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Rhinozeros Kalusho, Witwer seit 2016, wird in diesem Ambiente allein bleiben – das Europäische Erhaltungszuchtprogramm würde keine Artgenossen auf eine veraltete Zooanlage schicken.

Tiere

Frankfurter Zoo will Artenschutzzentrum der europäischen Spitzenklasse werden

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Der Frankfurter Zoo will ein Artenschutzzentrum der europäischen Spitzenklasse werden.

Manchmal genügt ein simpler Umbau, und alle sind glücklich. Im Ukumari-Land, der Bärenanlage des Frankfurter Zoos, haben Arbeiter schöne neue Klettergerüste aus Baumstämmen gezimmert. Eine Woche mussten die Braunpelze drinnen bleiben. Am Mittwoch durften sie wieder raus, entdeckten die Skyline aus Bäumen – ein Spaß für die ganze Familie. Und für die Zoobesucher, die verzückt zusahen, wie die Halbstarken Manu und Suyana und sogar Mama Cashu vorwärts bis ganz oben kraxelten. Und rückwärts wieder runter.

So leicht ist es nicht immer. Was der Zoo und die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) gerade planen, wird viel Zeit kosten, viel Geld, und es wird im Grunde niemals fertig werden. „Aber die Zeit ist reif“, sagt ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck. „Wenn man einen Zoo in der Stadt hat, hat man eine Verantwortung, die darüber hinausgeht, dass die Tiere Futter haben. Ein Zoo muss heutzutage ein Zentrum des Naturschutzes sein.“ Nicht mehr und nicht weniger wollen Schenck und Zoodirektor Miguel Casares auf die Beine stellen.

Pläne dafür präsentierte Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) dieser Tage. Es geht nicht um ein paar neue Gehege und bessere Wurstbuden. Es geht um ein Paket, das Frankfurt „in der Liga der Zoos eine Dimension nach vorn katapultiert“, sagt Schenck. „Und die Leute sollen hier rausgehen und sagen: Ich habe etwas für den Naturschutz getan – ich habe etwas bewirkt.“ Der Frankfurter Zoo habe eine gute Reputation, sagt Casares. „Aber er hat lange nicht genug dafür getan.“

Der Spanier, seit gut einem Jahr an der Zoospitze, kann es beurteilen. 1990 war er Praktikant in Frankfurt und anschließend in Zürich. Damals seien sich die beiden Zoos ganz ähnlich gewesen, was Ausstattung und zeitgemäße Anlagen angeht. „Inzwischen liegen Welten dazwischen.“ Zürich habe den Frankfurter Zoo abgehängt. „Es muss jetzt ein großer Aufschlag kommen“, da sind sich Schenck und Casares einig. Und das an drei Stellen fast zeitgleich.

1. Das Conservation Center (von englisch: conservation = Bewahrung, Schutz). Am östlichen Rand begrenzt ein in die Jahre gekommener Gebäudekomplex das Zoogelände. Er beherbergt Wohnungen, in denen Zoo-Mitarbeiter leben, ein mexikanisches Restaurant, Toiletten im Keller und den zweiten Eingang zum Tierpark, der nur zu den Hochbetriebszeiten geöffnet ist. Das könnte sich mit den Plänen ändern. Aber es geht um viel mehr als einen dauerhaften Zugang aus dem Ostend.

Das Conservation Center soll verschiedene Organisationen an einem Ort bündeln, die schon jetzt gemeinsam für Arten- und Klimaschutz arbeiten, aber bisher räumlich getrennt. Das sind, außer Zoo und ZGF, etwa Senckenberg, die Goethe-Uni, die KfW und ihre Stiftung, die internationale Organisation Traffic, die den Handel mit geschützten Arten überwacht, weitere globale Fonds und Stiftungen mit Sitz in der Stadt – und natürlich das Netzwerk BioFrankfurt, das bereits hiesige Umweltkräfte bündelt.

