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„Wir können die Tiere ja nicht fragen: Wie geht’s euch?“

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Von: Thomas Stillbauer

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Christina Geiger, wie ihre gut 4500 Patienten sie kennen, hier: ein Alpaka.
Christina Geiger, wie ihre gut 4500 Patienten sie kennen, hier: ein Alpaka. © dpa

Die neue Frankfurter Zoodirektorin Christina Geiger über faule Gorillas, den Tierpark der Zukunft und den Versuch herauszufinden, ob Tiere sich im Zoo wohlfühlen

Christina Geiger tritt an diesem Dienstag offiziell ihre neue Stelle als Frankfurter Zoodirektorin an. In ihrem Büro im zweiten Stock des Zoogesellschaftshauses steht nicht mehr der Schreibtisch von Bernhard Grzimek, dem überlebensgroßen Vorgänger aller Nachkriegs-Zoodirektoren – aber Grzimeks stabiler Konferenztisch ist noch da. Die Ahnengalerie im Parterre des Gesellschaftshauses zeigt lauter Direktoren, lauter Männer. Und jetzt Christina Geiger: offen, vergnügt, begeistert, strahlend. Es scheint, als wäre sie immer noch etwas verblüfft von der ganzen Entwicklung – und sie zeigt im Gespräch, wie wohltuend es ist, dass nun erstmals eine Frau den Tierpark führt.

Frau Geiger, bisher waren Sie Zootierärztin hier, jetzt sehen Sie alles aus einer anderen Perspektive. Wie sieht der Zoo jetzt für Sie aus?

Man sieht manches mit anderen Augen, weil man sich anders verantwortlich fühlt. Ich denke auch teilweise: Oje, da haben wir ganz schön was vor uns!

Wann haben Sie beschlossen, sich als Direktorin zu bewerben?

Wir hatten das zusammen durchgesprochen: Wer möchte? Wen unterstützen wir untereinander? Da waren dann einige froh, dass der Kelch an ihnen vorüberging. (lacht)

Es wurde im ganzen Team besprochen, wer sich bewirbt?

Das haben wir in der wissenschaftlichen Abteilung eigentlich immer so gemacht. In dem Fall war es aber so, dass Miguel Casares mich darauf gebracht hat.

Ihr Vorgänger als Zoodirektor.

Wir waren ja alle happy mit ihm, kamen super miteinander aus, wir waren auch in die gemeinsamen Pläne involviert. Es kam dann überraschend, dass er uns voriges Jahr in Richtung seiner spanischen Heimat verlassen hat. Wir hatten ein Abschiedsgespräch, da habe ich ihn mehr so aus Spaß gefragt: Hast Du Dir denn schon mal Gedanken gemacht, wer nach Dir kommt? Da sagte er: Was ist denn mit Dir?

Und Sie?

Und ich: Nee, jetzt sag mal im Ernst! Aber er hat einfach nicht mehr lockergelassen und immer wieder gefragt: Hast Du mal drüber nachgedacht? Ich habe dann mit den Kollegen darüber gesprochen, wirklich lange überlegt – aber dann doch noch vor Ende der Bewerbungsfrist eine Entscheidung getroffen.

Hat Ihnen unser FR-Patenvogel, der Kea Hobbit, schon gratuliert? Haben Sie sich mit ihm beraten?

Ich muss gestehen, den habe ich nicht gefragt. Entschuldigung!

Er hätte Ihnen sicher auch den Rat gegeben, sich zu bewerben.

Ich hoffe. Wobei – als Direktorin habe ich weniger Zeit für ihn. Aber vielleicht findet er das gar nicht so schlecht. Weniger Medizin, weniger Spritzen …

Sie kennen den Zoo gut – sicher ein großer Vorteil.

Ich kenne die Prozesse und Abläufe, ich hatte auch viel mit Abteilungen zu tun, die man nicht mit Tiermedizin direkt in Verbindung bringt. Wir Zootierärztinnen arbeiten mit den Handwerkern, mit den Gärtnern, mit der Verwaltung, da lernt man, wie die Menschen im Zoo ticken. 2020 hatten wir eine Aktion, bei der wir allen Mitarbeitern eine Antikörpertestung auf Corona angeboten haben – es war meine Aufgabe, das zu organisieren, und da habe ich wirklich jeden einzelnen von den 140 Leuten persönlich zur Blutabnahme begleitet. (lacht)

Man kennt Sie aus den Zoo-Dokus im Fernsehen – Sie sind jetzt schon bekannter als so mancher Direktor vor Ihnen.

