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Der König der Savanne steht dem Betrachter gegenüber.

Schirn

"Wir nehmen Wünsche der Besucher auf"

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Schirn-Direktor Philipp Demandt will den Hintergrund des Kolonialismus in der Schau "König der Tiere" stärker erläutern.

Nach dem Vorwurf etlicher Besucher, die Ausstellung „König der Tiere“ gehe zu unkritisch mit dem deutschen Kolonialisamus um, sprach die FR mit dem Direktor der Kunsthalle Schirn, Philipp Demandt. Der Kulturmanager bat darum, ihm die Fragen vorher schriftlich einzureichen. 

Zurzeit gibt es in der Kulturszene eine vehemente Diskussion über die Kunst aus kolonialen Zusammenhängen und darüber, wie eine Schuld ehemaliger Kolonialmächte aufzuarbeiten sei. Wieso haben Sie gerade zu diesem Zeitpunkt eine Ausstellung über Wilhelm Kuhnert organisiert? 
In Deutschland ist die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Kolonialismus lange unterblieben. Zu lange. Umso vehementer wird sie nun geführt, und das ist auch gut so. Unsere Ausstellung versteht sich als ein Beitrag zu einer größeren Debatte, in deren Fokus jedoch meist der Umgang mit kolonialem Raubgut steht. Und das greift zu kurz. Mit der Ausstellung zu Leben und Werk Wilhelm Kuhnerts nehmen wir deshalb einen neuen Aspekt in den Blick: Die Frage, wie insbesondere in Europa und Nordamerika ein Bild von Afrika über Generationen hinweg durch Bildformeln eines Malers bestimmt wurde und teils noch heute bestimmt wird, kurzum: von visuellen Stereotypen, die auch in Naturkundebüchern oder auf Schulwandbildern reproduziert wurden und so Eingang fanden in das Bildgedächtnis einer Gesellschaft. Solche Bilder zu hinterfragen und zu entschlüsseln ist eine Herausforderung, der sich insbesondere eine Kunsthalle wie die Schirn stellen kann und sollte. 

Wieso haben Sie den kolonialen Hintergrund nicht thematisiert? 
Die Ausstellung beleuchtet das Thema des Kolonialismus in vielen Facetten: Kuhnert als Akteur und Profiteur des Kolonialismus, die Großwildjagd als koloniale Herrschaftsgeste bis hin zur Verbreitung von kolonialistischen Bildformeln. Auch die Mehrzahl der Artikel im Katalog widmet sich aus unterschiedlichen, teils sehr kritischen Perspektiven der Betrachtung Kuhnerts im Kontext des Kolonialismus. Hinzu kommt unsere umfangreiche Vermittlungsarbeit. Von den Besuchern bekommen wir viel Resonanz. Wie oft haben wir in den letzten Tagen gehört, man habe in der Schirn zum ersten Mal überhaupt vom Maji-Maji-Krieg erfahren – immerhin einer der brutalsten Kriege der deutschen Besatzungszeit überhaupt. Hier ist noch viel an Aufklärungsarbeit zu leisten. 

Lässt sich die Malerei tatsächlich ohne den gesellschaftlichen Hintergrund dieser Zeit betrachten, also herauslösen aus dem gesellschaftlichen Kontext? 
Nein, zumindest nicht im Sinne der Schirn, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kunst immer auch im Kontext von Gesellschaft zu betrachten. Schon in unserer Diorama-Ausstellung klangen solche Fragestellungen an. Und aus diesem Grund haben wir auch Kuhnert in einen größeren Zusammenhang gestellt, der sich jedoch, so viel ist klar, in einer einzelnen Ausstellung nicht erschöpfen kann. Die Analyse „westlicher“, kolonialistischer Stereotypen in der Tier- und Landschaftsmalerei um 1900 ist ein neues Forschungsgebiet, auf dem noch viel Grundlagenarbeit zu erbringen ist. Die Schirn möchte mit dieser Ausstellung einen Beitrag dazu leisten, denn die Geschichte eines Wilhelm Kuhnert ist auch unsere Geschichte. Bis heute. 

