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Das Podium im Haus am Dom: Angela Dorn (Grüne), die hessische Ministerin für Kunst und Wissenschaft, ist per Video zugeschaltet.
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Das Podium im Haus am Dom: Angela Dorn (Grüne), die hessische Ministerin für Kunst und Wissenschaft, ist per Video zugeschaltet.

FR-Stadtgespräch

„Wir können besser infizieren als das Virus“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Kulturbetriebe wollen wieder ihre ansteckende Wirkung entfalten – das kommt beim FR-Stadtgespräch deutlich zum Ausdruck.

Und die Kultur? Was wird aus ihr in Pandemiezeiten? Die Frage beschäftigt am Donnerstagabend ein prominent besetztes Podium und das Publikum im Internet. Beim FR-Stadtgespräch „Kultur in Coronazeiten“ gibt es Kritik am Umgang der Politik mit Museen und Theatern, aber auch versöhnliche Töne.

Kulturbetriebe in einer Reihe mit Bordellen, „subsummiert unter Freizeit- und Vergnügungseinrichtungen“, wie Jan Gerchow beschreibt, der Direktor des Historischen Museums Frankfurt: Die Corona-Vorschriften der Regierung trafen nicht immer den Kern der Sache. Es sei weder verhältnismäßig noch ausgewogen, dass Museen geschlossen bleiben müssten, sagt Gerchow: „Wir haben uns angestrengt, investiert, Hygienekonzepte erprobt.“ Museen seien Orte, an die Besucher nicht im Pulk kämen.

Das FR-Moderationsteam Kathrin Rosendorff (im Hintergrund) und Florian Leclerc.

Leidenschaftlich beschreibt Theaterchef Willy Praml, was sein Haus in der Frankfurter Naxoshalle ereilte: „Ein kleines Virus hat uns als Kulturmacher überholt – in der Frage des Infizierens.“ Hauptaufgabe des Theaters seien nicht Hygienemaßnahmen, sondern: die Gesellschaft geistig zu infizieren. „Und jetzt dürfen wir nicht einmal als Konkurrenten auftreten und zeigen, dass wir viel besser infizieren können als dieses kleine verdammte Tier.“ Er verstehe die Situation, obwohl er sie eigentlich hasse. Und doch ärgere ihn sogar die finanzielle Entschädigung: „Wir wollen ja nicht Geld kriegen für Nichtstun.“

Jan Gerchow, Direktor des Historischen Museums Frankfurt.

Als Orte der Bildung und der Daseinsvorsorge betrachten alle Teilnehmer auf der Bühne und auch die per Video zugeschaltete hessische Ministerin für Kunst und Wissenschaft, Angela Dorn (Grüne), die Kulturstätten: mindestens so wichtig wie Kaufhäuser, unersetzlich für Austausch und Debatte. Aber: „Es geht schon auch um Gesundheit“, mahnt die Ministerin. Es habe zwar „kein Superspreading-Event in Kultureinrichtungen“ gegeben, soweit bekannt. „Wir können aber in den meisten Fällen nicht sagen, wo sich die Leute angesteckt haben“ – es sei also durchaus möglich, dass es auch in Kultureinrichtungen passierte.

Sehr wahrscheinlich ist das in Tanzclubs. Klaus Unkelbach, Betreiber der beliebten Offenbacher Clubs Robert Johnson und MTW, sagt es ohne Umschweife. „Uns war klar, dass das Virus die Clubs liebt“, sagt er. Enge, Ausgelassenheit, Körperkontakt: „Die Situation ist in Clubs perfekt für Infektionen.“ Es sei notwendig gewesen, dem Virus diese Vorliebe wegzunehmen: „Wir müssen das aushalten, die Augen schließen und durch.“

Das Clubjahr 2020 sei nicht existent gewesen, resümiert Unkelbach. „Kompletter Ausfall.“ Den Angestellten habe er dennoch 100 Prozent Gehalt bezahlt, also mehr als das staatliche Kurzarbeitergeld. Aushilfen müssten aber ihren Lebensunterhalt jetzt anderswo bestreiten. Willy Praml betont, sein Theater habe eine Menge Hilfe bekommen und doch sei es unterfinanziert. Es liefen jetzt, da die Miete für das Industriedenkmal Naxoshalle gestundet sei, „Unsummen auf, die wir dann doch bezahlen müssen, wenn der Lockdown vorbei ist“. Er glaubt: Nach den vielen Staatszuschüssen werde die Sparwelle kommen. „Wir als Freie sind dann wahrscheinlich die ersten, die die Köpfe hinhalten müssen. Davor habe ich am allermeisten Angst.“ Der Frankfurter Kämmerer Uwe Becker (CDU) habe ja schon Einschnitte angekündigt.

