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„Wir lehnen den neuen Stadtteil ab“

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Von: Pia Henderkes-Loeckle

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Ortsvorsteherin Katja Klenner (CDU) begrüßt das neue Wohnquartier, das an der Sandelmühle entsteht, sieht aber auch Probleme in der Verkehrsanbindung.
Ortsvorsteherin Katja Klenner (CDU) begrüßt das neue Wohnquartier, das an der Sandelmühle entsteht, sieht aber auch Probleme in der Verkehrsanbindung. © Rolf Oeser

Das Jahr im Ortsbeirat 8: Ortsvorsteherin Katja Klenner (CDU) spricht in ihrem Bilanz-Interview über die künftigen Wohnquartiere im Frankfurter Norden und welche Chancen und Sorgen damit verbunden sind.

In einer Serie blicken wir zurück auf das Jahr 2022 in den 16 Ortsbeiräten. Was waren die wichtigsten Themen, die den Ortsbezirk bewegt und beschäftigt haben? Welche Erfolge oder Niederlagen gab es für das Stadtteilparlament? Wie geht es in diesem Jahr weiter? Mit dem heutigen Teil, der sich mit dem Ortsbeirat 8 (Heddernheim, Niederursel, Nordweststadt ) befasst, endet die Serie.

Frau Klenner, laut einer Machbarkeitsstudie der Stadt ist auf dem Festplatz am Ratsweg genug Platz für einen Neubau der Europäischen Schule. Welche Ideen hat der Ortsbeirat für die dann frei werdenden Schulgebäude am Praunheimer Weg?

Wir wollen eine Grundschule und maximal große Sportflächen. Auf dem Areal gab es ja mal eine Bezirkssportanlage. Mit dem Lehrschwimmbad der Ernst-Reuter-Schulen ergeben sich gute Synergieeffekte. Beides soll von den Schulen und den örtlichen Vereinen genutzt werden können. Vor allem ist die Erreichbarkeit im Gegensatz zu den geplanten neuen Sportflächen jenseits der A5 sehr viel besser.

Die Ernst-Reuter-Schulen müssen saniert werden. Die Arbeiten sollen bis 2029 abgeschlossen sein. Der Ortsbeirat hat auf eine zügigere Umsetzung gedrungen. Die Erstellung der Bau- und Finanzierungsvorlage soll nun abgeschlossen werden. Können dann noch Vorschläge des Ortsbeirats berücksichtigt werden?

Ja, sicher. Der Ortsbeirat wird zur Bau- und Finanzierungsvorlage zu hören sein und kann seine Vorschläge an die Stadtverordnetenversammlung richten. Ziel ist es, ein attraktives Schulzentrum in der Nordweststadt zurückzugewinnen.

Die archäologischen Grabungen auf dem Areal In der Römerstadt 126-134 werden jetzt abgeschlossen. Das archäologische Museum will dann sein Konzept zur Präsentation ausgewählter Fundstücke vor Ort fertig haben. Wie stellt sich der Ortsbeirat eine angepasste Wohnbebauung vor?

Wir wollen den Erhalt von vielen Bodendenkmälern vor Ort, einen öffentlichen Zugang sowie eine Außenstelle des archäologischen Museums. Ein in zukünftigen Häusern versteckter „Kulturkeller“, der einmal im Jahr betreten werden darf, ist damit definitiv nicht gemeint. Mit etwas Fantasie ließen sich hier andere Lösungen als die übliche Blockbebauung finden. Warum zum Beispiel nicht Häuser, die zum Teil auf einem Stelzenfundament stehen?

Immer wieder kommt es im Ortsbezirk zu Überschwemmungen entlang des Urselbachs. Zum Hochwasserschutz gibt es noch keine konkreten Lösungen von Seiten der Stadt. Was kann der Ortsbeirat hier tun?