„BioFrankfurt ist ein guter Beginn“, sagt Christof Schenck. „Aber wir wollen es größer haben, wir müssen viel, viel mehr tun, um auf den Verlust der biologischen Vielfalt zu reagieren.“

Ende April oder Anfang Mai erscheint der Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES, an dem die frischgekürte Senckenberg-Preisträgerin Sandra Diaz mitarbeitet. Die Ergebnisse, daran ließ sie beim Besuch in Frankfurt keinen Zweifel, werden dramatisch sein. Viele Tier- und Pflanzenarten verschwinden, Tendenz steigend. „Deutschland kann und muss mehr tun“, sagt Schenck. „Unser Wohlstand basiert auf dem Biodiversitätsverlust anderswo auf der Welt.“ Was ein angemessener Beitrag sein könnte, das könnte ein Conservation Center herausarbeiten, mit allen nötigen Fachleuten an einem Ort – im Frankfurter Zoo, dem historisch gewachsenen Ort, an dem Naturschutz vorgelebt wird. Eine typische Center-Aufgabe könnte etwa das laufende Projekt von ZGF und Senckenberg sein, die artenreichsten Gebiete der Welt ausfindig zu machen. „Zusammen mit der Zoologischen Gesellschaft und dem Conservation Center schaffen wir einen Ort für jene Themen, die immer mehr Menschen bewegen“, sagt Dezernentin Hartwig: „Artenvielfalt, Biodiversität, und der Erhalt der ökologischen Qualität unseres Lebensraums.“

Das neu zu errichtende Gebäude dafür im Osten des Zoos dürfe laut Bebauungsplan höher werden als bisher, es böte also genug Platz. Als Vorbild gilt das Cambridge Conservation Forum, das seit mehr als 20 Jahren Artenschutzarbeit unter einem gemeinsamen Dach vorlebt. Das Frankfurter Pendant, ein Gebäude nach höchsten ökologischen Standards, könnte forschen, eine noch stärkere Stimme in der Welt werden, als es die ZGF schon ist, und zu Veranstaltungen einladen – allerdings nicht in den Neubau, sondern in das Haus, das die ZGF vor mehr als 100 Jahren baute, und das der zweite Schwerpunkt im neuen Zookonzept werden soll.

2. Das Zoo-Gesellschaftshaus mit Kinder- und Jugendtheater. „Das Kinder- und Jugendtheater soll ein Haus für alle Menschen sein. Es wird wegen der Nähe zum Zoo eine magnetische Wirkung erzielen“, schilderte Stadträtin Hartwig jüngst. Sobald das Conservation Center gebaut ist (2021-2023 sehen die Pläne vor), rückt der ehrwürdige, seit Jahren aber unter seiner Würde dümpelnde Bau am Zooeingang ins Blickfeld. Er muss saniert werden.

„Center und Gesellschaftshaus funktionieren nur im Paket“, betonen Casares und Schenck. Der einstige Prachtbau am Brehm-Platz soll weiterhin die Zooschule sowie Büros der Zooverwaltung beherbergen, Theater- und Veranstaltungsort sein.

Nicht mehr im Gesellschaftshaus sehen die Planer das Hauptquartier der Gastronomie. „Sie muss zentraler liegen und nicht am Eingang“, sagt Miguel Casares. „Wer gerade in den Zoo kommt, will erst mal Tiere sehen, und wer hinausgeht, will nach Hause.“ Nicht zuletzt möchte der Direktor auch auf das Speisenangebot einwirken. Es müsse nicht alles zu 100 Prozent kerngesund sein, aber: „Wenn schon Pommes, dann will ich auch wissen, wo die Kartoffeln herkommen.“ Bio-Ware sei das Ziel am Naturschutzstandort. „In der Gastronomie muss sich was tun, sonst sieht die Zukunft schwarz aus.“

Geplante Umbauzeit für das neue Zoo-Gesellschaftshaus: 2023 bis 2026. Aber alles wäre nichts ohne das dritte Standbein.

Das Exotarium hat ein Problem. Die Treppe sieht zwar toll aus, aber wer nicht gut zu Fuß ist, wird all die Sensationen im Obergeschoss ohne fremde Hilfe nie sehen.

