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Wildnis wirkt in Frankfurt

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Von: Thomas Stillbauer

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Indra Starke-Ottich, Georg Zizka und ihr am Freitag veröffentlichtes Buch im Biegwald.
Indra Starke-Ottich, Georg Zizka und ihr am Freitag veröffentlichtes Buch im Biegwald. © Michael Schick

Ein neues Buch darüber, was die Frankfurter Stadtnatur alles kann, und ein Ausflug in einen ganz alten Urwald.

Soll es in Frankfurt Wildnis geben? „Ja“, sagen Indra Starke-Ottich und Georg Zizka und locken am verregneten Freitagvormittag zum Ausflug. Im Gepäck haben sie ihr druckfrisches Buch „Wildnis in Frankfurt“. Los geht der wilde Abenteuerspaziergang.

Schauplatz ist keines der bekannten städtischen Wildnisgebiete, Bonameser Nordpark oder Monte Scherbelino. Diesmal sind wir im Biegwald im Westen der Stadt unterwegs. „Alte Wildnis, die erhalten blieb“, sagt Zizka, Uni-Professor und Senckenberg-Forscher, „mit Urwaldrelikten.“ Dazu zählt etwa der Heldbock, jener Käfer, der gerade berühmt ist, weil er auch im Fechenheimer Wald lebt, wo er den Autobahnbau stören könnte.

Im Biegwald nennt Zizka ihn eine Indikatorart, deren Anwesenheit auf etwas hinweist. Die „spektakulären Fraßspuren“ des Käfers, „daumendick, wie er sich durchs Holz frisst“ (Zizka), zeigen, dass dies ein naturnaher Standort ist – und stets, dass die Eiche, an der er nagt, stirbt. Gesunde Bäume knabbert er nicht an.

Das heißt keineswegs, dass die Eiche jeden Moment umfällt. Der Prozess dauert Jahrzehnte, und eine Heldbocklarve reift drei bis fünf Jahre im Baum. So ein Heldbock ist schließlich ein ganz schön großer Kamerad – und vom Aussterben bedroht. Frankfurt sei der nördlichste Vorposten weit und breit, an dem der Heldbock vorkommt, sagt Indra Starke-Ottich, Biologin und Biotopforscherin. „Wir brauchen unbedingt neue Eichen“, sagt sie, „sonst ist irgendwann Ende.“ Die Baumart müsse stärker gefördert werden, auch weil von ihr so viele weitere Arten abhingen, von Moosen über Käfer bis zu den Fledermäusen.

Überhaupt müsse sich Stadtnatur freier entwickeln dürfen, wild, ungestört, wünschen sich die beiden Fachleute, und deswegen sind wir hier. Ihr Buch „Wildnis in Frankfurt“ wertet unter anderem aus, was sich in fünf Projektjahren „Städte wagen Wildnis“ von 2016 bis 2021 in Frankfurt getan hat – was es brachte, im Nordpark und am Monte Scherbelino die Natur mal machen zu lassen. So zählte die Biotopkartierung im Nordpark während der fünf Jahre insgesamt 813 Tier- und Pflanzenarten. „Eine beachtliche Zahl!“, heißt es im Buch, „insbesondere wenn man bedenkt, dass beispielsweise noch keinerlei Spinnen, Ameisen oder Bodentiere erfasst wurden und so gut wie keine Moose, Käfer, Schnecken oder Nachtfalter.“ Es gebe kein zweites Frankfurter Areal dieser Größe, über das die Forschung so viel wisse. Das heißt: Wildnis wirkt.

Das Buch

Indra Starke-Ottich, Georg Zizka: Wildnis in Frankfurt. Senckenberg-Buch. 296 Seiten, 285 Abbildungen, 22,90 Euro.

Zurück in den schönen, uralten Biegwald. Herbstlaub rieselt auf die Köpfe der kleinen Expedition. Dort stehen noch alte Ulmen, die den Niedergang dieser Baumart überlebt haben – dank jährlicher Impfung. „Geboosterte Bäume“, sinniert einer. In Ruhe lassen hilft der Natur oft, aber mancher Eingriff ebenso. Ohne den Menschen und seine Streuobstwiese gäbe es hier nie im Leben so viele Steinkäuze – noch so eine Frankfurter Verantwortungsart, und wie gern haben wir diese kleinen Eulen bei uns. Wenn man sie mal zu Gesicht kriegt.

Wildnis auch im Kleinsten zulassen, auf Baumscheiben, Wiesen, appelliert Starke-Ottich: „Der einzelne Löwenzahn in der Fuge ist ein Wildniselement.“ Gehwegränder böten viele Kilometer Potenzial. Bewusstsein schaffen, Flächen nachhaltig nutzen, darum geht es dem Team.

Im Wald wäre es gut, einige der vielen Spazierwege zu schließen, um der Natur mehr ungestörte Fläche zu geben, betont Zizka. Sonst müssten zu viele alte Bäume gefällt werden, der Verkehrssicherungspflicht geschuldet. „Aber das Beispiel Nordpark zeigt auch: Man braucht nicht immer Verbotsschilder“, sagt Starke-Ottich. Dort feierten abends Jugendliche, und zehn Meter entfernt gehe der Biber seiner Arbeit nach. Im Fechenheimer Mainbogen soll sich, sobald die Pioniere der Wildnisarten da sind, der Mensch aber eine Weile zurückziehen – „unsere Empfehlung“.

Wenn Mensch und Bagger die Manege verlassen haben, beginnt für die Wildnis die Vorstellung.

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