In einer gewissen Zielgruppe kann das tatsächlich so sein, das merke ich jetzt erst so richtig. Mir war das gar nicht so bewusst. Diese Sendungen laufen ja zu Zeiten im Fernsehen, wenn ich hier arbeiten muss.

Es gibt Umbaupläne für den Zoo, zwei große Bereiche mit neuen Tiergesellschaften sollen entstehen. Wird Corona auch finanziell die Entwicklung verzögern? Es fielen ja Einnahmen weg, als der Zoo geschlossen war.

Ein Vorteil der langen Vorlaufzeiten, die wir haben: Das Geld für Projekte ist schon Jahre im Voraus fest eingeplant – deshalb hoffe ich, dass sich wenig Gelegenheit ergibt, sich auf fehlende Einnahmen zu berufen und mit uns zu streiten. (lacht)

An den Plänen für die „Zookunft2030+“ werden Sie also festhalten?

Die Pläne haben wir ja alle gemeinsam mit Miguel Casares gemacht, mit allen Abteilungen, mit der Zoologischen Gesellschaft. Es ist einer der besten Pläne, die ich bis jetzt hier erlebt habe. Das ist es auch, weshalb ich mich letztlich entschieden habe, das Zepter in die Hand zu nehmen: Ich stehe hinter diesem Plan zu 100 Prozent.

Als Zoodirektorin sind Sie auch an dem Vorhaben eines internationalen Artenschutzzentrums beteiligt, am Frankfurt Conservation Center.

Ja, ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt an dem Projekt. Die ZGF ist ja ein einmaliges Alleinstellungsmerkmal für den Frankfurter Zoo. Wir können sagen: Wir haben hier den Brillenbären, und der ist ganz konkret in einem Projekt der ZGF in den Anden eine zentrale Schlüsselart. Die Arbeit mit dieser Tierart dient auch dazu, den Leuten vor Ort den Naturschutz in ihrem Land näherzubringen: Ich muss den Bären nicht nur als Konkurrenten um eine Ressource sehen, sondern ich kann vielleicht durch ihn viel mehr vom Tourismus profitieren als mich das Maisfeld kostet, das er mir plattgemacht hat.

Haben Sie als Tierärztin eigentlich eine andere Einstellung auch zum Tierwohl, als es vielleicht reine Tierparkmanager hätten? Konkret: zum Eingesperrtsein?

ZUR PERSON


Christina Geiger, 42, ist die neue Direktorin des Frankfurter Zoos. Zuvor war sie dort seit 2007 Zootierärztin. Ihr Studium der Veterinärmedizin schloss sie mit der Promotion in München ab, wo sie auch zunächst im Tierpark Hellabrunn als Tierärztin arbeitete, ehe sie in den Zoologischen Garten Karlsruhe und dann nach Frankfurt wechselte.

Internationale Erfahrung sammelte sie unter anderem bei der Auswilderung von Zoo-Nashörnern, bei der
Um- und Wiederansiedlung von
Kulanen und Przewalskipferden.
In Kasachstan trug sie entscheidend dazu bei, eine Fangmethode für
Saiga-Antilopen zu etablieren, um die Tiere mit Sendern auszustatten, ihre Wanderrouten zu erforschen und ihre Schutzgebiete auszudehnen.

Als Tierärztin ist man schon per Berufsordnung die Beschützerin der Tiere. Für uns ist der Individual-Tierschutz das höchste Gut – deshalb ist man in einem Zoo immer in einem gewissen Konfliktfeld. Es muss hier immer der Tierschutz ins Verhältnis gesetzt werden zum Artenschutz. Ich hatte immer schon die Faszination für exotische Tiere, und ich bin nicht zuletzt deswegen Zootierärztin geworden, weil ich sage: Wenn wir uns schon anmaßen, diese Tiere in Menschenobhut zu halten, möchte ich wenigstens daran arbeiten, dass es ihnen so gut wie möglich geht.

Geht es Tieren im Zoo so gut wie möglich?

