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„Wir sind am durchdrehen“

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Von: Timur Tinç

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Iryna Klimanova (v. l.) und Tochter Evelina, sind aus Odessa geflohen. Ivan Herasymenko und Olha Koval waren im Urlaub, als der Krieg in der Ukraine ausbrach.
Iryna Klimanova (v. l.) und Tochter Evelina, sind aus Odessa geflohen. Ivan Herasymenko und Olha Koval waren im Urlaub, als der Krieg in der Ukraine ausbrach. © Renate Hoyer

Ukrainische Geflüchtete, die in Frankfurt gelandet sind, berichten wie sie den Krieg in ihrem Heimatland erleben.

Iryna Klimanova steigen die Tränen in die Augen, als sie über ihren Mann spricht. Seit 20 Jahren ist sie mit ihm verheiratet, nicht einen Tag waren sie voneinander getrennt. Nun sitzt die 43-Jährige seit knapp einer Woche mit der gemeinsamen elfjährigen Tochter Evelina in einem Frankfurter Hotel. Sicher vor den russischen Raketen, die zum ersten Mal am 24. Februar auf ihre Heimatstadt Odessa geflogen sind. „Er ist in der Synagoge und hilft, Blockadesysteme aufzubauen“, berichtet sie. Ihr Mann ist Jude und seine Familie sei 1941 in Odessa erschossen worden. Nur die Mutter und Großmutter hätten fliehen können. „Der Kriegsbeginn hat ein Trauma bei ihm ausgelöst. Er hat mir gesagt: Du musst das Kind nehmen und weg.“

Ivan Herasymenko (32) und Olha Koval (24) waren zusammen im Urlaub in der Dominikanischen Republik, als ihre Handys zu klingeln begannen. „Wir haben die ganze Zeit diskutiert, ob wir zurück in die Ukraine sollen“, sagt Herasymenko. „Wir fühlen uns hilflos, weil wir hier sind und den Verwandten und Freunden in Kiew und Umgebung nicht helfen können.“ Olha Kovals Mutter hat früher in Deutschland gearbeitet. Eine Bekannte von ihr hat den Kontakt mit Boris Schulman von der TuS Makkabi hergestellt, der die beiden vom Frankfurter Flughafen abgeholt und ebenfalls in einem Hotel untergebracht hat.

Am Montagmittag sitzt Koval zusammen mit Herasymenko und Iryna Klimanova in einem Büro der Tennis- und Squash-Anlage vom TuS Makkabi Frankfurt, um der FR ihre Geschichte zu erzählen. Der Verein hat allein am vergangenen Wochenende 150 Geflüchtete aus der Ukraine auf verschiedenen Wegen nach Frankfurt gebracht, berichtet Schulman, Schriftführer des Vereins. Sein Handy klingelt mehrfach während des Gesprächs, das er übersetzt. „Wir brauchen Zimmer“, sagt er. Schulman hat sich Papiere aus dem Sozialamt zuschicken lassen, die er für die Geflüchteten ausfüllt, einscannt und abschickt, damit sie einen Krankenschein und demnächst einen Termin auf dem Amt bekommen.

„Wir sind am Durchdrehen“, sagt Koval. Sie bekomme Videos zugeschickt, wie Raketen in Häuser knallen und Menschen sterben. Herasymenko erzählt, dass er in den ersten Tagen seit Ausbruch des Krieges überhaupt nicht schlafen konnte, weil er versucht habe, die neuesten Nachrichten von seinen Liebsten zu bekommen. „Ich versuche, meine Freunde aufzubauen, dass alles wieder gut wird“, sagt er. Er habe nun erst langsam realisiert, dass der Krieg die bittere Realität ist. Der Familie von allen dreien geht es den Umständen entsprechend gut.

