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Rodgau Monotones: „Wir dachten, in einem Jahr gibt es uns nicht mehr“

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Von: Thomas Stillbauer

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„Die fragen uns: Seid ihr verrückt?“ Ali Neander, sehr laut.
„Die fragen uns: Seid ihr verrückt?“ Ali Neander, sehr laut. © Renate Hoyer

Gitarrist Ali Neander über (bald) 45 Jahre Rodgau Monotones und den Gig am Freitag bei den Grüne-Soße-Festspielen

Ali Neander, seit sieben Jahren wartet die Menschheit auf das nächste Studioalbum der Rodgau Monotones – wie weit ist es?

In den ersten Zuckungen, würde ich sagen. Wir versuchen, dass wir es nächstes Jahr zu unserem Jubiläum rausbringen.

Nächstes Jahr? Was für ein Jubiläum ist nächstes Jahr?

45.

Aber ist das nicht dieses Jahr? Gründung 1977?

Das ist ein bisschen kompliziert. Unser eigentliches Gründungsdatum war unsere erste Probe, die fand 1977 statt, das ist schon richtig. Aber wir feiern eigentlich immer unseren ersten Auftritt, und der war 1978. Wir haben auch schon ein Jubiläumskonzert für nächstes Jahr anberaumt, am 9. September in Hanau. Und wenn es so läuft, wie wir uns das vorstellen, kommt die CD im Frühjahr raus.

Das Konzert dann im Amphitheater?

Ja. Wir hatten ursprünglich eine größere Veranstaltung geplant, mit alten befreundeten Bands im Waldstadion, aber Corona hat das verhindert. Das wäre im Moment als Projekt zu groß, deshalb machen wir es in Hanau.

Und jetzt erst mal ein paar kleinere Gigs, Partyschiff, Grüne-Soße-Festspiele…

Wir spielen gerade eine ganze Menge Gigs, zum Beispiel kürzlich im wunderschönen Vogelsberg, das war super.

Rodgau Monotones: Für alten Rahmen des Grüne-Soße-Festivals „zu wuchtig“

Beim Grüne-Soße-Festival warst Du gelegentlich im Duo mit Sabine Fischmann zu sehen und zu hören, aber nie mit den Monotones. Warum klappt es diesmal mit der Band?

Die Monotones wären einfach kein geeigneter Act gewesen in dem alten Rahmen des Festivals mit Essen für alle Gäste in einem Zelt. Dafür ist unsere Show zu wuchtig, und beim Grüne-Soße-Wettbewerb ist man als Künstler immer ein Teil des Rahmenprogramms – da wären die Monotones völlig übertrieben gewesen. Diesmal ist es ja eine Reihe von Konzerten auf dem Roßmarkt, und da passen wir natürlich viel eher hin. Einfach ein Open Air. Ist ja kein Problem.

Wer spielt Schlagzeug?

Im Moment ist es Martin Kessler. Er hat ja schon seit einiger Zeit ausgeholfen, weil unser ursprünglicher Drummer Mob Böttcher so große Probleme mit seinem Tinnitus bekommen hat.

Die Besetzung ist ansonsten wie gewohnt? Ihr seid ja unglaublich lang ohne große personelle Veränderungen unterwegs.

Überleg mal: Die Kerstin, unsere „Neue“ …

…Kerstin Pfau, die Sängerin…

…die ist jetzt auch schon seit über 30 Jahren in der Band. Unsere Zeitverhältnisse sind schon geologische Epochen.

Quasi Erdzeitalter.

Sedimente setzen sich ab. (lacht) Aber das ändert an der Realität nichts. Als wir in Lauterbach im Vogelsberg gespielt haben: Dieser Auftritt hätte ganz genau so vor 40 Jahren sein können, es ist verrückt.

Was ist denn das Geheimnis dahinter, so lange zusammenzubleiben? Wie schafft Ihr das?

Ich glaube, den Moment, in dem wir uns so hätten verkrachen können, dass wir uns auflösen – den haben wir verpasst. (lacht)

Rodgau Monotones: „Wir hatten vielleicht nicht genügend Geld, über das wir uns hätten verkrachen können“

Aber die Chance hätte durchaus bestanden?