3. Der Zoo und sein Gesicht der Zukunft. Flusspferde tänzeln vorbei wie Ballett-Primadonnen, getragen vom kristallklaren Wasser in einem geräumigen Bassin, in das die Besucher seitlich, unter der Wasseroberfläche, durch große Fensterscheiben blicken. Solche Bilder zeigt Casares gern, wenn er über art- und besuchergerechte Zoos spricht. Wer die 1873 erbaute Frankfurter Dickhäuteranlage kennt, reibt sich staunend die Augen. „Das ist kein Science-Fiction“, sagt der Zoochef. „Das gibt es. Man braucht nur ein richtiges Konzept.“

Daran, am Konzept für die Zukunft, arbeiten alle im Zoo und viele im Kulturdezernat. Schon lang. Casares verweist auf Pläne aus dem Jahr 2008, die in groben Zügen schon vorsahen, was er nun, elf Jahre später, als sinnvoll erachtet. Es geht zunächst darum, die ärgsten Probleme in der mittleren Spange des Tierparks zu beseitigen. Phase 1 des Masterplans umfasst ein Dreieck mit der neuen Pinguinanlage, immer noch im Bau, dem Grzimek-Haus, das ertüchtigt werden muss, dem zu erweiternden Außenbereich der Löwen, dem noch nicht barrierefreien Exotarium und dem 1953 eröffneten Giraffenhaus. Das alles soll binnen fünf Jahren (Stand: Sommer 2018) umgesetzt sein, teilweise muss es sogar – Vorgabe der Aufsichtsbehörde. Es sind in diesem Prioritätenprogramm elf von insgesamt 38 Projekten, die die Planer identifiziert haben.

Anschließend sollen in zwei weiteren je fünfjährigen Phasen die Bereiche im Südwesten (mit Antilopen und Mähnenwölfen) sowie im Nordosten (Wildhunde, Paviane, Grzimek-Camp) erneuert werden. Die Vergesellschaftung von Tierarten wird dann zum Prinzip erhoben: Möglichst große zusammenhängende Areale sollen die artenreichen Wildnisgebiete der Welt repräsentieren. Und auf den ersten Blick soll es aussehen, als wären sie zusammen auf einer Wiese; erst später bemerkt der Besucher Gräben, die die Tiere dann doch trennen.

„Was wollen wir?“, fragt Casares rhetorisch. „Wir wollen, dass dies einer der besten Zoos in Europa wird, oder wir können es sein lassen.“ Wenn ein Zoo zu lang nicht modernisiert werde, schlage die Stimmung in der Stadt schnell um. „Die Faustregel lautet: Eine Anlage sollte nicht älter als 30 Jahre sein.“ Die Latte reißt der Zoo Frankfurt mit gleich 15 Anlagen. „Es wird immer weniger akzeptiert, dass Tiere eingesperrt wirken“, sagt Schenck.

Was wird konkret kommen? „Wir sind im Brainstorming für Phase 2 und 3“, sagt Casares. Die Frage sei im Moment nicht: Wie halte ich Zebras?, sondern: Wollen wir noch Zebras? Die großen Gebiete im Südwesten und Nordosten, noch seien sie weiße Flächen, sagt der Direktor. Und über allem: der Naturschutz.

Was die ZGF und der Zoo wollen: Emotionen wecken mit sichtbaren Tieren, um Hilfe zu organisieren für die unsichtbaren, die weit weg leiden. Die ZGF habe an die 170 Orang-Utans auf Sumatra ausgewildert. „Das kann sonst niemand vorweisen“, sagt Miguel Casares. „Das müssen wir noch intensiver bekanntmachen.“ Auch bei den Entscheidern in der Stadtpolitik, denn noch ist über die Finanzierung nicht entschieden. „Dazu braucht es eine starke Bereitschaft des Magistrats und der Stadtgesellschaft“, betont das Planer-Duo.

Die Kulturdezernentin taxiert die Kosten fürs Kinder- und Jugendtheater auf 48 bis 52 Millionen Euro – von denen 35 bis 38 Millionen ohnehin für die Grundsanierung des Gesellschaftshauses fällig würden. Das Conservation Center samt Entrée Ost käme auf 19,5 bis 22,5 Millionen, wofür die ZGF anteilig mitzahlte, so dass die Stadt mit rund zehn Millionen dabei wäre – und „einen weiteren Leuchtturm für Frankfurt“ erhielte, stellt Ina Hartwig in Aussicht: „Wir können mit Mehrinvestitionen in einer Größenordnung von zusammen 25 Millionen Euro zwei großartige Projekte für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Frankfurt finanzieren, die weit über die Stadtgrenzen von Frankfurt hinaus wirken.“

Ob es tatsächlich so kommt, müssen nun die städtischen Gremien entscheiden.

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