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Plastikmüll auf dem Weg zur Wiederaufbereitung. Doch Recycling alleine löst das Problem nicht.

PlastX in Frankfurt

„Wir leben im Plastikzeitalter“

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Carolin Völker von der Forschungsgruppe PlastX am Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt erklärt, warum wir das umstrittene Material Plastik nicht per se verteufeln sollten

Knapp die Hälfte des an europäischen Stränden gefundenen Mülls besteht laut EU-Kommission aus Einwegprodukten. In den Weltmeeren schwimmen etwa 150 Millionen Tonnen Plastik. Viele Produkte aus Plastik wie Strohhalme, aber auch Einweggeschirr, sollen deshalb künftig verboten werden. Aber reicht das aus?

Carolin Völker ist seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt-Bockenheim. Die 33-Jährige leitet dort seit April 2016 zusammen mit Johanna Kramm die sechsköpfige Forschungsgruppe PlastX, Plastik in der Umwelt als systemisches Risiko. Es ist ein Fünfjahresprojekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

Was genau ist die Aufgabe Ihrer Forschungsgruppe PlastX, wenn Sie das „Sendung mit der Maus“-mäßig erklären müssten, Frau Völker?
Uns beschäftigt das Problem „Plastik in der Umwelt“, das wir von vielen Seiten betrachten: Wir erforschen die Effekte von kleinen Plastikpartikeln, Mikroplastik, auf Wasserlebewesen und welche Auswirkungen dies auf Wasserökosysteme haben kann. Aber wir schauen auch nach den Ursachen der Plastikverschmutzung. Hier betrachten wir den Konsum von Lebensmittelverpackungen aus Plastik in Deutschland und wie die Konsumenten und der Handel diesen reduzieren können. Zum Thema Meeresmüll forschen wir auf Phu Quoc, das ist die größte Insel Vietnams mit sehr vielen Touristen und einer Abfallinfrastruktur, die den Müllmengen nicht gewachsen ist. Unser Chemiker versucht derweil bioabbaubare Polymere zu entwickeln, also abbaubares Plastik. Und er sucht auch nach anderen Rohstoffen, also nach Plastik, das nicht aus Erdöl gemacht wird, sondern aus erneuerbaren Ressourcen wie Pflanzenresten beispielsweise. Denn die Ressource Erdöl ist endlich, also irgendwann müssen wir Alternativen finden.

Da gibt es noch keine Alternative zu Erdöl?
Doch, aber das, was bisher auf dem Markt ist, das ist leider nicht besser in der Ökobilanz als konventionelles Plastik. Auch die Abbaubarkeit von sogenanntem Bioplastik ist meist nur sehr eingeschränkt. Es besteht die Gefahr, dass Leute denken könnten: „Das ist Bioplastik, das kann ich in den Wald werfen.“ Aber da baut es sich eben nicht ab. Im Meer ist es auch genauso haltbar wie konventionelles Plastik.

Gibt es denn die Möglichkeit, ganz auf Plastik zu verzichten?
Wir leben im Plastikzeitalter, wir werden immer auf Plastik angewiesen sein. Plastik ist überall: Von Medizin bis zum Laptop bis hin zur alltäglichen Verpackung. Aber es ist wichtig, dass wir den Konsum reduzieren. Die Dramatik an der Sache ist, dass wir Plastik nicht nur überall in unserem Alltag finden, sondern auch überall in der Umwelt: Plastikpartikel wurden in Eiskernen aus der Arktis entdeckt und in der Tiefsee, dort, wo noch nie ein Mensch war. Es ist überall drin, und wir können es nicht komplett aus der Umwelt entfernen, sondern lediglich den Eintrag von Müll verringern. Im Grunde müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass Plastik ein Teil unseres Ökosystems geworden ist. Im besten Fall macht es nichts. Gut fürs Ökosystem ist es aber auf keinen Fall.

Was ist mit Recycling? Ist das keine Lösung?
Teilweise. Das meiste Recycling ist eher ein Downcyling: Das Material ist danach nicht mehr so gut. Es muss zudem neues Plastik dazugemischt werden. Recyceltes Material kann man meistens nicht mehr für Lebensmittelverpackung verwenden, sondern daraus werden zum Beispiel Blumenkübel oder Parkbänke. Aus PET-Flaschen wird ein Pullover, der kann über Fasern in der Waschmaschine letztendlich wieder in der Umwelt landen. Deswegen ist die Strategie, nur auf Recycling zu setzen, schwierig. Die beste Möglichkeit ist die Reduktion beziehungsweise die Vermeidung von Müll. In Deutschland produzieren wir etwa dreimal so viel Müll pro Kopf im Jahr wie beispielsweise in Indonesien. Seit 1995 hat sich der Verpackungsmüll in Deutschland von 19 auf 37 Kilogramm pro Kopf im Jahr verdoppelt.

Es gibt auch diese sehr erstaunliche niederländische Studie, die besagt, dass Einweg-Plastikbecher meist besser sind, als wenn man Keramiktassen in einem Café verwendet. Wie kann das sein?
Der Plastik-Einwegbecher schneidet besser ab als die Keramiktasse, wenn man die Herstellung miteinbezieht. Also auch die Energie, die benötigt wird und den Müll, der dabei entsteht. Und dazu kommt: Wie oft wird diese Keramiktasse gespült? Heißes Wasser, Spülmittel, das ebenfalls in die Umwelt gelangt. Das ist ein Müll, der bloß nicht so sichtbar ist wie die Plastikberge. Laut dieser Studie müsste man die Keramiktasse 500- bis 3000-mal wiederverwenden, bis sie sich gegenüber einem Einwegbecher rentiert. Man müsste seine Keramiktasse eigentlich immer dabei haben – und sie am besten nur einmal die Woche kurz mit kaltem Wasser ausspülen.

Ist das denn die Lösung?
Das ist die Frage. Man sollte an manchen Punkten einfach seinen Lebensstil hinterfragen: Muss ich am Bahnhof noch diesen einen Coffee to go trinken? Kann ich meine Äpfel nicht unverpackt in meinen Rucksack packen statt in Tütchen? Allerdings: Man sollte Plastik auch nicht per se verteufeln und versuchen, es in allen Bereichen durch andere Materialien zu ersetzen. Bei manchen Alternativen befördern wir vielleicht mehr Chemikalien in die Umwelt, andere sind energieintensiver in der Herstellung. Die Lösungsstrategien am Ende zu entwickeln, ist aber nicht die Aufgabe der Konsumenten, sondern die der Wissenschaft, der Politik und der Industrie.

Was kann die Industrie tun, außer Verpackung zu reduzieren?
Ein Weg wäre sicherlich, dass sie sich auch finanziell beteiligt: entweder an der Reinigung von Stränden, wie es beispielsweise die EU-Kommission für bestimmte Produkte, die am Strand gefunden wurden, vorgeschlagen hat. Oder am Aufbau von Abfallentsorgungssystemen in vielen Ländern des globalen Südens.

Was halten Sie von verpackungsfreien Läden?
Verpackungsfreie Läden finde ich gut, aber sie sprechen ein Nischenpublikum an. Aber mit Sicherheit kann man manche Idee auch für die breite Masse umsetzen. In anderen Ländern habe ich beispielsweise gesehen, dass im normalen Supermarkt Abfüllstationen für Kaffeebohnen angeboten werden.

Interview: Kathrin Rosendorff

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