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Franziska Nori vor der Installation mit Wandmalerei „Adressen unmöglicher Orte“ von Yves Netzhammer in der neuen Ausstellung im Kunstverein.

Frankfurter Kunstverein

„Wir müssen nicht populär arbeiten, sondern innovativ“

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Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, über den Binding-Kulturpreis für ihr Haus und die neue Ausstellung „Empathische Systeme“.

Franziska Nori (50) wurde in Rom geboren und studierte in Frankfurt Kulturanthropologie, Romanistik und Kunstgeschichte. Von 2007 bis 2014 war sie Direktorin des Centro di Cultura Contemporanea Strozzina am Palazzo Strozzi in Florenz. Seit November 2014 ist sie Direktorin des Frankfurter Kunstvereins.

Frau Nori, Sie sind seit viereinhalb Jahren Direktorin des Frankfurter Kunstvereins. Jetzt erhält ihr Haus den Binding-Kulturpreis, eine der höchstdotierten Auszeichnungen auf dem Feld der Kultur in Deutschland.

Das ist toll. Das bedeutet für unser Haus viel internationale Sichtbarkeit.

Eine Genugtuung für Sie?
Es ist eine Würdigung einer Institution, die für Frankfurt schon sehr wichtig ist. Eine der ältesten Kulturinstitutionen der Stadt, 1829 gegründet, zusammen mit dem Senckenbergischen Institut und dem Städel. Das ist Ausdruck eines stolzen Kulturbürgertums. Es prägt Frankfurt bis heute.

Sie bekennen sich zur Tradition des Hauses?
Ja. Unter der Bedingung, dass man sie immer wieder im Wandel der Zeit aktualisiert. Es existiert ein Kern, den wir aber stets neu abklopfen. Denn die Tradition des Hauses besteht ja gerade darin, immer wieder jungen Positionen eine Plattform zu bieten.

Hat sich das Publikum des Kunstvereins verändert, seit Sie im Amt sind?
Das wissen wir nicht, denn wir besitzen keine genauen Vergleichsgrößen. Ich habe die präzise Erfassung der Besucherzahlen eingeführt. Vorher waren sie leider nur geschätzt worden. Ich komme aus großen Museen, wo die Besuchererfassung zum Instrumentarium gehört. Als ich beim Kunstverein begann, fand ich wenige Kennzahlen vor. Doch die braucht man, wenn man das Profil der Institution schärfen will.

Gibt es den typischen Besucher, die typische Besucherin des Kunstvereins?
Nein, und das ist das Schöne und die Stärke unseres Hauses. Wir haben sowohl die jungen Künstlerinnen und Künstler als auch das städtische Bürgertum. Und durch die neue Altstadt bekommen wir auch Laufpublikum, weil unser Haus an einer sehr zentralen Stelle liegt.

Die Rauminstallation „Vororte der Körper“ von Yves Netzhammer, dahinter die Altstadt.

Und wie steht es mit den Künstlern?
Für einige ist es die erste institutionelle Präsentation bei uns im Frankfurter Kunstverein. Viele Künstlerinnen und Künstler, die bei uns zu sehen waren, werden von anderen Häusern eingeladen. Das hat stark zugenommen. Wir haben uns einen internationalen Ruf erarbeitet.

Das Renommee wächst.
Davon gehe ich aus. Bei der Ausstellung „Perception is Reality“ 2017 über Wirklichkeit und virtuelle Welten hatten wir mit 30 000 Menschen den absoluten Besucherrekord in der Geschichte des Hauses. Das ist aber auch die physische Grenze, die bei uns möglich ist. Gott sei Dank müssen wir nicht nach Zahlen tanzen. Wir müssen nicht populär arbeiten, sondern innovativ. Von uns wird verlangt, dass wir neue Positionen und neue Ästhetiken zeigen.

Es gibt keinen Druck auf Sie, der verlangt, dass Sie Besucherrekorde aufstellen?
Nein. Und das ist für mich ein großes Glück, dass ich hier die Freiheit habe, nicht nur auf die Zahlen zu schauen. Ich kenne das noch aus meiner Zeit am Palazzo Strozzi. Dort haben wir praktisch täglich Besucherzahlen analysiert. Wie viele Menschen kommen, wer kommt mit welcher Vergünstigung, was bleibt an der Kasse tatsächlich hängen, was bedeutet das für das Jahresbudget, wie viel mehr Akquise muss ich machen? Natürlich ist es wichtig, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Nicht umsonst haben wir den Anteil der privaten Förderer des Frankfurter Kunstvereins signifikant erhöht.