Willy Praml, Intendant des gleichnamigen Theaters.

Und das Historische Museum? „Wir sind als öffentliche Einrichtung privilegiert gegenüber Privaten“, sagt Gerchow. Die 42 Festangestellten seien sicher; unter den 150 weiteren regelmäßigen Mitarbeitern seien viele in schwieriger Lage, denen man nun mit Ausfallhonoraren zu helfen versuche. Auf das Museumsprogramm, das sich über Eintritt und Drittmittel refinanziere, werde Corona massive Auswirkungen haben. Es gebe längst Verträge für die nächsten Jahre: „Ich weiß jetzt schon, dass das so nicht gehen wird.“

Was sie von der Politik erwarten, will das FR-Moderationsteam Florian Leclerc und Kathrin Rosendorff von den Kulturmachern wissen. „Mehr Differenziertheit“, sagt Gerchow, mehr Unterscheidung, welche Betriebe gut mit der Infektionsgefahr umgehen können und welche weniger. Im Theater könne man die Leute in sicherem Abstand platzieren, sagt Willy Praml. Und wenn sie sich in Bus und Bahn auf dem Weg infizieren? „Dann geht zu Fuß ins Theater!“ Hölderlin sei schließlich jeden Tag von Homburg nach Frankfurt gelaufen, um seine Geliebte zu treffen. Das sind die Momente, in denen ein voll besetzter Saal laut aufgelacht hätte – in Coronazeiten lachen die mehr als 160 Zuschauer:innen daheim vor ihren Computerbildschirmen.

Denkbar nennt Ministerin Dorn bestimmte Theaterangebote: Es sei möglich, über individuelle Regelungen und Kohortenbildung Angebote zu machen; in Museen lasse sich regeln, wie viele Leute man einlässt. „Aber wann wir Kultureinrichtungen wieder öffnen, wird von der Pandemielage abhängen.“ Darüber müssten die Gesundheitsämter entscheiden. Wenn es gelinge, Weihnachten ohne Rückschläge zu überstehen, bestehe die Chance auf baldige Öffnungen. „Alles, was wir jetzt tun, damit wir von den hohen Zahlen runterkommen, wird am Ende den Kultureinrichtungen helfen.“ Die Landesregierung arbeite intensiv an Konzepten.

Klaus Unkelbach, Betreiber der Clubs Robert Johnson und MTW.

Bei Klaus Unkelbach stößt Dorn auf Verständnis. „Ich kenne inzwischen mehr Leute, die positiv getestet wurden als negativ“, sagt er. Er habe diverse Corona-Todesfälle in seinem Umfeld. „Es geht um Leben und Tod – wer beieinander steht und dem Virus eine Chance gibt, nimmt das in Kauf.“ Und die Zukunft der Kultur? „Ich bin Optimist“, sagt Gerchow. „Ich glaube fest daran, dass über Weihnachten Besucher in die Museen kommen können, mit vernünftigem Konzept, mit Abstand, und dass wir sehr viel dabei gewinnen können.“ – „Wir kompensieren, indem wir wie die Weltmeister probieren“, sagt Praml. „Aber wir haben jetzt eine Menge Projekte auf Halde gelegt und können nicht auftreten.“ – „In einem Jahr haben wir wieder Clubleben“, sagt Unkelbach. „Heute in einem Jahr wird’s abgehen, dann werden wir alle die Arme hochreißen und feiern. Je konsequenter wir jetzt sind, desto geschmeidiger wird es werden.“

Wenn man eine Ministerin mit klaren Worten zitieren darf: „Wir unternehmen ganz große Anstrengungen, dass wir diese beschissene Pandemie am Ende besiegen“, sagt Angela Dorn.

Das ganze Stadtgespräch im Internet: http://FR.de/eventvideo

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