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„Wir mussten als Kinder schon erwachsen sein“

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Von: Sandra Busch

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Edith Erbrich wurde im Alter von 7 Jahren im Februar 1945 zusammen mit ihrem Vater und ihrer Schwester von der Grossmarkthalle aus nach Theresienstadt deportiert. Foto: Renate Hoyer.
Edith Erbrich wurde im Alter von 7 Jahren im Februar 1945 zusammen mit ihrem Vater und ihrer Schwester von der Grossmarkthalle aus nach Theresienstadt deportiert. Foto: Renate Hoyer. © Renate Hoyer

Edith Erbrich war als Siebenjährige im KZ Theresienstadt interniert, heute wird sie 85 Jahre alt

Sie ist sieben Jahre alt, als sie mit Vater, Mutter und der vier Jahre älteren Schwester vom Wohnhaus in der Uhlandstraße zur Großmarkthalle laufen muss. Es ist der 14. Februar 1945. Ein Mittwoch. An diesem Tag geht noch einmal ein Transport von der Großmarkthalle in das Konzentrationslager Theresienstadt. „Die Straße war voller Menschen“, erinnert sich Edith Erbrich. Voller Menschen, die wie Edith deportiert werden sollen. Und Menschen, die zuschauen. „Es war ein schlimmer Tag“, sagt Erbrich. „Es ist nicht einfach, wenn man wegmuss und gar nicht weiß, um was es geht.“

Edith Erbrich ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeug:innen des Holocausts. Es gibt nicht mehr viele, die noch von den Grauen des Nationalsozialismus erzählen können. Erbrich wird am heutigen Freitag 85 Jahre alt, und sie erzählt auf Veranstaltungen und in Schulen vom Erlebten. „Es darf nicht vergessen werden“, sagt sie.

Heute lebt sie in Langen. Geboren wurde sie als Edith Bär in Frankfurt. Vater Norbert ist Jude, Mutter Susanne Katholikin. Edith und Schwester Hella wird das „J“ für Jude in den Kinderausweis gestempelt. Sie dürfen nicht zur Schule gehen, draußen müssen sie den Judenstern tragen. „Wir waren wie Aussätzige, wir blieben viel daheim“, erzählt Erbrich. Oft alleine.

„Es gab Tag und Nacht Fliegerangriffe. Wenn die Eltern beim Arbeitseinsatz waren, hatten wir Angst, dass sie nicht mehr nach Hause kommen.“ Bei Angriffen geht es in den Keller. In den Bunker dürfen sie nicht. „Wir mussten als Kinder schon erwachsen sein.“

An diesem 14. Februar 1945 geht die Mutter mit zur Großmarkthalle, will mit nach Theresienstadt. „Aber sie durfte nicht“, sagt Erbrich. „Sie war ‚Arierin‘.“ Und so steigt der Vater mit den Töchtern alleine in den Viehwaggon. 30 bis 40 Personen seien dort eingepfercht gewesen. Fünf Tage dauert die Fahrt. „Einmal hielt der Zug, und alle, die nicht mehr lebten, wurden aufs freie Feld geworfen“, sagt Erbrich.

In Theresienstadt werden die Mädchen vom Vater getrennt, später auch die Schwestern voneinander. Es gibt Hunger, es gibt Schikane. „Die Aufseherinnen waren schlimm.“ Schlimm. Das sagt Erbrich immer wieder. Das Grauen ist schwer in Worte zu fassen. Einmal muss die Siebenjährige den ganzen Tag mit der Zahnbürste den Boden putzen. „Wir standen bei Eis und Schnee draußen, und wenn jemand umfiel, durfte man nicht helfen“, sagt Erbrich. „Es war schlimm. Eine schlimme Zeit.“

Edith sollte nach Auschwitz transportiert und dort vergast werden. Das erfährt sie später aus den Akten. „In der Nacht der Befreiung durch die Rote Armee wachte ich wegen Schießereien auf“, sagt sie. Plötzlich habe eine fremde Frau in der Tür gestanden und gerufen, dass sie frei seien. „Frei, wir konnten mit dem Wort nichts anfangen.“

Der Vater holt sie und Hella ab, wegen Quarantänevorschriften können sie Theresienstadt aber nicht sofort verlassen. Im Juni machen sie sich größtenteils zu Fuß auf den Weg nach Frankfurt. Die Mutter wohnt noch in der Uhlandstraße. Sie hat inzwischen einen kleinen Bruder geboren. Von den etwa 11 000 deportierten Frankfurter Jüdinnen und Juden haben gerade einmal 179 überlebt. Edith kann nun zur Schule gehen, macht später eine Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau, wechselt zu den Stadtwerken.

Erst 1997 beginnt sie, über das Erlebte zu sprechen. Für ihr Engagement erhält sie 2007 das Bundesverdienstkreuz. Ihre Erinnerungen hält sie im Buch „Ich hab’ das Lachen nicht verlernt“ fest. Sie will weiter ihre Erinnerungen teilen. „Soweit meine Kräfte reichen, werde ich das tun“, sagt Erbrich. „Denn es ist sehr wichtig.“

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