Wir sind diesbezüglich über den Magistrat verärgert, der in seinem Bericht von Oktober 2022 die Wichtigkeit der Retentionsflächen betont, dann aber mit dem „Stadtteil der Quartiere“ viel unversiegelte Fläche zubetonieren will. Das passt nicht zusammen. Da muss auf alle Fälle mehr passieren, deshalb planen wir wieder eine Ortsbeiratssitzung zum Thema Wasser mit den zuständigen Ämtern.

Der Lurgi-Bürokomplex wurde abgerissen. Auf dem fast acht Hektar großen Areal will die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG und die Berliner Projektentwickler GSP ein Viertel mit Wohnungen, Schule, Kitas, Gewerbe- und Ladenflächen realisieren. Mit welchen Vorschlägen konnte sich der Ortsbeirat einbringen?

Die Kommunikation mit dem Stadtplanungsamt ist sehr gut. Ich war von Anfang an als Vertreterin des Ortsbeirats eingebunden und hatte beim Ideenwettbewerb sogar Stimmrecht. Auf unsere Anregung hin wird die Grundschule nicht im hinteren Bereich der Bebauung liegen, sondern vorne an der Lurgiallee. Der 150 Meter lange Bauriegel soll im Bereich der Olof-Palme-Straße wegen der Frischluftschneise möglichst zweimal durchbrochen werden. Die Pläne sollen in der Mertonpassage ausgelegt werden.

Im Baugebiet Sandelmühle entsteht derzeit ein Wohnquartier für mehr als 500 Menschen, im Oberschelder Weg entstehen 69 Wohnungen, auf dem Areal In der Römerstadt sind es 190 und auf dem Lurgigelände 900 Wohnungen. Der Ortsbezirk wird also mehr Einwohner:innen haben. Welche Chancen und Sorgen sind für Sie damit verbunden?

Zur Person

Katja Klenner (53) gehört als CDU-Mitglied seit 2016 dem Ortsbeirat 8 an. Im Mai 2021 wurde sie zur Ortsvorsteherin gewählt. Die gelernte Verlagskauffrau und Mutter von drei Kindern lebt in Heddernheim.

Der Ortsbeirat 8 ist für die Stadtteile Heddernheim, Niederursel und Nordweststadt mit 34 037 Einwohnern und Einwohnerinnen (Stand 30. Juni 2022) zuständig.

Das Gremium hat 19 Mitglieder. Jeweils fünf Sitze entfallen auf CDU und Grüne, vier hat die SPD, über zwei verfügt die Linke, jeweils einer geht an FDP und Freie Wähler; zudem gibt es einen Fraktionslosen.

Die erste Sitzung im neuen Jahr findet am Donnerstag, 26. Januar, um 19.30 Uhr im Drei-Hügel-Saal des Saalbaus Titusforum, Walter-Möller-Platz 2, in Heddernheim statt. phl

Der Ortsbeirat begrüßt die Wohnbauprojekte, weil sie zeigen, dass eine verträgliche Nachverdichtung auf ehemals versiegelten Flächen möglich ist. In der Römerstadt wird ein großer Anteil geförderter Wohnungen entstehen. Angesichts der sinkenden Zahlen an Sozialwohnungen sind sie für kleinere Einkommen dringend nötig. Mit den richtigen Verkehrskonzepten sind die Baugebiete im Ortsbezirk gut zu integrieren. An der Sandelmühle befürchten wir aber Probleme, da die von uns gewünschte zweite Zufahrt in das Gebiet fehlt.

Gleichzeitig zum Bevölkerungszuwachs stehen im Ortsbezirk seit Jahren Gebäude und Gewerbeeinheiten leer. Was wünscht sich der Ortsbeirat hier?

Vor allem mehr Aktivität von der Kommune und ein Leerstandsmanagement, das proaktiv von den Bauämtern betrieben wird. Der Magistrat sollte sich stärker für ein Gesetz einsetzen, dass die Besitzerinnen und Besitzer gemäß Artikel 14 GG in die Pflicht nimmt und das Instrument eines Baugebots anwenden.

