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„Wir sagen damit nicht, dass uns ein Tarifvertrag egal wäre“

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Von: Jutta Rippegather, Steven Micksch

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Am Uniklinikum wird für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Renate Hoyer
Am Uniklinikum wird für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Renate Hoyer © Renate Hoyer

Im Interview erklärt der Vorstand des Uniklinikums, wieso er schon vor dem Ende der Verhandlungen mit Verdi mit der Umsetzung der Vertragsinhalte anfangen will.

Die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft Verdi und dem Universitätsklinikum Frankfurt über einen Entlastungstarifvertrag für die Mitarbeitenden ziehen sich weiter hin. Am Dienstag soll ein erneuter Warnstreik am Klinikum für mehr Druck am Verhandlungstisch sorgen. Zumindest einen Zeitdruck verspürt der Vorstand des Klinikums, deshalb baten der kaufmännische Direktor und stellvertretende Vorstandsvorsitzende Markus Jones sowie die Pflegedirektorin Birgit Roelfsema die FR zum Gespräch, um die aktuellen Entwicklungen darzulegen.

Herr Jones, vor etwas mehr als einem Monat sagten Sie, dass mit Verdi zu 90 Prozent Einigung bestehe. Bei wie viel Prozent stehen Sie jetzt?

Jones: Unverändert 90, vielleicht 92 Prozent. Wir haben gemeinsam mit Verdi die Tarifverhandlungen sehr zügig geführt und in den wesentlichen Punkten herrscht Einigkeit. Im Bereich der Pflege, also der größten Berufsgruppe und jener Gruppe, die die größte Entlastung braucht, haben wir nach meinem Eindruck Einigkeit. Außerhalb der Pflege sind noch Punkte offen.

Vor wenigen Tagen klang es noch so, als würde eine Einigung erzielt. Was ist passiert?

Jones: Am vergangenen Montag herrschte auch eine mündliche Einigung. Dann haben wir das Besprochene in eine schriftliche Form überführt, die unserer Meinung nach das gemeinsam Geeinte wiedergibt. Von Verdi kam dann eine deutlich erweiterte Forderung, die sich nicht mit dem übereinbringen lässt, was wir am Montag besprochen hatten. Gefühlt waren das wieder drei Schritte zurück.

An welchem Punkt herrscht denn die größte Uneinigkeit?

Jones: Wir haben zugesagt, im Bereich außerhalb der Pflege 70 neue Vollzeitstellen zu schaffen. Das betrifft IT, Küche, Patiententransport, Labor, Radiologie und weitere Teilbereiche. Verdi möchte die 70 runtergebrochen haben auf die Tätigkeiten – da sieben, da fünf. Wir haben gesagt, wir ordnen 33 Mitarbeiter konkreten Tätigkeiten zu, aber die anderen 37 wollen wir dort einstellen, wo wir sie nach Abstimmung der Logistik- und Betriebskonzepte brauchen. Wir brauchen im Universitätsklinikum Frankfurt vor dem Hintergrund der anstehenden Zusammenlegung der verschiedenen Standorte im kommenden Jahr auch eine gewisse unternehmerische Freiheit. Ich tue mich schwer damit, ohne Logistikkonzept jetzt schon konkrete Zahlen für den Patiententransport zuzusagen. Im Übrigen ist es auch nicht üblich, dass eine Gewerkschaft dem Arbeitgeber vorgeben möchte, wo er wie viele Mitarbeiter einzustellen hat.

Ungewöhnlicherweise sind Sie jetzt in die Initiative gegangen und fangen schon mal mit der Umsetzung an, obwohl keine komplette Einigung herrscht. Wie ist das zu erklären?

Jones: Wir brauchen zahlreiche externe Unterstützer, zum Beispiel einen großen IT-Dienstleister, der unser Arbeitszeit- und Dienstplanungsmodell grundsätzlich umbaut, damit wir das, was wir zugesagt haben, auch leisten können. Da nicht nur wir entlastende Tarifverträge verhandeln, sondern zahlreiche andere Krankenhäuser auch, herrscht eine große Nachfrage nach IT-Dienstleistern. Wenn wir ihn jetzt beauftragen, haben wir die Chance, dass wir im Sommer kommenden Jahres eine komplette Umstellung auch technisch erreicht haben.

