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Dr. med. Christine Reif-Leonhard

Winter

Vom Winter-Blues zur Winterdepression

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Die Ärztin Christine Reif-Leonhard spricht im Interview über den fließenden Übergang vom Winter-Blues zur Depression.

Die dunkle Jahreszeit macht viele Menschen müde und schlapp. Das ist zunächst nicht besorgniserregend. Im Gespräch mit der FR erklärt Oberärztin Christine Reif-Leonhard, wann die Symptome bedenklich werden und ob dann zum Beispiel eine Lichttherapie helfen kann.

Frau Reif-Leonhard, die Tage werden wieder länger, hellt sich da auch gleich die Stimmung wieder auf?
Gleich nicht, aber man kann schon sagen, dass in den Jahreszeiten mit mehr Licht wie im Frühjahr oder besonders im Sommer die Stimmung besser ist und die Müdigkeit abnimmt. 
 
Viele Menschen fühlen sich in der dunklen Jahreszeit müde und antriebsschwach. Woran liegt das? 
In lichtarmen Zeiten wird mehr Melatonin ausgeschüttet. Der Körper schafft es nicht, dieses Schlafhormon vollständig abzubauen. Deshalb fühlen wir uns oft etwas schwunglos und müder als sonst. Parallel dazu wird weniger Serotonin produziert, ein Botenstoff, der für die gute Laune zuständig ist. 
 
Wie reagieren die Skandinavier auf dieses Phänomen? Dort oben im Norden gibt es ja im Winter noch viel weniger Licht als hier.
Das stimmt. Sie setzen viel mehr Tageslichtlampen ein. Das ist viel verbreiteter dort als hier. Und wenn man sich die Winterdepressionen anschaut, also die saisonal bedingten Depressionen, dann ist das Aufkommen viel höher als in Deutschland. 

Wann wird ein bedrückter Gemütszustand bedenklich und was sollte man dagegen unternehmen?
Vom Winter-Blues zur Winterdepression – das ist ein fließender Übergang. Bedenklich wird es, wenn die Traurigkeit länger als zwei Wochen anhält, wenn man sich durch angenehme Dinge nicht mehr ablenken oder auch gar nicht mehr aufstehen kann. Lebensbedrohlich wird es, wenn jemand daran, denkt sich das Leben zu nehmen. Das ist ein Anzeichen für eine schwere depressive Episode.

Die meisten Menschen fühlen sich ja nur so ein bisschen schlapp, antriebslos und müde. Geht das von alleine weg?
Ja. Das ist keine Krankheit.

Und wenn die Beschwerden zunehmen, was kann man da unternehmen? Sollte man zum Hausarzt gehen?
Der Hausarzt ist eine gute Idee. Noch besser wäre ein Facharzt. Aber Termine bei niedergelassenen Psychiatern sind in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet kaum verfügbar. 

Wie lange dauert es, um einen Termin zu bekommen?
Acht bis zwölf Wochen.

Da ist der Winter vorbei …
Vielleicht, ja. Also mit dem Hausarzt die Symptome besprechen. Die richtigen Winterdepressionen sind gar nicht so häufig. Sie machen weniger als fünf Prozent aller Depressionen aus und sind auch häufig nicht so schwer ausgeprägt. Man kann sie gut behandeln, zum Beispiel mit Lichttherapie.

Was ist das für eine Therapie?
Hier, das ist so eine Lampe. 

Das blendet aber.
Ja, das ist auch Sinn und Zweck der Lampe. Lichttherapie bedeutet, sich einer Bestrahlung mit sehr, sehr hellem Licht auszusetzen, idealerweise bis zu 10 000 Lux. Viele Praxen und Kliniken bieten diese Therapie an. 

Kann man so eine Lampe auch selbst kaufen und was kostet das Gerät?
Für 150 Euro bekommt man schon eine vernünftige Lampe. Bei einer erwiesenen Winterdepression können die Krankenkassen die Kosten übernehmen.

Und was macht man dann mit der Lampe?
Es wird empfohlen, sich morgens dem Licht für 30 bis 40 Minuten auszusetzen. Es reicht, wenn das Licht seitlich ins Auge fällt. Man könnte also dabei frühstücken, lesen oder schreiben. 

Spazieren gehen bei Tageslicht soll auch gegen die Niedergeschlagenheit helfen? 
Ja, das ist auch sehr gut, selbst bei wolkenverhangenem Himmel. Das ist sicherlich für alle gut, regelmäßig eine halbe oder eine ganze Stunde rauszugehen, um Licht abzubekommen und Vitamin D zu produzieren. 
 
Welche Rolle spielt Bewegung für das Wohlbefinden?
Man weiß von nicht saisonal bedingten Depressionen, dass Bewegung und Ausdauersport – damit meine ich alles, was länger dauert als eine halbe Stunde, „depressionslösend“ wirken. Ich habe Patienten, die können leichtere depressive Einbrüche mit Sport aufhalten. Man kann sich also mit Sport bis zu einem gewissen Schweregrad selbst therapieren. 

Wann ist die Zeit für Winterdepressionen vorbei?
Wenn das Frühjahr da ist. Wobei man wissen muss, dass der Umbruch vom Winter ins Frühjahr eine Zeit ist, in der gehäuft depressive Episoden auftreten. 

Interview: Friederike Tinnappel

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