Sie sind nach Frankfurt gekommen in einer Phase des absoluten gesellschaftlichen Umbruchs, der ja weiter anhält. Diesen Umbruch thematisieren Sie in Ihren Ausstellungen.
Zurzeit gibt es viele Umbrüche, die in hoher Geschwindigkeit ablaufen. Das Tempo ist das Problem, das hängt auch mit der Digitalisierung zusammen. Wir müssen uns neu arrangieren. Aber dazu braucht man Zeit, um Vorgänge zu analysieren. Und in einem demokratischen System bedarf es auch der Verhandlung. Das ist sehr zeitaufwendig. Doch diese Zeiten reduzieren sich dramatisch. Die Künstliche Intelligenz zum Beispiel. Ich nehme an sehr vielen internationalen Konferenzen teil, ich werde auch als Rednerin eingeladen, ich bin mit vielen Experten im Gespräch. Es gibt viel Wissen, doch öffentlich verhandelt wird sehr wenig. Ich versuche, mit Kunst Wissen so zu übersetzen, dass es verhandelbar wird.

Es geht um das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kunst.
Das greift mir etwas zu kurz. Ich bin intensiv im Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern, die auf der Suche sind am Rande anderer wissenschaftlicher Disziplinen. Die Fragende und Suchende sind. Wir wollen wissen: Was bedeutet Mensch sein? Was bedeutet politisch sein? Es geht mir um eine Haltung. Ich folge ja keinem Programm.

Vielleicht nicht unbedingt einem geplanten Programm, ihre Ausstellungen setzen sich jedoch zu einem Programm zusammen.
Das klingt mir zu sehr nach Reißbrett. Aber so funktioniere ich nicht. Ich folge sehr instinktiven Entscheidungen. Die kommen natürlich zustande durch meinen jahrzehntelangen Blick auf die Welt. Dabei haben sich natürlich Themen herauskristallisiert, die mich faszinieren und die ich immer weiter verfolge.

Franziska Nori zwischen den Objekten von Theo Jansen.

Wie ist die neue Ausstellung „Empathische Systeme“ entstanden, die am 14. Juni eröffnet wird?
Das wollen Sie gar nicht wissen.

Doch.
Ich finde die Dinge eher, als dass ich sie suche. Ich schaue mir ja sehr viel Kunst an. Und dabei stelle ich fest, dass bestimmte Themen gerade aktuell sind, nicht nur in der Kunstszene, sondern auch in der Gesellschaft. Ich stelle nicht ein Thema in den Raum und frage: Wer bebildert mir das am besten? Sondern ich schaue nach künstlerischen Positionen, die eben genau diese Fragestellungen aufgreifen und eine kritische Auseinandersetzung ermöglichen.

Es geht um künstlerische Haltungen.
Ja. Und der Hauptschritt ist dann für mich die Frage: Wie übersetze ich die Haltung in ein räumliches, sinnliches Erlebnis? Das ist das Wichtigste. Sonst könnte ich ja auch ein Buch schreiben. Kunst funktioniert anders als Sprache.

Es muss etwas im Raum geschehen?
Richtig. In der Begegnung des Menschen mit der Kunst im Raum. Mit allen Sinnen, das ist mein Punkt. Es geht um das Material, das du unter deinen Füßen hast. Wie erdest du dich mit deinem Körper? Was hörst du? Welches Licht nimmst du wahr? Wie eng ist es, wie beklemmend?

Was werden wir sehen in der neuen Ausstellung?
Der Frankfurter Kunstverein hat Yves Netzhammer, Theo Jansen und Takayuki Todo zu Einzelpräsentationen eingeladen. Es sind drei Künstler, die von ihren Materialien und ihren Ästhetiken her sehr unterschiedlich sind. Aber alle drei üben eine enorme emotionale Kraft auf den Betrachter aus. Alle drei arbeiten mit Apparaten und Technologien. Theo Jansen aus den Niederlanden baut analoge Apparaturen, große kinetische Skulpturen, die nach den Gesetzen der Physik funktionieren. Er hat auch Physik studiert. Er bezeichnet seine Maschinen als Kreaturen. Sie werden die gesamte obere Etage des Kunstvereins einnehmen.