Ich hatte Gelegenheit, viel in Projektgebieten in der Wildnis zu arbeiten, zum Beispiel mit der Saiga-Antilope in Kasachstan. Ich durfte auch mal vier Wochen mit der Zoologischen Gesellschaft in Tansania verbringen. Zu erleben, was die Tiere in der Natur alles durchmachen – wie verdammt hart dieses Leben ist! Das Romantische, was wir da gerne draus machen, diesen absoluten Freiheitsgedanken, haben die Tiere ja nicht automatisch, weil da Grenzen existieren, die wir gar nicht wahrnehmen. Natürlich darf ein Löwe in der Serengeti nicht einfach eine Reviergrenze überschreiten, sonst kriegt er vom Nachbarrevier mords einen auf den Deckel. Im Zoo kann das Tier entspannen, weil es sich in seinem Revier sicher fühlt. Zecken, Krankheiten, der Verlust von Jungtieren, das alles ist im Zoo viel seltener. Wenn ein Tier in der Wildnis einen faulen Zahn hat, ist es vier Wochen später an einer Blutvergiftung gestorben. Man muss aufpassen, dass man nicht auf die Tiere überträgt, was man als menschliches Bedürfnis empfindet.

Trotzdem wird ein Vogel zum Fliegen geboren. Das können die Bartgeier hier im Zoo nicht.

Darüber haben wir uns in der Zoogemeinschaft viele Gedanken gemacht. Wie kann man unabhängig herausfinden, wie viel Stress die Einschränkung für Tiere bedeutet, die unterschiedliche Bewegungsarten haben? Zwei Studien sind schon abgeschlossen, zu Flamingos und Pelikanen, weil wir da vergleichen konnten zwischen wild lebenden und Zoo-Populationen.

Was kam dabei heraus?

Die Tiere in der Natur hatten permanent einen deutlich höheren Stresshormonspiegel. Die Resultate in den Zoos waren unterschiedlich wegen der unterschiedlichen Haltung: mal mit anderen Tierarten vergesellschaftet, mal von drei Seiten für Besucher zugängig. Deshalb war es relativ schwierig bisher, eindeutige Faktoren herauszufinden. Was macht es dem Vogel einfacher, wann fühlt er sich wohler, was stresst ihn mehr? Es waren aber Zoos dabei, da hatten die Tiere eine wesentlich geringere Stressbelastung als die Tiere in der Natur. Wir sind da in den Anfängen, aber wir überprüfen uns regelmäßig selbst. Wir können die Tiere ja nicht fragen: Wie geht’s euch? Wir können es nur an indirekten Parametern ablesen: Wie pflanzen sie sich fort, wie alt werden sie, wie sind ihre Blutwerte – da sind wir auf jeden Fall dran. Alles, was mit Empfindungen zu tun hat, müssen wir über indirekte Parameter untersuchen. Da sind wir noch in den Kinderschuhen. Aber wir hinterfragen uns ständig mit Forschungsarbeiten, was wir besser machen müssen.

Das dürfte vielen nicht klar sein, dass Zoos sich in Studien laufend mit der Frage beschäftigen, wie es Zootieren eigentlich geht.

Es gibt auch Untersuchungen, ob es für die Tiere einen Unterschied macht, wenn mehr oder weniger Leute vor der Scheibe stehen, etwa jetzt wegen Corona. Solche kleineren Studien machen wir in Zoos alle permanent, und das tauschen wir auch aus, weltweit. Wie sind hier mit Herzblut dabei. Alle wollen, dass es den Tieren gut geht. Hier gibt es so viele im Team, die ein Leuchten in den Augen haben, wenn sie im Zoo ihre Mittagsrunde machen. Das macht mich zuversichtlich, darüber freue ich mich.

Apropos vor der Scheibe stehen: Seit Corona darf niemand mehr ins Menschenaffenhaus, den Borgori-Wald, wegen der Ansteckungsgefahr für die Gorillas, Orang-Utans und Bonobos. Eingesperrte Tiere, und es kommt nicht mal Besuch, um sie anzuschauen – ist das zumutbar?

Wir Tierärztinnen waren natürlich in erster Linie daran interessiert, dass die Tiere dort geschützt bleiben. Das wird in den Zoos unterschiedlich gehandhabt, und das hängt auch ein bisschen damit zusammen, wie man sich aufs Publikum verlassen kann.

Inwiefern?