Es ist ja bei anderen Bands immer so, dass es schwierig wird, wenn man Erfolg hat, dann kämpft man so, dann entstehen irgendwelche gekränkten Eitelkeiten. Da können sich Bands ganz wunderbar verkrachen. Aber wir hatten vielleicht nicht genügend Geld, über das wir uns hätten verkrachen können. Man kann sagen: Unsere Auflösung ist einer gewissen Apathie zum Opfer gefallen – ach, auflösen … viel zu anstrengend.

Es gab kein Geld zum drüber Streiten? Bestand dann auch nicht die Gefahr, dass Ihr allein von Eurer Musik hättet leben können?

Na doch, wir haben in den 80er Jahren komplett von der Musik gelebt. Ich lebe immer noch von der Musik. Aber die Monotones sind heute so etwas wie eine Nebenerwerbslandwirtschaft.

(lacht)

Wir alle sind froh darüber, dass wir die Band haben, das ist ein recht gutes Zubrot, sonst würden wir es ja auch nicht machen. Aber wir haben uns schon damals, vor mehr als 30 Jahren, darauf geeinigt, dass niemand davon abhängig sein soll. Das ist auch einer der Gründe – neben der gewachsenen Chemie zwischen uns, wo keiner der Star ist –, warum es uns noch gibt. Weil wir beschlossen haben: Passt auf, Leute, wir müssen jetzt nicht mit Gewalt so viel spielen, damit jemand seine Miete zahlen kann. Wir müssen das auch irgendwie anders regeln können. Dann sind die Monotones, wie gesagt, ein sehr schöner Nebenerwerb.

ZUR PERSON & BAND

Ali Neander, geboren 1958, ist seit 45 Jahren Gitarrist der Rodgau Monotones. Er spielte und spielt außerdem in unzähligen weiteren Projekten und macht unter anderem Filmmusik.

Die Rodgau Monotones, gegründet 1977 oder 1978, je nach Lesart, bereicherten die Rhein-Main-Region und die ganze Republik mit Hits wie „Die Hesse komme“, „Ei Gude, wie?“, „Hallo, ich bin Hermann“, „Saint Tropez am Baggersee“ oder „Bad Orb, Bad Orb“. Zur Band zählte einst auch Henni Nachtsheim, ehe er sich mit dem Comedy-Duo Badesalz selbstständig machte.

Am Freitag, 24. Juni, spielen die Rodgau Monotones zum Auftakt der Grüne-Soße-Festspiele auf dem Frankfurter Roßmarkt.

Ihr wart damals in den 80ern das Riesenvorbild für alle anderen hier, dass man als Band aus Rhein-Main was reißen kann, auch auf der Einnahmenseite.

Das konnten eine Zeitlang sogar mehrere Bands. In dieser Szene, die viel live gespielt hat, gab’s eine Handvoll Bands, die sich davon ernähren konnten.

Flatsch, Hob Goblin, Frankfurt City Blues Band, die Crackers, Straßenjungs, 8x4…

Irgendwann ging das vorüber, dann kam ein Generationswechsel, und dann war es in der Form auch nicht mehr möglich. Aber wir beklagen uns darüber nicht. Wir hatten ja am Anfang nie damit gerechnet, dass wir davon leben können. Das war alles vollkommen aus Spaß. Die Vorstellung, dass dahinter ein hollywoodartiger Plan gesteckt haben könnte, „follow your dreams“, die ist kurios. Nee, irgendwann kam plötzlich die Erkenntnis: Huch – ich glaub, ich leb’ davon!

Rodgau Monotones: „Wir dachten, in einem Jahr gibt es uns nicht mehr“

Das kam so unerwartet?

Ja! Es gibt ja Leute, die können solchen tollen Strategien folgen, aber bei uns konnte das niemand. Es war eher so, dass man sich dabei ertappte, wie man Erfolg hatte, und dann haben wir gesagt: Na gut, dann machen wir jetzt mal weiter.

Ihr dachtet bei der ersten Probe also gar nicht: In fünf Jahren spielen wir beim Rockpalast und dann beim Open Air mit Dylan und Santana, Zwinkersmiley?

Nein! Wir dachten, in einem Jahr gibt es uns nicht mehr. Wir haben diese Band aufgemacht nach der Devise: Wer is’n der Lauteste auf seinem Instrument?

