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Katarina Barley, Spitzenkandidatin der SPD, hatte am Sonntagabend wenig zu lächeln.

SPD

„Wir müssen handeln“

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Am Tag nach der Europawahl brodelt es in der Frankfurter SPD. Die Jusos schreiben einen Brief an alle Mitglieder.

Am Tag danach ist alles anders. Man merkt das daran, dass Simon Witsch, dem Sprecher der Frankfurter Jungsozialisten, einfach die Worte fehlen. Der 26-Jährige ringt nach der Nacht der Europawahl um Fassung. Später, als er seine Beherrschung zurückgewonnen hat, urteilt der Vize-Chef der südhessischen Jusos: „Die SPD ist drauf und dran, eine gesamte Generation junger Menschen für sich zu verlieren.“

Der 77-jährige Parteiveteran Sieghard Pawlik hat schon viele Krisen erlebt in der SPD. Er war von 1978 bis 2003 Landtagsabgeordneter. Er führte die Frankfurter Partei in schwierigster Zeit, nachdem in den 1990er Jahren die rot-grüne Römer-Koalition zerbrochen war. Pawlik ist ein ruhiger Mann, der seine Worte sorgfältig wägt. Jetzt aber sagt er: „Wenn sich in der Berliner Koalition nichts ändert, dann muss sie zu Ende sein.“

Sebastian Maier repräsentiert die mittlere Generation im traditionell linken Unterbezirk Frankfurt. Seit knapp anderthalb Jahren ist der Mann, der vom Hotel- und Gaststättenverband kam, Geschäftsführer der Frankfurter SPD. Er ist keiner, der sein Herz leichtfertig auf der Zunge trägt. Doch jetzt hat er genug vom Auftritt der Parteioberen in Berlin. „Man darf nicht immer nur von Konsequenzen reden – man muss handeln und sie umsetzen!“

Für den Montagabend beruft Maier eine Sitzung des Unterbezirksvorstandes im Parteihaus an der Fischerfeldstraße ein. Unter den 4000 Mitgliedern in der fünftgrößten deutschen Stadt brodelt es. Am Samstag wollen die Vorstände der 43 Frankfurter Ortsvereine bei einem außerordentlichen Treffen Wege aus der Krise suchen.

Die Jusos hocken zusammen, diskutieren intensiv und schreiben im Laufe des Tages einen zweiseitigen Brief an alle 4000 Mitglieder. Es sind Zeilen voller Emotion. Das Europawahl-Ergebnis sei „die folgerichtige Quittung der Wählerinnen und Wähler für eine Entkernung der Sozialdemokratie in den letzten 20 Jahren.“ Das Politikmodell des aktuellen sowie der letzten Bundesvorstände sei „krachend gescheitert“. Die Jusos fordern den Kohleausstieg bis 2030, eine zu 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung bis 2035, eine Steuer auf alle Treibhausemissionen.

Sieghard Pawlik verzweifelt an der öffentlichen Debatte. „Die Grünen sind mittlerweile bürgerlicher und konservativer als die CDU – aber die Leute nehmen es nicht mehr wahr!“ Geschäftsführer Maier erlebt zeitgleich eine surreale Szene: Zwei Personen treten in die Partei ein.

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