Aber es ist ja nicht nur das, was Sie in Gang setzen, oder?

Jones: Richtig. Wir starten jetzt auch schon einen Personalaufbau. Unabhängig davon, wie viele Stellen es schlussendlich werden – wir werden auf alle Fälle mehr Personal brauchen. Und wir wollen auch die Bewerbungswelle im Herbst jetzt mitnehmen.

Roelfsema: Der größte Part dabei ist die Pflege, wo schon Einigkeit herrscht. Wir haben vorkalkuliert und gehen hier von mindestens 100 Vollkräften aus, die wir für das Haus mehr gewinnen möchten. Ziel ist es, diese Zahl bis Sommer 2023 zu schaffen. Das ist extrem sportlich, genau deswegen eilt es. Sonst schaffen wir es nicht. Wir wollen keiner Einigung vorgreifen und sagen damit auch nicht, dass uns ein Tarifvertrag egal wäre. Ganz im Gegenteil.

Geschieht der Personalaufbau nur in der Pflege oder auch in Bereichen, die noch strittig sind?

Jones: Wir starten auch in diesen Bereichen. Diese Mitarbeiter sind schwer zu gewinnen. IT-Kräfte und auch medizinisch-technische Röntgenassistenten sind in Frankfurt beispielsweise eine echte Herausforderung.

Woher sollen die zusätzlichen Kräfte kommen? Besteht nicht die Gefahr, dass das Personal nicht mehr freie Zeit hat, sondern am Ende die Mehrarbeit ausgezahlt wird?

Jones: Wir wünschen uns ein Wahlrecht für die Mitarbeiter. Manchen ist bei den hohen Preissteigerungen das Geld wichtiger als der Freizeitausgleich. Und ich glaube, dass dieser Tarifabschluss unsere Attraktivität als innovativer Arbeitgeber deutlich erhöht. Die Stärkung und Entlastung unserer Mitarbeiter spricht sich rum. Wir sind auch gerade mit Werbeaktionen unterwegs, etwa an S-Bahnhöfen in der Stadt. Wir werden zusätzlich über Dienstleister im Ausland Kräfte rekrutieren. Wir beabsichtigen auch, Teilzeitkräfte bei vereinbarter Entlastung zu einer Aufstockung zu motivieren. Wir sprechen immerhin von ca. 4000 Mitarbeitern, die vom Anwendungsbereich des Tarifvertrages umfasst sind.

Roelfsema: Elternzeit oder ein Pflegefall in der Familie sollen künftig kein Grund mehr sein, sich komplett aus dem Universitätsklinikum zu verabschieden. Wir wollen kreativ sein, um diese Mitarbeiter im Unternehmen zu halten. Auf die setzen, die schon vor Ort sind, ist ein ganz wesentlicher Punkt.

Sie erwarten für nächste Woche Dienstag einen weiteren Warnstreik. Haben Sie das nicht provoziert mit Ihrer Ankündigung, dass Sie vor Abschluss der Verhandlungen bereits mit der Umsetzung anfangen, und damit das Klima vergiftet?

Jones: Die Gespräche haben wir zu keinem Zeitpunkt beendet. Wir sind zuversichtlich, die Gespräche sehr zeitnah fortsetzen zu können.

Werden Sie flotter sein als bei der Charité oder in NRW, wo anlässlich der Verhandlungen um einen Entlastungstarifvertrag monatelang gestreikt wurde?

Jones: Das ist unser Anspruch. In NRW wurde 70 Tage gestreikt, wir mussten unseren Patientinnen und Patienten bisher vier Streiktage zumuten. Unsere Kernaufgabe ist die Versorgung der Patienten. Gleichzeitig wollen wir auch eine Stärkung und Entlastung unserer Mitarbeiter realisieren. Ich bin optimistisch, dass uns die Einigung gelingt.

Interview: Jutta Rippegather und Steven Micksch

Markus Jones ist kaufmännischer Direktor am Uniklinikum Frankfurt. Uniklinikum
Markus Jones ist kaufmännischer Direktor am Uniklinikum Frankfurt. Uniklinikum © Uniklinikum
Birgit Roelfsema ist Pflegedirektorin am Frankfurter Uniklinikum. Uniklinikum
Birgit Roelfsema ist Pflegedirektorin am Frankfurter Uniklinikum. Uniklinikum © Uniklinikum

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