Herasymenko hat für das ukrainische Arbeitsamt als IT-Programmierer gearbeitet. „Wir haben die Seite jetzt so umgestaltet, dass sich da freiwillige Helfer vernetzen können“, berichtet er. Die Server seien in weiser Voraussicht alle nach Westen gebracht worden. Auch Freundin Olha hat in einer IT-Firma gearbeitet, die hat die Arbeit eingestellt. Klimanova und ihr Mann haben ein Restaurant mit Eventcatering betrieben.

Zwei Tage vor Kriegsausbruch haben sie es geschlossen. Von zwei lauten Knallen ist sie am 24. Februar wach geworden. „Wir haben die ersten vier Tage im Flur geschlafen, weil es da keine Fenster gibt, die splittern könnten“, erzählt sie. „Wenn man überhaupt von Schlafen reden konnte.“ In Odessa hätten sie eine Whatsapp-Gruppe gegründet, weil nicht überall die Sirenen zu hören gewesen seien. „Wir sind dann runter in Tiefgaragen, aber da war es auch nicht sicher“, sagt Klimanova. Dann ist sie mit Tochter Evelina zunächst nach Budapest und von da nach Frankfurt. Nun hilft sie aus Deutschland mit Informationen über Routen raus aus der Ukraine.

Olha Koval hätte nicht geglaubt, am eigenen Leib Krieg erleben zu müssen. „Das kannten wir nur aus Geschichtsbüchern“, sagt sie. Als der russische Präsident Wladimir Putin Luhansk und Donezk als unabhängige Republiken anerkannt hat, so Herasymenko, sei ihm klar gewesen, dass er Panzer in die Ukraine schicken würde. Koval hat Verwandte in Russland. „Ich habe sie am ersten Tag angerufen und sie haben mir nur kühl gesagt: ,Halt durch‘“. Durch die jahrzehntelange Propaganda seien sie absolut pro Putin. „Die können sich gar nichts anderes vorstellen.“ Die gleichen Diskussionen hat Iryna Klimanova 30 Jahre lang mit ihren Verwandten geführt, die in Australien leben. „Erst jetzt haben sie verstanden, was für ein Mensch Putin wirklich ist und dass ich all die Jahre recht hatte“, sagt sie.

Wie es für sie weitergeht? „Eine ganz schwierige Frage“, sagt Herasymenko. „Wenn es die Möglichkeit gibt, würden wir sofort zurückkehren und helfen, das Land wieder aufzubauen.“ Klimanova hingegen will abwarten, wie sich die Situation entwickelt. „Wenn es wie in Luhansk oder Donezk wird, dann werde ich nicht zurückkehren“, erklärt sie. „Ich will in eine demokratische Ukraine zurück.“ Tochter Evelina will sie schon bald auf eine Schule schicken, damit sie die Sprache lernen und mit anderen Kindern in Kontakt kommen kann. „Sie will zu ihrem Papa. Gott sei Dank hat sie kein Trauma, da wir sehr schnell reagiert haben“, sagt Klimanova. Bei der TuS Makkabi Frankfurt wird sie turnen, um ein bisschen auf andere Gedanken zu kommen.

Durch Tochter Evelina habe sie in Frankfurt auch eine Verwandte getroffen, weil die Kinder in Kontakt geblieben sind. „Wir gehen jetzt spazieren und lernen die Stadt kennen“, sagt Herasymenko. Er war am Wochenende auf der Demonstration an der Hauptwache und sei positiv überrascht, dass nicht nur Ukrainerinnen und Ukrainer protestiert hätten.

„Wir hoffen und glauben fest daran, dass es Frieden und ein Ende der Gewalt geben wird“, sagt Klimanova. Koval fügt hinzu: „Vor allem, weil der Westen auf unserer Seite steht.“ Iryna Klimanova erinnert daran, dass am 16. März der jüdische Feiertag Purim anstehe. Da gehe es darum, dass man einen bösen König getötet hat. „An vielen Purim-Tagen sind viele Machthaber gestorben. Vielleicht ist es ein guter Tag, um Putin zu stürzen“, sagt Klimanova. (Mit Tabea Berger)

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