_20191009pj021_311020
+
Blick in die Ausstellung „House of Norway“ im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am MainKleider-Designs.

Coronavirus

„Wir Museen sind Anti-Depressiva“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Matthias Wagner K, Direktor des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt, hadert mit der Schließung seines Hauses.

Herr Wagner K, vor einem halben Jahr genau haben wir zum letzten Mal über die Situation Ihres Hauses gesprochen. Damals befand sich das Museum Angewandte Kunst im Lockdown, jetzt sollen Sie wieder schließen. Was empfinden Sie?

Ich bin nicht dazu da, vorauseilenden Gehorsam zu exekutieren. Noch haben wir keine Verfügung, unser Haus zu schließen, noch gibt es keine Anweisung. Aber ich rechne damit, dass sie im Laufe des Tages kommen wird.

Sie sind aufgewühlt.

Ja, ich bin aufgewühlt und das hat vielerlei Gründe. Wir reden in der Bundesrepublik Deutschland von etwa 6800 Museen, von 1700 Kinos und 800 Theatern, die jetzt wieder schließen müssen. Man muss sich überlegen, wie viele Menschen in diesen Häusern arbeiten und wie viele darüber hinaus noch von diesen Kulturinstitutionen wirtschaftlich abhängig sind. Die erneute Schließung ist eine existenzielle Bedrohung für viele. Für viele Soloselbstständige, für viele freiberufliche Künstlerinnen und Künstler, für die Frauen und Männer der Wachdienste, denen es wirtschaftlich am schlechtesten geht. Diese erneute Schließung verändert das Leben vieler Menschen. Ich bin kein Maskenverweigerer. Ich sehe den Ernst der Lage. Und ich weiß, dass etwas geschehen muss.

Aber Sie halten die Schließung der Museen, der Theater und der Kinos für unverhältnismäßig?

Ja. Mir leuchtet nicht ein, mit welchen Maßstab hier eine Differenzierung dieser Maßnahmen, welcher Bereich also schließen muss und welcher nicht, operiert wird. Die Bundesregierung hat gewusst, dass die kalte Jahreszeit kommt. Es ist aber lange Zeit nichts geschehen. Es war deutlich, dass die Eigenverantwortung der Menschen im Umgang mit der Pandemie nachlässt…

…ist das nicht der Kern des Problems, dass Menschen nicht verantwortlich mit der Pandemie umgehen?

Definitiv ist es so, dass Menschen sorgloser mit der Situation umgehen. Aber wir in den Kultureinrichtungen waren nicht sorglos. Die Museen, Opernhäuser und die Theater waren sich ihrer Verantwortung bewusst und haben schnell reagiert und umfassende Schutzmaßnahmen ergriffen. Wir haben es ermöglicht, dass wir unserer gesellschaftlichen Funktion als Orte des gesellschaftlichen Diskurses und der Fantasie – und wir als Museum im Speziellen als Bildungsstätte – nachkommen, dass es weiter Aufführungen, Ausstellungen und auch Führungen geben konnte. Es wurde keine Aufführung nach einem Drittel der Spielzeit, keine Führung nach 20 Minuten abgebrochen, keine Ausstellung um zwei Drittel der Exponate gekürzt, nur weil weniger Menschen im Zuschauerraum Platz fanden, in die Museen gekommen sind. Was ich sagen will: Wir haben alle mit vollem Einsatz, mit all unserer Leidenschaft weitergearbeitet.

zur person

Matthias Wagner K (59) ist seit 2012 Direktor des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt. Nach einem Studium der Freien Malerei hatte er lange als freier Ausstellungsmacher und Kurator gearbeitet. Er ist Spezialist für die nordische Kunst und Kultur. 2011 verantwortete er das Kunst- und Kulturprogramm Islands, das als Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse auftrat. jg

Ja. Die Häuser sind sicher.

Was bedeutet der zweite Lockdown für den künstlerischen und inhaltlichen Prozess ihres Museums, der ja erneut unterbrochen wird?

Ich bin ein positiv denkender Mensch. Ich versuche, auch dieser Situation etwas Positives abzugewinnen. Wir müssen noch mehr als bisher prüfen, welche Themen jetzt relevant sind, welche Ausstellungen wir machen sollten. Wir wissen nicht, wie lange diese Schließung dauern wird, ich fürchte, dass wir uns auf eine längere Zeit einrichten müssen. Das ist für uns und unser Publikum schlimm. Wir sind systemrelevant. Wir sind auch und gerade in einer solchen Situation der allgemeinen Verunsicherung Antidepressiva, in einer Situation, in der bei vielen Menschen die persönlichen und politischen Ängste zunehmen, viele Menschen in eine nicht nur ökonomisch sehr schwierige Situation geraten. Hier können wir lindern, aufklären und vielleicht etwas Halt bieten.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie bisher für das wirtschaftliche Ergebnis ihres Hauses gehabt?

Das Jahr 2020 wird uns natürlich einen Einbruch beim Besuch bescheren. Wir waren ja schon von März bis Juni geschlossen. Im Jahr 2019 kamen noch rund 180 000 Menschen zu uns, in diesem Jahr werden es vielleicht 40 000 sein. Die Zahl der jugendlichen Besucher wird von 10 000 auf etwa 3000 sinken. Um dem entgegenzusteuern, haben wir extra an zwei Wochentagen Zeiten eingerichtet, in denen Schulklassen ganz alleine das Haus besuchen konnten, also nicht mit anderen Besuchern in Kontakt kommen.

Sie sagten, sie wollen noch mehr prüfen, welche Ausstellungen in dieser gesellschaftlichen Situation wichtig sind. Welche Themen halten Sie für besonders relevant?

Wir müssen dem wachsenden Nationalismus in Europa etwas entgegensetzen. Wir müssen uns als Weltbürger verstehen. Die Globalisierung hat sicher Nachteile, aber sie hat auch Vorteile. Was hier in Deutschland an Demokratie möglich ist, verlangt neben einer Diskussion im Innern unbedingt auch den Blick nach außen. Wir müssen noch stärker betonen, dass wir im Angesicht des uns alle betreffenden Klimawandels und der Bedrohung des Friedens eine weltoffene Gesellschaft sein wollen. Wir müssen stärker herausarbeiten, dass und wie wir den Prozess zur Stärkung einer demokratischen Gesellschaft und damit unsere Zukunft bewusst gestalten können. Ihre Zeitung liefert mit der Rubrik „Zukunft hat eine Stimme“ ja ein gutes Beispiel.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare