Römerbriefe

Wind der Veränderung

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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  • Georg Leppert
    Georg Leppert
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Ein kleiner Rückblick für alle, die behaupten, dass früher im Römer alles besser warDie FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Göpfert: Also die Sitzordnung war damals schon anders, viel übersichtlicher für uns Journalisten.

Leppert: Wovon erzählst du denn gerade?

Göpfert: Vom Frankfurter Stadtparlament 1980, da gab es nämlich gerade mal drei Fraktionen im Plenarsaal: CDU, SPD und FDP.

Leppert: Leicht zu merken.

Genauso ist es, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Heute mal ein Rückblick für alle Nostalgischen, die stets behaupten, früher sei alles besser gewesen, auch in der Politik.

1980 waren die Verhältnisse im Römer wunderbar geordnet und das schon ziemlich lange. Die drei Parteien, die wir da oben genannt haben, die waren schon seit 1972 ganz unter sich. Nicht so ein Durcheinander wie heute mit zehn verschiedenen Fraktionen und Gruppen im Stadtparlament. Die CDU hielt die absolute Mehrheit und stellte den Oberbürgermeister Walter Wallmann, ließ aber die SPD freundlicherweise mitregieren und die FDP wurde eigentlich gar nicht gebraucht. Also so wie heute auch? Das wäre jetzt böse.

Dabei hielten die Parteien Stimmenanteile, die heute ganz unwirklich erscheinen. Die CDU zum Beispiel kam damals auf 51,3 Prozent, die SPD immerhin, die Frankfurt jahrzehntelang regiert hatte, noch auf 39,9 Prozent. Nur zum Vergleich: Heute vertritt die CDU gerade noch 24,1 Prozent der Wählerinnen und Wähler, die SPD 23,8 Prozent.

Der Wind der Veränderung, von dem drinnen im Rathaus noch nichts zu spüren war, wehte aber draußen schon ganz kräftig durch die Stadt. Da gab es eine breite Bewegung, die für bessere Umweltbedingungen und gegen große Verkehrsprojekte kämpfte, wie etwa die geplante Startbahn 18 West des Frankfurter Flughafens.

Die Flughafen AG lässt schon mal den Wald einzäunen, den sie bald für die Piste fällen will und im Februar 1981 beginnt draußen im Flörsheimer Forst der sogenannte „Zaunkrieg“. Startbahngegner reißen die Zäune um, die FAG lässt sie wieder aufbauen. Die Bürgerinitiativen werden von einer neuen Partei unterstützt, die sich gerade ein paar Monate vorher gegründet hat: die Grünen. Vor der Kommunalwahl am 22. März 1981 werben die in Frankfurt mit unglaublichen Forderungen: Stilllegung aller Atomkraftwerke, Zurückdrängung des Autoverkehrs in der Stadt, Vorrang für Radfahrer und Fußgänger, kein Verkauf mehr von städtischen Grundstücken an private Investoren. Kopfschütteln und Spott bei CDU und der Mehrheit der SPD im Römer: So weit kommt’s noch!

Doch dann der Wahlabend. Sensationelle Zahlen dringen von außen ins Frankfurter Rathaus: 25,2 Prozent für die Grünen in Mörfelden-Walldorf, 15,2 Prozent in Kelsterbach, 12,6 Prozent in Groß-Gerau. Und im Römer? Als die Stimmen ausgezählt sind, steht fest: Die neue Partei erreicht in Frankfurt 6,4 Prozent der Stimmen. CDU und SPD sind im Römer nicht mehr allein. Der außerparlamentarische Protest ist im Parlament angekommen.

Das ist insbesondere für die CDU schwer erträglich. Als sich am 22. April das neue Stadtparlament konstituiert und sechs Stadtverordnete der Grünen mit weißen Laborkitteln und einem Mund-Nasen-Schutz (!) als Zeichen für die bedrohte Umwelt in den Plenarsaal einziehen, drehen einige CDU-Stadtverordnete durch. „So ein Pack!“, rufen sie oder auch: „Hier müssen wir jetzt öfters entlausen!“

So war das also vor mehr als vier Jahrzehnten im Römer. Es können jetzt alle entscheiden, ob das früher besser war.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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