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Hat bereits reagiert und ihr Logo von der Homepage entfernt: Die Eschersheimer Mohren-Apotheke.

Debatte um „Mohren-Apotheken“

„Wir Afrikaner sind auch Teil dieser Stadt“

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Die Kommunale Ausländer- und Ausländerinnen-Vertretung hat die Umbenennung zweier Frankfurter „Mohren-Apotheken“ gefordert. Ein Gespräch über die Beweggründe.

Die Kommunale Ausländer- und Ausländerinnen-Vertretung (KAV) hat in einem Antrag ans Stadtparlament die Umbenennung zweier Frankfurter „Mohren-Apotheken“ gefordert, weil der Begriff rassistisch sei. Das ebenfalls kritisierte Logo eines stilisierten schwarzen Kopfes mit dicken Lippen, Ohrringen und Turban hat die Eschersheimer Mohren-Apotheke von ihrer Homepage entfernt, nachdem die FR und in der Folge weitere Medien über das Anliegen der KAV berichtet hatte. Den Antrag initiiert hat Virginia Wangare Greiner.

Frau Greiner, Ihr KAV-Antrag hat für viel Wirbel gesorgt. Was für Reaktionen haben Sie in den vergangenen Tagen erhalten?

Sehr rassistische. Das sind keine Kommentare, die man als Kritik akzeptieren oder auch nur wiedergeben möchte.

Die meisten der Rückmeldungen, die auch unsere Redaktion zahlreich erreichten, lehnen eine Umbenennung ab. Hat Sie das Maß an Unverständnis für Ihr Anliegen überrascht?
Wir haben damit, ehrlich gesagt, nicht gerechnet. Unser Antrag war dazu gedacht, einen Dialog anzustoßen. Die KAV hat einstimmig für diesen Antrag gestimmt, aber er ist ja im Stadtparlament noch nicht entschieden worden. Dass wir jetzt so viele negative, sehr persönlich beleidigende Reaktionen erhalten, das hätte ich nicht gedacht.

Was glauben Sie, warum so viele Menschen sich schwer damit tun, ihren Sprachgebrauch zu überdenken? 
Ich denke, dass Menschen die Sprache, die sie gewohnt sind und das, was sie bei anderen Menschen auslöst, nicht infrage stellen. Viele machen sich keine Gedanken über die Geschichte, über Kolonialisierung und darüber, dass Sprache sich im Laufe der Zeit ändert. Wenn etwas vor 100 Jahren gutgemeint war, heißt das nicht, dass es immer so bleibt. Anhand der rassistischen Reaktionen, die wir nun erhalten, kann man sehen, dass diese Begriffe genau das spiegeln, was viele Menschen denken. Das ist erschreckend.

Warum haben Sie das Thema eigentlich auf die Tagesordnung gesetzt?
Anlass war, dass mehr als fünf Leute zu uns kamen und uns fragten, ob wir nicht etwas dagegen machen könnten. Es könne doch nicht sein, dass es so etwas heute noch gibt in Frankfurt.

Die Apotheker waren erstaunt, dass Sie sie nicht zuerst kontaktiert haben ... 
Das ist im parlamentarischen Betrieb nicht üblich. Politische Anträge werden gestellt, demokratisch debattiert und abgestimmt. Kein Antrag wird vorher mit den Betroffenen besprochen. Deswegen gab es auch keinen Anlass, das dieses Mal zu tun. Aber wir haben uns jetzt schriftlich an beide Apotheken gewandt und ein Gespräch angeboten.

Die Escherscheimer Mohren-Apotheke hat mittlerweile ihr Logo entfernt. Sehen Sie das als Teilerfolg?
Das ist ein positives Ergebnis, das wir sehr begrüßen. Wir danken der Apotheke sehr dafür. Aber es geht hier nicht um Erfolg. Es ging uns auch nie darum, zu sagen, dass die Apotheker selbst rassistisch sind. Es geht darum, zu erkennen, wer durch die Logos und Namen verletzt wird. Wir Schwarzen sind auch Kunden, es ist nicht so, als ob uns die Mohrenapotheke nichts anginge. Das sind Apotheken in dieser Stadt, in die auch Afrikanerinnen und Afrikaner gehen. Wir sind auch ein Teil dieser Stadt.

Eine der betroffenen Apothekerinnen sagte mir, eine Umbenennung sei kompliziert, weil ihre Zulassung am Namen hängt. Das zu ändern, würde hohe Kosten verursachen, die sie nicht alleine stemmen könne. Haben Sie eine Idee, wie sich das praktisch lösen ließe?
Wenn eine Apotheke gewillt ist, ihren Namen zu ändern, dann sollte es nicht am Geld scheitern. Wir als KAV könnten Unterstützung leisten, etwa zu Spenden aufrufen, eine Benefizveranstaltung organisieren oder einen entsprechenden Antrag an das Stadtparlament richten. Vielleicht sind die Befürworter nicht so laut wie die Gegner, aber sie sind da. Wenn wir so weit sind, wäre es gut, wenn sich alle Beteiligten zusammensetzen und gemeinsam überlegen. Wenn die Apotheken mit dem Namen auf afrikanische Heilkunst verweisen wollten, ließe sich das ja auch anders aufgreifen. Wir würden dafür auch Werbung machen.

Sie engagieren sich als Sozialarbeiterin schon seit vielen Jahren für afrikanische Communities. Mit welchen Anliegen kommen diese Menschen zu Ihnen?
Es geht um Alltagsdiskriminierung und strukturellen Rassismus. Um Themen wie Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Wohnungen oder medizinischer Versorgung und um Integration. Wer wissen will, wie mit uns Afrikanerinnen und Afrikanern umgegangen wird, braucht nur die Kommentare zu lesen, die uns bei der KAV derzeit erreichen. Die Mohren-Apotheke hat das nicht verursacht. Aber ich habe den Eindruck, dass es schlimmer geworden ist. Mehr und mehr Leute erleben offene Diskriminierung.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

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