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Sie vertreten die freie Theaterszene in Frankfurt: Olivia Ebert und Jacob Bussmann.

Freie Theater

„Wir brauchen ein Haus für die freie Szene“

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Olivia Ebert und Jacob Bussmann vom Verband ID_Frankfurt zur Situation der kleinen unabhängigen Theatergruppen in der Stadt.

Der 23. August war ein wichtiger Tag für die Freie Theaterszene in Frankfurt.

Mit diesem Datum verschickte das städtische Kulturamt die Förderbescheide für die zahlreichen freien Theatergruppen und Ensembles in der Stadt. Sie wissen jetzt, wie viel Geld sie in der nächsten Zeit von der Kommune als Unterstützung zu erwarten haben. 

Die Stadt hatte die Unterstützung erst in jüngster Vergangenheit auf rund 4,2 Millionen Euro im Jahr erhöht. Seit vier Jahren gibt ein Theaterbeirat, in dem Kritiker und Dramaturgen sitzen, Empfehlungen für die städtische Förderung ab.

In diesem Jahr gab es eine öffentliche Diskussion über die neuen Förderbescheide aus dem Kulturamt. So wurden die Fördersummen für einzelne Gruppen und Ensembles gekürzt.

Das Kulturamt argumentiert damit, dass zusätzliche Gruppen in die Förderung aufgenommen worden seien, es aber insgesamt nicht mehr Geld gab. Der Interessenverband ID_Frankfurt reagierte mit einem kritischen offenen Brief zur Situation der freien Ensembles.

Langjährige und erfahrene Theaterleiter wie Rainer Pudenz von der Kammeroper Frankfurt und Winfried Becker vom Gallustheater bezweifelten im Gespräch mit der FR die Kompetenz des Theaterbeirates.

Deshalb greift die FR jetzt das Thema auf und sprach im Interview mit dem Vorstand von ID_Frankfurt, einem der Verbände, in dem die Freien Theater in der Stadt organisiert sind. 

Frau Ebert, Herr Bussmann, die freie Theaterszene in Frankfurt ist sehr vielfältig. Wie viele Gruppen, wie viele freie Ensembles gibt es in der Stadt?
Ebert: Diese Frage führt uns schon zu einem unserer Kritikpunkte. Das Kulturdezernat hat nicht mitgeteilt, wie viele Theatergruppen sich jetzt um eine Förderung der Stadt beworben haben. Hier wäre eine zentrale Bestandsaufnahme wichtig.

Wie viele Mitglieder zählt ihr Verband?
Bussmann: Wir haben 62 Mitglieder, darunter sind aber auch einzelne Künstler, nicht nur Gruppen und Ensembles. Die Stadt sollte transparent machen, welche Gruppen und Spielstätten Anträge gestellt haben.

Die Personen

Olivia Ebert (33) ist freie Kuratorin und Dramaturgin.

Sie kuratiert unter anderem das

Favoriten-Festival in Dortmund und das Theaterfestival „Schwindelfrei“ in Mannheim.

Jacob Bussmann (35) ist Pianist und Teil der Gruppe „Skripted Reality“.

Beide sind im Vorstand der Künstlerassoziation ID_Frankfurt. jg

Insgesamt ist die Förderung der freien Gruppen seitens der Stadt in den zurückliegenden Jahren erhöht worden. Das war ein wichtiger Schritt. Und doch kommt jetzt Unruhe auf. Es hat auch wieder Kürzungen gegeben.
Ebert: Es hat verschiedene Gründe, warum wir jetzt unseren offenen Brief veröffentlicht haben. Zum einen vermissen wir Transparenz seitens der Stadt. Das Antragsvolumen wird nicht veröffentlicht, das Gleiche gilt für die Empfehlungen des Theaterbeirates. Es wurde viel erreicht. Es ist sehr begrüßenswert, dass die Förderung erhöht wurde. Sonst würden viele Theatergruppen gar nicht arbeiten können, sie würden in andere Bundesländer abwandern, wie zum Beispiel nach Nordrhein-Westfalen oder nach Berlin, wo die Förderung besser ist.

Wie hoch ist die Fördersumme in Frankfurt im Jahr für die freien Theater?
Ebert: Im Jahr stehen 4,2 Millionen Euro zur Verfügung. Man muss sehen, dass sich das aufteilt auf die Förderung von Spielstätten einerseits und einzelner Projekte andererseits. Mehr als die Hälfte dieser 4,2 Millionen Euro geht in Strukturen. Etwa 1,7 Millionen Euro bleiben für künstlerische Vorhaben. Wir fordern, dass sich mehr Theater öffnen für freie Gruppen. Es gibt ganz viel Bedarf. Es wurde viel angestoßen durch die Einführung des Theaterbeirates. Aber wir fürchten, dass jetzt die Stadt alles als abgeschlossen betrachtet.

Brauchen die Theatergruppen mehr Orte, mehr Spielstätten?
Bussmann: Es braucht Orte, die ein Umfeld für die Gruppen schaffen. Die brauchen eine langfristige Perspektive.

Ist es schwer, solche Orte zu finden in Frankfurt?
Ebert: Ja. Es gibt nur wenige Orte, die offenstehen für zeitgenössische Künstler. Der Mousonturm macht ein sehr ausgewähltes Programm. Es ist kuratiert. Die Kapazitäten dort sind begrenzt. Dann gibt es das Gallustheater, die Landungsbrücken und Studio Naxos. Viele Gruppen sind an keinem dieser Orte beheimatet. Wir brauchen deshalb ein Produktionshaus für die regionale freie Szene. Gleichzeitig braucht es auch einen Austausch mit der Stadt über ästhetische Programme und über Leitungsstrukturen. Zu einer vorausschauenden Theaterentwicklung gehört auch die weitere Diskussion über ein Freies-Szene-Festival in Frankfurt.