Wieso haben Sie in Ihrer Eröffnungsrede den Kolonialismus nicht thematisiert? 
Gegenstand meiner Rede war die Frage, warum wir Kuhnert zeigen: Und gerade weil seine Einordung in den Kolonialismus ein so zentrales Thema für uns ist, war es mir wichtig, darauf auch am Eröffnungsabend hinzuweisen. So sprach ich von der „Kolonialherrschaft, ohne welche Kuhnerts Kunst schlichtweg undenkbar ist“. Und auch von seinen Tagebüchern, die wir aus ebendiesem Grund für unsere Ausstellung so intensiv ausgewertet haben. Genauso wichtig war es mir, auf die inneren Widersprüche eines Künstlers hinzuweisen, der die Folgen des Kolonialismus kritisierte und doch selbst ein solcher Kolonialherr war. All das sind maßgebliche Fragen, die in der Ausstellung aufgeworfen werden. In der Tat berichten uns Besucher, dass sie am Ende der Ausstellung die Bilder mit anderen Augen betrachten als zu Beginn. 

Sie haben zu erkennen gegeben, dass Wihelm Kuhnert Sie fasziniert. Was macht diese Faszination aus? 
Kuhnert ist als Künstler ein Besessener. Ein Mann, der alles seiner Kunst unterordnet, sein Leben, seine Werte, seine Ehe, alles. Und zugleich ein Mann voller Ambivalenzen, dem mit einfachen Kategorien wie „Kolonialmaler“ nicht beizukommen ist. Kuhnerts Bilder hatten und haben eine enorme Wirkungsmacht, sie schwanken zwischen Faszination und Unbehagen. Zugleich vermischt sich ihre kunsthistorische Bedeutung mit einer politischen Dimension. Und die Erfolgsgeschichte von Kuhnerts Bildern bei gleichzeitigem Vergessen seines Namens lehrt uns so manches über die Mechanismen von Kunst und Wissenschaft, Gesellschaft und Politik, Erinnern und Verdrängen – und in all dem natürlich über uns selbst. Diese Bilder sind eben mehr als bloße Tierdarstellungen. Und genau darum sollte man sie ansehen und darüber nachdenken, was sie bedeuten. 

Werden die sehr knappen Schrifttafeln in der Ausstellung jetzt ergänzt? 
Wir haben von mehreren Besuchern erfahren, dass sie sich mehr Beschriftungen wünschen. Und dieses Feedback nehmen wir auf. Für unseren ausführlichen Katalog haben wir viel Lob bekommen. Darum werden wir die Inhalte des Kataloges in der Tat auch noch stärker in die Beschriftung einbringen. Und natürlich in die Vermittlungsarbeit. 

Die Historikerin Felicitas Becker schreibt im Katalog zur Ausstellung, eine pauschale Verurteilung rassistischer und instrumentalisierender kolonialer Haltung gegenüber Afrikanern werde schnell zur Phrase. Teilen Sie diese Ansicht? 
Absolut. Mit pauschalen Verurteilungen retten wir uns nur allzu bequem auf die vermeintlich sichere Seite. Aber damit ist niemandem geholfen. Viel wichtiger sind Auseinandersetzung, Transparenz und ganz besonders das Zulassen von vielen Perspektiven. Der postkoloniale Diskurs vor allem betont Prozesshaftigkeit, globale Verflechtung und die Dekonstruktion traditioneller Begriffspaare. Und das zu Recht. Denn das Thema Kolonialismus ist zu komplex und auch zu wichtig, um in einfache Kategorien gefasst zu werden. Ich weiß, Ambivalenzen und Widersprüche auszuhalten ist nicht leicht – ganz besonders nicht im Angesicht von so bestechend gut gemalten Bildern, noch dazu von Tieren. Aber unser Fach, die Kunstgeschichte, sollte nach meinem Verständnis eben die Lehre sein vom Hinschauen, nicht vom Wegschauen. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert 

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