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Vera Moser auf dem Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität, wo sie eine Stiftungsprofessur angetreten hat.

Interview

Trennung von Hauptschule, Realschule und Gymnasium aufgeben

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Vera Moser, Professorin für Inklusionsforschung in Frankfurt, spricht im Interview über den Unsinn eines gegliederten Schulsystem, die Zukunft der Förderschulen und die Frage nach Gerechtigkeit.

Frau Moser, was ist in Ihren Augen eine inklusive Schule?

Die Frage ist: Was ist eigentlich Behinderung? Wo fängt das an? Das ist nicht immer einfach zu entscheiden. Deshalb sollte man die Perspektive umdrehen, weg von der Frage, welche Behinderungen Menschen mitbringen, hin zur Frage, welche Barrieren das Lernen überhaupt behindern für Menschen aller Art.

Welche Barrieren können das sein?

Die Sprache, die kulturelle Prägung, die Sozialisation, der Stellenwert von Bildung in den Familien. Wir gehen beispielsweise davon aus, dass jedes Kind schon einmal im Zoo war und weiß, wie ein Löwe aussieht. Aber das stimmt für viele Kinder in einer Klasse überhaupt nicht, und vielleicht haben sie auch keine Bücher zuhause, in denen ein Löwe beschrieben ist. Jedes Kind, jeder Mensch hat andere Voraussetzungen zum Lernen, und das, was wir gemeinhin als Behinderung definieren, ist lediglich das Offensichtliche.

Was wäre dann für Sie die inklusive Schule? Eine Schule, die jedem und jeder immer und überall gerecht wird?

Wir werden wohl nicht das Paradies erreichen, aber es geht hier um Bildungsgerechtigkeit: Das fängt damit an, dass ich fragen muss, ob jeder lesen kann, was ich da an die Tafel schreibe oder projiziere. Und natürlich gehört dazu, dass Räume akustisch so gestaltet sind, dass alle darin gut hören können, oder dass sich Sehbehinderte im Schulgebäude gut orientieren können.

Ist es nicht unglaublich teuer, alles in der Breite anbieten zu wollen?

Schon lange ist klar, dass das Parallelmodell von Regel- und Förderschulen, so wie wir es in Hessen haben, das teuerste ist. Es muss ja auch nicht jede Schule alle Lernmaterialien in allen Farben und in allen Formen vorrätig haben, und nicht überall muss Brailleschrift unterrichtet werden können, aber es muss die Möglichkeit bestehen, alle erforderlichen Unterstützungen im Bedarfsfall bereitstellen zu können. Genau das ist mit den ‚angemessenen Vorkehrungen‘ in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen gemeint.

Aufzüge oder Differenzierungsräume, die gute akustische Ausstattung, rollstuhlgerechte Toiletten, das bräuchte man als Grundausstattung also schon?

Ja, aber man spart auch unglaublich viel Transportaufwand, wenn alle eine Schule in ihrer Nähe besuchen können. Schauen Sie sich an, wie lange manche Kinder gerade im ländlichen Raum zur Schule unterwegs sind, das sind manchmal zwei Stunden.

Zur Person

Vera Moser (Jahrgang 1962) ist seit April 2020 Professorin für Inklusionsforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Die Stiftungsprofessur wurde aus Mitteln der Kathrin und Stefan Quandt Stiftung eingerichtet.

Die Erziehungswissenschaftlerin studierte von 1983 bis 1989 in Frankfurt bei Helga Deppe und in Marburg Heil- und Sonderpädagogik. Nach ihrer Promotion war sie Referendarin an einer Schule für Praktisch Bildbare in Marburg. Zuletzt war die international ausgewiesene Inklusionsexpertin, seit 2010, Professorin für Pädagogik an der Humboldt-Universität in Berlin.

Sie ist Gründungsdirektorin des Zentrums für Inklusionsforschung Berlin (ZfIB) und war von 2018 bis April 2020 Sprecherin des Zentrums.

Vera Moser pendelte zehn Jahre zwischen Berlin und Frankfurt, wo ihre Familie zuhause ist. pgh

Gibt es diese Schulen, wie Sie sie wünschen, schon?

Keine Schule ist perfekt. Es gibt aber Schulen, die versuchen sich dem anzunähern, und auch die Grundschulen sind oft schon recht weit. Aber die haben auch eine Selektionsfunktion, Dort werden Bildungskarrieren empfohlen, oft schon sehr früh, da ist dann auch das Elternhaus sehr prägend. Das finde ich schon problematisch.