Wen werden wir noch sehen?
Den Schweizer Künstler Yves Netzhammer, der den größten Teil der Fläche des Hauses in Anspruch nimmt. Er arbeitet nur am Computer, komplett zurückgezogen an seinem Rechner. Mit einer Software, die recht alt ist. Er zeichnet im Computer. Die Ausstellung zeigt Filme mit animierten Figuren, die bis zu 40 Minuten lang sind. Im Zusammenhang mit der Musik entsteht eine starke emotionale Wirkung. Als ich das zum ersten Mal vor zwölf Jahren im Schweizer Pavillon der Biennale erlebt habe, da kamen mir die Tränen. Das passiert mir selten. Der dritte Künstler ist der jüngste. Takayuki Todo ist Medienkünstler. Ihn interessiert an Robotern: Wo ist das, was wir als menschlich erachten? Er hat einen humanoiden Roboterkopf entwickelt, der mit den Besuchern kommuniziert. In Japan gibt es eine starke Tendenz zu humanoiden Robotern, etwa in der Altenpflege. Aber auch als Lebensgefährte. Das ist sehr spooky.

Ist das auch ein Blick in die Zukunft in Deutschland?
Das glaube ich nicht. In der westlichen Kultur ist die Akzeptanz für humanoide Roboter nicht so hoch wie in Asien.

Wie kommt der Titel der Ausstellung, „Empathische Systeme“, zustande?
Weil es bei allen drei Künstlern um die Emotionen geht, die bei den Besuchern ausgelöst werden. Alle drei arbeiten sehr poetisch. Und sprechen die Emotionen an, die tief in uns verborgen sind. Die Computerindustrie analysiert übrigens gegenwärtig sehr stark die menschliche Gefühlswelt, um sie manipulieren zu können.

Sie sind eine Romantikerin.
Das ist so. Ein echtes Problem. Weil es ja so unmodern geworden ist. Aber wenn man das nicht in der Kunst sein kann, wo dann? Das lässt mich sehr lebendig sein. In der Kunst weiß ich, dass ich mit meinen Gefühlen nicht alleine bin.

Ist das ein Trost in den Zeiten des rasanten Umbruchs?
Wenn wir beide berührt werden in ähnlicher Weise durch eine künstlerische Arbeit, stellt das ein Wir her. Die Ausstellung verlangt, dass man sich länger intensiv auf sie einlässt. Dass man mit den Arbeiten alleine ist. Es braucht Konzentration. Insofern ist es viel mehr als Trost, es ist Heimat.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Informationen zur Ausstellung

„Empathische Systeme“ mit Arbeiten von Yves Netzhammer, Theo Jansen und Takayuki Todo ist vom 14. Juni bis zum 8. September zu sehen. Die Arbeiten kreisen um das vielschichtige Thema des emotionalen Verhältnisses zwischen Mensch und Technologie. Kommunikationsabläufe gibt es nicht mehr allein zwischen Mensch und Mensch, sondern zwischen Mensch und Technologie, und zunehmend tauschen digitale Technologien Daten nur noch untereinander aus.

Theo Jansens raumgreifende kinetische Skulpturen werden durch Windkraft in Bewegung gesetzt und erwachen so zum Leben. Die Besucher erleben die „Strandbeests“ in Aktion. Jeweils donnerstags von 18.30 Uhr bis 21 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr wird „Umerus“ mittels Kompressoren bewegt. Die Skulptur „Ordis“ kann von den Besucherinnen und Besuchern mit ihrer eigenen Körperkraft bewegt werden.

Takayuki Todo erforscht durch anthropomorphe Figuren, wie Menschen eine emotionale Beziehung zu humanoiden Robotern aufbauen. Yves Netzhammer hat für seine digitalen Animationsfilme Puppen entwickelt, die ohne individuelle Züge und Mimik auskommen. Zu sehen sind außerdem neue kinetische Installationen und Zeichnungen. 

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