Wir haben unten die großen Glasscheiben, aber oben Netze. Es ist unvorstellbar, wie viele Dinge da täglich über den Zaun geworfen werden. Ich habe selbst schon gesehen, da wird der Apfel angebissen und rein damit zu den Gorillas. Dann habe ich natürlich 1:1 eine perfekte Speichelübertragung. Da müsste man dann wieder viel Personal reinstellen, um die Leute an der Hand zu nehmen und zu sagen: Das geht so nicht. Wir hatten vor, langsam wieder einzusteigen und geführte Besuchergruppen hereinzulassen, mit Personal von der Abteilung Bildung und Vermittlung. Aber dann kam Omikron.

Ist eine Corona-Impfung für Menschenaffen denkbar?

Das ist noch nicht möglich. In Nordamerika und in Osteuropa ist es zu Infektionen bei Menschenaffen gekommen. Sie sind nicht besonders schwer erkrankt, außer einzelne Tiere, die altersbedingte Vorerkrankungen hatten. Aber das Risiko einer Infektion ist uns einfach zu groß. Wenn es wärmer wird, gehen die Affen vielleicht in ihre Außenanlagen, das steht ihnen ja frei, wenn sie wollen, und dort sind sie auch wieder für Besucher zu sehen. Auch wenn unsere Gorillas leider sehr bequem sind und sich oft dafür entscheiden, lieber drinnen zu bleiben. (lacht)

Ihre Kollegin, Zootierärztin Nicole Schauerte, ist jetzt erst mal allein. Kommt da jemand nach? Und Sie haben ja schon gesagt, Sie würden selbst weiter mit anpacken.

Ich habe versprochen, an Wochenenden zu helfen, aber ich kann sie nicht in dem Maß unterstützen, in dem es nötig wäre. Wir sind bisher zu zweit 365 Tage im Jahr für alle Tiere hier verantwortlich. Es wird jemand kommen, der sich bei uns zum Fachtierarzt ausbilden lässt. Der hat dann aber noch nicht so viel Erfahrung. Es wird Situationen geben, komplexe Sachen, eine Giraffen- oder Nashorn-Narkose: Wenn so etwas nötig sein sollte, würden wir das als jahrelang eingespieltes Duo machen.

Haben Sie eigentlich Haustiere?

Im Moment nicht. Früher hatte ich alles Mögliche, aber ich arbeite hier jeden Tag so viele Stunden, auch an den Wochenenden, ich bin auch mal spontan für Auslandsprojekte weg, das fände ich den Tieren zu Hause gegenüber unfair.

Und früher?

Zuletzt hatte ich ein Kaninchen. Dafür wurde ich hier immer ausgelacht, weil ich als Futtertier-Fan gelte. (lacht) Ich mag ja auch Antilopen und Huftiere – das sind halt die Opfertiere, die von den Katzenliebhabern gern als Futtertiere bezeichnet werden.

Bekanntermaßen sind Sie aber auch Elefanten-Fan – beileibe kein Futtertier. Was dachten Sie damals, als Miguel Casares anfangs nicht ausschloss, dass Frankfurt wieder Elefanten haben könnte? Hat Sie das gefreut?

Nein! Ich glaube, da war er auch von mir enttäuscht. Es geht bei uns sehr demokratisch zu, und der Zoodirektor muss gemerkt haben, dass die Mehrheit nicht für Elefanten war. Ich kann eine sehr starke Fürsprecherin für etwas sein, das wusste er auch. Aber gerade weil ich Elefanten so toll finde, denke ich, man muss sie absolut bombastisch gut unterbringen, wenn man so eine Art wieder neu in einen Zoo einführt. Und in einem Zoo mit so beschränktem Platz wie bei uns fände ich das völlig unangemessen.

Also keine Elefanten.

Ich sag mal so: Wir können Elefanten halten, aber dann halt nur Elefanten. (lacht) Und ich weiß nicht, wie viele Leute dann traurig über den Abschied von den Komodowaranen wären.

Interview: Thomas Stillbauer

Löwe Kumar, als er erfährt, wer neue Zoodirektorin wird: „Jaaaaaa!“
Löwe Kumar, als er erfährt, wer neue Zoodirektorin wird: „Jaaaaaa!“ © Renate Hoyer
Wären selbst gern Zoodirektoren geworden: Erdmännchen.
Wären selbst gern Zoodirektoren geworden: Erdmännchen. © Aylin Ersen
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Die Pinguine haben zur Feier des Tages schon den Frack an. © Renate Hoyer
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Haare nicht gewaschen, aber Sekt mit dem Strohhalm trinken wollen. © Renate Hoyer

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