Muss man für die inklusive Schule unser gegliedertes Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium aufgeben?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ich habe meine Kinder auch in eine Gesamtschule geschickt. Die Startchancen sind doch so unterschiedlich. Schon nach der ersten Pisa-Studie war klar, dass das gegliederte Schulsystem benachteiligt.

Die skandinavischen Länder haben entschieden, dass es die Gemeinschaftsschule bis Klasse 10 gibt. Und sind damit erfolgreich. Unser Föderalismus macht das schwieriger. Wir brauchen aber eine gesellschaftliche Diskussion darüber, welche Schule wir wollen. Wir aber haben zurzeit parallele Systeme, die nicht immer gleichwertig sind.

Soll man die Förderschulen abschaffen und alle Kinder die Regelschule besuchen lassen?

Mit rigiden Entscheidungen ist man nicht gut beraten. Aber klar ist: Für viele Eltern ist es bei weitem einfacher, ihr Kind auf eine Förderschule zu schicken, wo es auch nachmittags Unterricht oder Betreuung gibt und der Fahrdienst täglich kommt, als alles selbst organisieren zu müssen. Wir müssen also die Angebote in der Regelschule verbessern, da ist eine ganz große Entwicklung nötig. Dazu braucht es aber auch den politischen Willen, dort ein Angebot zu schaffen, das für die Eltern eine echte Alternative zur Förderschule ist.

Sie sagen, der gesellschaftliche Wille zur Inklusion sei entscheidend für deren Erfolg. Ist dieser Wille stark?

Konsens scheint mir zu sein, die Behindertenrechts-Konvention der Vereinten Nationen nach Möglichkeit umsetzen zu wollen, die ja die Inklusion zum Ziel hat. Nicht so ausgeprägt scheint mir der Wille, dazu die Schulen auch umzubauen.

Was ist mit den Lehrkräften? Regelschullehrer können keine Sonderpädagogik, Sonderpädagogen scheuen sich, in der Regelschule zu unterrichten.

Man muss die Lehrkräfte anders aus- und weiterbilden. Förderschullehrer sollen auch eine Klasse in der Regelschule leiten können, sollten wissen, wie man Mathematik oder Biologie unterrichtet. Regelschullehrer sollten mehr darüber wissen, wie heterogener Unterricht organisiert werden kann und welche besondere Förderung Kindern mit Lernbehinderungen benötigen. Man braucht mehr geteiltes Wissen. Nicht Diagnostik und Förderplan die einen, Didaktik die anderen.

Wäre eine gemeinsame Lehrerausbildung für alle die Lösung?

Wir brauchen schon auch Spezialisten. Nicht alle sollen das Gleiche lernen. Aber es wäre gut, wenn jene, die einen Schwerpunkt in der Sonderpädagogik haben, fest zu den jeweiligen Kollegien einer Schule gehören würden, wie das in Hessen in den Grundschulen jetzt auch wieder möglich ist. Sie sollen nicht die Feuerwehr sein, sondern integraler Bestandteil der Schulen. Und natürlich brauchen wir auch im Hintergrund weiterhin die Förderzentren, von wo aus Lehrkräfte an Schule entsandt werden können, wenn dort Unterstützung gebraucht wird. Kein Lehrer, auch kein Sonderpädagoge und Förderschullehrer, kann sich mit allen Förderbedarfen auskennen, wie das ja auch kein Arzt in allen Fachgebieten kann.

Warum kommen wir nicht schneller voran? Es gibt viel Unzufriedenheit gerade in der Elternschaft darüber.

Schwierig ist es, wenn man alles von der nächsten Landtagswahl abhängig macht. Da wird jede Reform zu einem Politikum. Vielleicht muss man ja auch jetzt nicht endgültig über den richtigen Weg entscheiden, aber die offene Diskussion darüber anzuregen, das wäre schon wichtig.

Was kann eine Stiftungsprofessur da bewegen?

Es geht darum, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, in die Studiengänge, deren interdisziplinäre Entwicklung. Ich plane eine Forschungsgruppe zur Qualifizierung der Lehrkräfte, um klar zu definieren, was diese an Kompetenzen benötigen. In Planung ist auch die Gründung eines Zentrums zur Inklusionsforschung, wie ich das in Berlin getan habe. Ein Graduiertenkolleg soll die Inklusionsidee mit der Frage nach der Gerechtigkeit weiter treiben. Wie kann sich gesellschaftlicher Friede dadurch herstellen lassen, dass sich Menschen gerecht behandelt fühlen? Inklusion heißt nicht nur, Menschen mit Behinderung mehr Teilhabe zu ermöglichen, sondern es geht darum, möglichst allen gerecht zu werden.

Interview: Peter Hanack

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