Der Lauteste!

Wirklich! Ich kann mich an die Telefonate noch erinnern. Vom Raimund wusste ich, der ist auch ein lauter Gitarrist. Den hab ich angerufen und gefragt: Sag mal, Raimund, hast du Lust, eine Band mitzumachen? Und da hat er gesagt: vielleicht. Mehr hab ich von ihm seitdem nicht gehört. (lacht)

Du hast eben das Waldstadion erwähnt. Da läuft, immer wenn die Eintracht spielt, Euer größter Hit, „Die Hesse komme“.

Leider hat die Bundesliga am Anfang etwas Kluges gemacht. Die haben einen Sonderdeal mit der Gema.

Das heißt, da fällt für Euch gar nichts ab?

So ist es. Das läuft nicht unter Veranstaltung. Die haben da was clever gemacht.

Geld horten konnten sie schon immer in der Bundesliga. Aber wegen „Die Hesse komme“: Es sind ja die Eintracht-Fans, die das Lied singen. Ihr kommt aus dem Kreis Offenbach…

Wir sind Eintracht-Fans. Ich hab’ in Offenbach-Bieber gewohnt, aber ich war immer Eintracht-Fan. Im Rodgau sind relativ viele Leute Eintracht-Fans. Das hat aber jetzt nichts damit zu tun – wir haben auch auf dem Bieberer Berg sehr schöne Nachmittage erlebt, das war eine andere Art Spaß. Wir sind aber eigentlich Eintracht-Fans.

Was werdet Ihr beim Grüne- Soße-Festival spielen?

Natürlich unser Grüne-Soße-Lied.

„Hundert Fässer Grüne Soße“ von Eurem jüngsten Album „Genial“.

Und einen Querschnitt durch 45 Jahre Monotones. Man muss immer gucken, dass man nicht zur Oldie-Kapelle wird, zur eigenen Coverband. Aber die Leute wollen natürlich bestimmte Sachen hören, und die sollen sie auch hören.

Drei von den unkaputtbaren Rodgau Monotones: Ali Neander (Mitte) mit Sängerin Kerstin Pfau und Sänger Osti Osterwold.
Drei von den unkaputtbaren Rodgau Monotones: Ali Neander (Mitte) mit Sängerin Kerstin Pfau und Sänger Osti Osterwold. © Monika Müller

Rodgau Monotones: „Würdelose Senioren, die Quatsch auf der Bühne machen“

Volle Lotte wieder mal.

Es gibt aber auch eine neue Monotones-Generation. Da sind auf der einen Seite die strammen Ü60 – und es kommt sozusagen eine nachgezüchtete Generation. Da fragt man sich manchmal: Was wollt ihr hier? Also nicht im negativen Sinn, einfach aus Interesse: Wie kommen die da drauf?

Und, was ist Eure Theorie?

Offenbar hat das auch etwas Exotisches: würdelose Senioren, die Quatsch auf der Bühne machen. (lacht)

Vielleicht ist es auch, dass Ihr schon immer den brettartigsten Sound von allen hattet. Diese Wucht war ja schon in den 80ern die Magnetkraft der Rodgau Monotones. Denkbar, dass das auch heute junge Leute anspricht.

Es gibt auf Bayern 3 „Die letzten ihres Standes“, wo so alte Handwerksberufe vorgestellt werden, der Fassbieger und der Tischschnitzer – so etwas sind auch die Monotones. Das ist so ein Anachronismus: Bands, die selbstzerstörerisch laut auf der Bühne spielen, gibt’s ja kaum noch. Selbst die Metal-Bands spielen alle mit In-Ear…

…mit Ohrstöpseln als Monitor…

…und Digitalverstärkern. Das ist zwar brutal laut nach vorne, aber auf der Bühne ist das viel zu zivilisiert! Wir sind die Letzten wirklich Lauten – wenn andere Musiker zu uns auf die Bühne kommen, sagen die: Seid ihr verrückt? Vielleicht ist es das, was die Jungen an uns fasziniert. Man sieht gern Menschen bei seltsamen Tätigkeiten zu. Und ich bin ja auch dankbar. In anderen Bands dürfte ich nicht derart den Master-Regler aufreißen. Die Monotones sind der letzte Ort dafür.

Interview: Thomas Stillbauer

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