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„Wir fordern eine lückenlose Aufklärung“

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Von: Timur Tinç

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Die Opfer von Hanau sind nicht vergessen – eine der Botschaften bei der Demo in Frankfurt.
Die Opfer von Hanau sind nicht vergessen – eine der Botschaften bei der Demo in Frankfurt. © Monika Müller

In Frankfurt demonstrieren am Samstag 1500 Menschen gegen Rassismus und gedenken den Opfern vom Anschlag in Hanau. Verschiedene antirassistische Jugendorganisationen hatten zu der Kundgebung anlässlich des zweiten Jahrestags des rechten Terrorakts aufgerufen.

Mehrere Hundert Menschen blicken am Samstagnachmittag unter der Friedensbrücke in Frankfurt auf die Gesichter von neun getöteten Menschen. Das schwarz-weiße Wandgemälde vom Kollektiv ohne Namen zeigt die Gesichter von Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Sie wurden von einem rassistischen Attentäter am 19. Februar 2020 in Hanau ermordet.

Zum zweiten Jahrestag des rechten Terrorakts haben wie in ganz Deutschland auch in Frankfurt verschiedene antirassistische Jugendorganisationen zu einer Kundgebung und einer Demonstration aufgerufen. Laut Veranstalter:innen und Polizei beteiligten sich 1500 Menschen am Zug von der Friedensbrücke über die Münchener Straße bis zur Hauptwache. „Nichts verbindet die Menschen so tief wie die Kunst, so möge denn die Kunst leben und mit ihr die, die ihr dienen und sich nicht fürchten, die herbe Wahrheit des Lebens so darzustellen, wie sie ist“, zitiert Dogus Birdal von der DIDF Jugend – Föderation Demokratischer Arbeitervereine – Maxim Gorki. Die herbe Wahrheit sei, dass am 19. Februar 2020 neun junge Menschen aufgrund ihres Aussehens aus dem Leben gerissen worden seien. Die herbe Wahrheit sei auch, „dass es an diesem Tag jeden hätte treffen können“. Aber auch, dass man nicht aufhören werde, gemeinsam für Gerechtigkeit zu kämpfen und der Opfer angemessen zu gedenken und sie nicht zu vergessen. „Wir fordern eine lückenlose Aufklärung. Vor, während und nach der Tat“, betont Birdal.

Dass das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingestellt worden sei, „ist für uns nichts Neues“, sagt eine Frau, die „Irish" genannt werden möchte, von der Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ). Schon beim NSU hätten die Behörden Beweise vertuscht und vernichtet. Die Sperrung der NSU-Akten in Hessen für zunächst 120 dann 30 Jahre zeige, „dass politische Akteure die Täter schützen und die Aufklärung blockieren“. Nach der Rede und einer Schweigeminute läuft der Demonstrationszug Richtung Münchener Straße. „Hanau. Das war Mord. Wider-stand an jedem Ort“, rufen die Demonstrierenden oder: „Nazis morden, der Staat macht mit – der NSU war nicht zu dritt“.

„Wie viele Einzelfälle noch?“

Die Landtagsabgeordnete Saadet Sönmez (Linke) sagt in ihrer Rede: „Hanau war kein Einzelfall. Es reiht sich ein in eine Kette vieler sogenannter Einzelfälle. Wie viele Einzelfälle braucht es noch, bis sie ein Muster erkennen?“. Die eigentliche Konsequenz müsse sein, das Problem an der Wurzel zu packen, indem die sozioökonomischen Probleme in der Gesellschaft abgebaut würden.

„Tatsache ist, dass gerade in Zeiten schwieriger wirtschaftlicher und sozialer Lebensbedingungen rassistische Übergriffe zunehmen“, sagt Sinem vom Bundesverband der Migrantinnen. Sie forderte unter großem Beifall ein Verbot rassistisch-faschistischer Organisationen und ein Ende ihrer finanziellen Unterstützung. „Rassismus setzt sich in unterschiedlichen Dimensionen und Behörden, Flüchtlingslagern und der Straße fort“, sagt sie. Mehrheitlich betroffen davon seien Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch Obdachlose und Antifaschisten. Zeliha Dikmen, vom Aktionsbündnis von Vereinen und Organisationen mit dem Hintergrund aus der Türkei, betont, dass der Kampf gegen Rassismus überall stattfinden müsse. In staatlichen Institutionen, in Schulen, politischen Parteien, Berufsorganisationen, Gewerkschaften, Sportvereinen und Migrantenorganisationen. „Rassistische Morde beginnen im Kopf“, sagt Dikmen.

Bereits am Freitagabend waren laut Polizei 700 Menschen durch das Gallusviertel gezogen, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren. Dabei wurde ein 37-jähriger wohnsitzloser Mann festgenommen, der Demonstrierenden den Hitlergruß gezeigt haben soll. Bis auf ein gezündetes Bengalo sei die Demonstration aber friedlich verlaufen, teilte die Polizei mit. Genauso wie eine weitere Kundgebung am Samstag abend, an der sich 350 Menschen beteiligten.

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