Haben Sie eine Idee oder einen Vorschlag, wo ein Haus für die Freien Theater entstehen könnte?
Ebert: Es gab 2011 einmal den Vorschlag der Perspektivkommission, dass bestehende Spielstätten als ein solches Haus fungieren könnten. Als geeignet genannt wurden zum Beispiel Gallustheater, Titania und Naxoshallen.

Das Gallustheater bietet ja heute schon freien Gruppen die Möglichkeit, zu inszenieren.
Ebert: Ja, das gilt für manche Gruppen. Aber es bräuchte eine größere Außenwirkung und eine bessere Zusammenarbeit mit überregionalen Performing-Arts-Netzwerken.

Sie haben auch kritisiert, dass es eine verdeckte Kürzung der Zuschüsse der Stadt gegeben hat. Wie ist das abgelaufen?
Ebert: Wir haben aus der Liste der Stadt herausgelesen, dass die mehrjährige Förderung um 155 000 Euro im Jahr erhöht wurde. Das begrüßen wir natürlich. Aber diese Erhöhung geht zu Lasten der Zuschüsse für die einzelnen Projekte – und dies für die nächsten zwei Jahre. Das hat die Stadt überhaupt nicht kommuniziert. Und das nennen wir eine verdeckte Kürzung. Die Gesamtsumme bleibt bei 4,2 Millionen Euro. Uns fehlt ein langfristiges Konzept der Stadt, wie die einzelnen Förderinstrumente aufeinander abgestimmt sind, und eine offene Kommunikation darüber.

Das Argument des städtischen Kulturamtes ist ja, dass man mehr Gruppen fördern wolle und deshalb anderen etwas wegnehmen müsse.
Bussmann: Das Kulturamt hat zugleich die Gruppen gefragt, ob sie überhaupt noch mehrjährige Förderung beantragen wollten und ob sie nicht gleich auf die Unterstützung einzelner Projekte umschwenken.

Ebert: Wir befürchten, dass dadurch wesentlich mehr Anträge bei der Einzelprojektförderung eingehen, als bewilligt werden können.

Die Kammeroper Frankfurt ist ein wichtiges freies Ensemble.

Das heißt doch unter dem Strich, dass die Stadt mehr Geld für die Freien Theater zur Verfügung stellen müsste, oder?

Ebert: Unsere Forderung ist, dass die 155 000 Euro anders ausgeglichen werden als durch Kürzung bei den einzelnen Projekten. Für eine Überprüfung der Fördersumme und genauere Abstimmung der Förderinstrumente aufeinander möchten wir nun – vier Jahre nach Einführung der neuen Theaterförderung – eine unabhängige Evaluation vorschlagen.

Es gibt ja in der Stadt auch eine Diskussion über die Kompetenz des Theaterbeirates, der die Empfehlung zur Förderung ausspricht. Langjährige Theaterschaffende wie etwa Rainer Pudenz oder Winfried Becker bezweifeln die Kompetenz. Reinhard Hinzpeter vom Freien Schauspielensemble fordert, dass der Beirat sich nicht die Anträge der Gruppen anschaut, sondern deren konkrete Aufführungen. Das finde zu wenig statt.
Bussmann: Ich teile die Einschätzung nicht, dass der Theaterbeirat zu wenig Kompetenz besitzt. Das Gremium ist gut besetzt mit erfahrenen Theaterprofis, die unterschiedliche Bereiche abdecken. Natürlich ist es für die Gruppen wichtig, den Beirat einzuladen zu Aufführungen. Wir legen unseren Mitgliedern immer wieder nahe, das zu tun.

Ebert: Der Theaterbeirat ist eine wichtige Institution. Wir halten ihn für kompetent. Es gibt für uns keinen Grund, an seiner Kompetenz zu zweifeln. Es wird ja in diesem Gremium auch rotiert, die Mitglieder wechseln.

Von den langjährigen Theaterleitern wird ja auch befürchtet, dass die Stadt sie langsam aus der Förderung herausdrängen wolle.
Ebert: Ich teile diesen Eindruck nicht. Es geht darum, eine Diversität der Theaterszene zu erhalten. Wir wollen nicht unterschiedliche Ästhetiken oder unterschiedliche Generationen gegeneinander ausspielen. Es muss nur eine Struktur vorhanden sein, die für alle funktioniert. Bestimmte Produktionsformen dürfen gegenüber anderen nicht bevorzugt werden. Wir wollen anregen, dass die Unterstützung von Spielstätten und Ensembles getrennt wird und es dann für zentrale Spielstätten der freien Szene unter bestimmten Bedingungen auch längerfristige Förderungen über vier Jahre hinaus gibt. Dann treten diese Konkurrenzen nicht mehr auf.

Bussmann: Die Förderung muss länger verabredet werden als nur vier Jahre. Das wäre für die Theater eine wichtige Sache. Es gibt Sicherheit für das Personal und die Spielstätte.

Sie haben kritisiert, dass es zu lange dauere, bis die Stadt die Förderung bekannt gibt. Ist es im August schon zu spät?
Ebert: Ja. Wir wollen, dass die Förderung mindestens ein halbes Jahr vor Beginn bekannt gegeben wird. Bei einer mehrjährigen Unterstützung muss es einen Austausch über die Entwicklung geben. So kann rechtzeitig festgestellt werden, dass eine Zielvereinbarung mit der Stadt nicht eingehalten werden kann. Das würde den Gruppen sehr helfen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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