Der neue Stadtteil im Nordwesten Frankfurts soll nur noch auf den Flächen östlich der A5 realisiert werden. Wie stehen Sie zu den Plänen?

Die geplante Verkleinerung des neuen Baugebietes ändert nichts an den weiterhin bestehenden Restriktionen, die auf diesen wertvollen Flächen liegen: Grünzug, Kaltluftentstehungsflächen, Wasserschutzgebiet und Landwirtschaft auf allerbestem Boden. Eine kompakte, hochverdichtete Bebauung auf den Feldern am Stadtrand ist nicht mehr zeitgemäß. Deshalb lehnt der Ortsbeirat auch den kleineren neuen Stadtteil mehrheitlich ab.

Frau Klenner, welche Ergebnisse und Entscheidungen im vergangenen Jahr werten Sie als Erfolg für die Arbeit des Ortsbeirats?

Unser Mitwirken beim Baugebiet nördlich der Lurgiallee ist ein Erfolg. Der Runde Tisch zum Erhalt der Bodendenkmäler der alten Stadt Nida läuft sehr gut. Wir haben den H.-P.-Müller-Platz schön gestaltet und der Ur-Narr hat einen Sandsteinsockel bekommen. Ebenso ist es uns gelungen, den Geldautomaten in der Sparkassenfiliale in der Heddernheimer Landstraße zu erhalten. Die große Reinigungsaktion mit FES und Bürgern im Gerhart-Hauptmann-Ring war ein voller Erfolg und soll möglichst wiederholt werden.

Und wo hätten Sie gerne mehr erreicht?

Leider haben wir mit den Ortsterminen zur Verkehrsberuhigung im Ortsbezirk wenig Erfolg. Oft kollidieren unsere Wünsche mit der Straßenverkehrsordnung, die einfach zu starr ist. Auch der Zustand der Spielplätze ist unbefriedigend. Es ist kein Geld da, um die Spielgeräte zu reparieren oder instand zu setzen.

Welche Themen stehen jetzt an?

Die Situation bei den Spielplätzen ist nicht mehr tragbar, da muss sich etwas ändern. Außerdem brauchen wir ein weiteres Jugendhaus im Ortsbezirk. Das Thema Hochwasser wird uns weiter beschäftigen, auch der Runde Tisch Nida. Und wir müssen uns der Bekämpfung der Armut in der Nordweststadt, besonders bei Kindern, Jugendlichen und Rentnern annehmen. Die Situation hat sich nochmal verschärft.

Interview: Pia Henderkes-Loeckle

An der Lurgi-Allee im Mertonviertel wurde der Bürokomplex abgerissen, um Platz für neue Wohnungen zu machen.
An der Lurgi-Allee im Mertonviertel wurde der Bürokomplex abgerissen, um Platz für neue Wohnungen zu machen. © hamerski
Auf dem Areal In der Römerstadt fanden Ausgrabungen statt, die Funde der ehemaligen römischen Stadt Nida zutage förderten. Die Exponate sollen auf dem Grundstück in einem Museum ausgestellt werden, wenn die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG dort Wohnungen baut.
Auf dem Areal In der Römerstadt fanden Ausgrabungen statt, die Funde der ehemaligen römischen Stadt Nida zutage förderten. Die Exponate sollen auf dem Grundstück in einem Museum ausgestellt werden, wenn die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG dort Wohnungen baut. © Michael Schick
Über die Zukunft der Ernst-Reuter-Schulen in der Nordweststadt wird viel diskutiert.
Über die Zukunft der Ernst-Reuter-Schulen in der Nordweststadt wird viel diskutiert. © Renate Hoyer
Der Urselbach in Niederursel trifft bei Starkregen immer wieder über die Ufer.
Der Urselbach in Niederursel trifft bei Starkregen immer wieder über die Ufer. © christoph boeckheler

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