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„Wir haben nichts zu verlieren“

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Von: Timur Tinç

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Stepan Rudzinskyy, Vorsitzender des Ukrainischen Vereins Frankfurt, fordert militärische Unterstützung für sein Land.
Stepan Rudzinskyy, Vorsitzender des Ukrainischen Vereins Frankfurt, fordert militärische Unterstützung für sein Land. © christoph boeckheler*

Stepan Rudzinskyy, Vorsitzender des Ukrainischen Vereins Frankfurt, sieht die Existenz seiner Heimat in Gefahr und spricht öffentlich unangenehme Dinge an.

Stepan Rudzinskyy steht ungern im Mittelpunkt. Aber wenn es um sein Heimatland geht, kann der Vorsitzende des Ukrainischen Vereins Frankfurt nicht schweigen. Also stellt er sich bei Kundgebungen gegen den russischen Angriffskrieg ans Mikrofon, um die Position der Ukrainerinnen und Ukrainer klarzumachen: „Die Ukraine gibt nicht auf. Die EU und Deutschland müssen uns mehr unterstützen.“ Eine Kapitulation würde bedeuten, dass der russische Präsident Wladimir Putin sein Ziel, „die Totalvernichtung“ des ukrainischen Volkes vorantreiben würde. Darüber mache sich in der Ukraine keiner Illusionen. „Wir haben nichts zu verlieren.“

Seiner Familie in der Ukraine geht es den Umständen entsprechend gut. „Meine Stadt hat noch keine Bomben gesehen. Aber die Sirenen läuten auch dort“, sagt der 40-Jährige. Er stammt aus Ternopil im Westen der Ukraine. Kürzlich hat er seine Schwester überzeugen können, mit ihren zwei minderjährigen Kindern, acht und zwölf Jahre alt, nach Deutschland zu kommen. Sein 22-jähriger Neffe musste genauso wie sein Schwager zurückbleiben. Auch seine Eltern sind geblieben, genauso wie Cousins.

Für seinen Neffen hatte Rudzinskyy für den 25. Februar eigentlich einen Flug nach Deutschland gebucht, damit er hier studieren kann. Mit Kriegsbeginn war das hinfällig, da die ukrainische Regierung tags darauf verkündete, dass Männer über 18 nicht mehr das Land verlassen dürften. „Da er aber überhaupt keine militärische Ausbildung hat, haben sie ihn weggeschickt“, berichtet Rudzinskyy. Sein Schwager hingegen stehe an einem Checkpoint. Seine zwei Kinder sind hingegen noch zu klein, um zu verstehen, was gerade in der Ukraine passiert. Er ist froh, ihnen nicht auch noch erklären zu müssen, was gerade bei Oma und Opa los ist. „Sie sind froh, dass ihre Tante da ist.“

Rudzinskyy lebt in Oberursel, arbeitet als Risikocontroller in einer Bank in Frankfurt. Nach dem Ausbruch des Kriegs konnte er erst einmal nicht arbeiten. „Die erste Woche war physisch und psychisch sehr schwer. Ich hatte andauernde Kopfschmerzen, habe maximal ein paar Stunden geschlafen“, erzählt er. Der Ukrainische Verein Frankfurt, der rund zwei Dutzend Mitglieder zählt, hat versucht, sich zu koordinieren und Ideen gesammelt, was man von Deutschland aus machen könne. Das Hauptprojekt war bis vor kurzem die Samstagsschulen, um Kindern die ukrainische Sprache, Literatur, Geografie und Geschichte der Ukraine zu lehren. Seit vier Wochen sind Rudzinskyy und die Vereinsmitglieder auch dabei, Hilfe für Geflüchtete zu koordinieren. „Es sind Leute dazu gekommen, die man nicht kennt, die aber helfen wollten“, erzählt er. Die Handynummer des Vereins hat permanent geklingelt, die vielen Mailboxnachrichten konnte er gar nicht abhören, antworten schon gar nicht.

Schnell haben IT-Fachleute auf der Website des Vereins ein Formular aufgesetzt, mittels dessen sich Hilfsbereite melden können. Ob für Unterkunft, helfende Hände, Lager, Transportkapazitäten oder als Dolmetscher:in. „Wir haben auch versucht, Kontakt zu anderen ukrainischen Vereinen herzustellen“, sagt Rudzinskyy. Dabei habe man aber festgestellt, dass vieles lokal sehr unterschiedlich sei. Auf der Website sind verschiedene Spendenkonten von Organisationen aufgelistet worden, zu denen der Verein auch persönliche Kontakte pflegt und weiß, dass das Geld in die richtigen Hände kommt. Zudem gibt es einen Link zu den Kontodaten der ukrainischen Armee.

„Pazifisten haben es in diesen Tagen schwer“, sagt Rudzinskyy. Als in Deutschland lebender Ukrainer habe er zumindest Verständnis dafür, dass die Bundesregierung nicht militärisch involviert werden wolle, um einen Dritten Weltkrieg auszulösen. Gleichzeitig hofft er, dass Deutschland hinter den Kulissen mehr tue, als sie offiziell verlautbaren ließen. „Für die Menschen in der Ukraine hat der Dritte Weltkrieg schon begonnen“, sagt Rudzinskyy. Deutschland und die EU könnten viel härtere Sanktionen gegen Russland verhängen. Das Aus für Nord Stream 2 sei zu spät gekommen, auch viele Unternehmen würden ihrem Business mit Russland weiter nachgehen. Ein sofortiger Stopp von allen Geschäften, das Zudrehen der Gashähne könnten aus seiner Sicht den Krieg womöglich stoppen. Durch das Zögern hätte Deutschland viel Respekt in der Ukraine verloren.

„Das Engagement der Bürger gleicht es aus“, findet Rudzinksyy. Die Menschen würden wärmstens empfangen. Sein Verein bemüht sich nun darum, für eine angemessene Ausstattung der Samstagsschulen zu sorgen. „Wir hatten vorher 70 Kids, vor einer Woche sind 150 neu dazugekommen“, berichtet er. Die Stadt hat dem Verein Räume in der Klingerschule zur Verfügung gestellt. Wahrscheinlich werden es Woche für Woche mehr Kinder werden. Bislang gab es zehn Lehrer:innen, unter den Geflüchteten sind auch Lehrerinnen, die unterrichten wollen.

„Wir sind auf Spenden angewiesen“, sagt Rudzinskyy. Bislang sei die Samstagsschule ein Nullsummengeschäft gewesen, da die Elternbeiträge das Honorar der Lehrkräfte finanziert hätten. Es ist noch nicht absehbar, wie viele Kinder in die Samstagsschule kommen wollen. „Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Wir wissen alle nicht, wie schlimm es noch wird“, sagt Rudiznskyy. Was passiere mit einem Land aus dem Millionen von Menschen flöhen, überwiegend Frauen und Kinder? Wie viele bleiben? Wie viele kehren zurück? Was passiert mit den Menschen, die in der Ukraine geblieben sind?

Stepan Ruzinskyy wird seine und die Perspektive der Ukrainerinnen und Ukrainer in Frankfurter weiter in der Öffentlichkeit teilen. Auch wenn er nicht gerne im Mittelpunkt steht, denn aus seiner Sicht geht es in diesem Krieg um das Überleben des ukrainischen Volks.

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