schätzen Sie die Ängste noch als rational ein?

Man muss sich vor Augen führen, dass wir täglich selbst im Straßenverkehr bedroht sind. Im Alltag ist es nur so, dass wir Menschen diese Bedrohung komplett ausblenden. Das ist eine psychisch sehr gesunde Haltung. Es ist sehr vernünftig, sich diese Haltung zu erhalten und sich nicht permanent zu überlegen, was passieren könnte. Verhaltensweisen wie regelmäßiges Händewaschen halte ich für klug und vernünftig. Noch mehr Schutz führt aber nicht dazu, dass es mir psychisch gutgeht, sondern dass die Ängste zu sehr steigen.

Was können die Menschen tun, um nicht in Panik zu verfallen?

Ihre Bewertung stärker rationalisieren. Die Hygienehinweise konsequent befolgen. Mehr nicht. Für mein Angstgefühl gilt, meine Bewertung so zu verändern, dass ich mir selbst Mut mache und gut zurede und mich beruhige. Die Analogie zur Grippe ist gar nicht schlecht. Die gibt es jedes Jahr.

Interview: Paula Denker

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