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Pegida in Frankfurt.

2016 in Frankfurt

So wird 2016

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Der Streit um die Galopprennbahn eskaliert, und Pegida entdeckt Neu-Sachsenhausen. Der FR-Ausblick auf das Jahr 2016.

Das bringt das Jahr 2016:

JANUAR
Beim Walken im Stadtwald erscheint Heidi Mund unweit des Monsterspechts die Heilige Mutter Gottes. „Gehe hin und baue meinem Volk eine Burg, in der sie sicher sind vor ihrer Feinde Grimm. Denn wahrlich, ich sage dir: Die Zahl ihrer Feinde ist Legion. Du aber bist berufen!“ „Warum ich?“, will Mund noch fragen, doch da ist die Jungfrau Maria klickeradoms auch schon wieder perdu.

FEBRUAR
Bereits seit Wochen hat sich Carl-Philipp Graf zu Solms-Wildenfels auf dem Galopprennbahngelände angekettet, um dessen Umwidmung in ein sogenanntes DFB-Leistungszentrum zu verhindern. Doch die Lage ist nicht rosig: Immer deutlicher zeigt sich, dass den Frankfurtern der edle Pferdesport von Herzen egal ist. Bei einem nächtlichen Geheimtreffen kann Mund den Grafen davon überzeugen, seine finanziellen Mittel und ihr spirituelles Charisma zusammenzutun, um eine Bewegung aus der Taufe zu heben, die sowohl das Abendland als auch das Rennpferd retten wird. Erst will sich die Gruppierung „Die Pferderasten“ nennen. Aufgrund der Intervention des bereits nach wenigen Tagen konsultierend hinzugezogenen PR-Profis Jürgen Aha entscheidet man sich doch lieber für „Equus Dei“.

MÄRZ
„Equus Dei“ schlägt ein wie eine Bombe. Immer mehr Frankfurter strömen zu dem Galopprennbahngelände, auf dem mittlerweile eine Volksküche und mehrere provisorische Zeltunterkünfte aufgebaut sind. Auch von außerhalb, vor allem aus dem Osten Deutschlands, treibt es viele Getriebene zum neuen Hotspot der Bewegung. In Dresden sinkt die Zahl der demonstrierenden Wutbürger, aber in Frankfurt kommen zur „Equus-Dei-Opening-Party“ eine Million Besucher. Für die musikalische Unterhaltung sorgen die Böhsen Onkelz. Anschließend gibt’s Pferderennen. Etliche der Gäste bleiben dauerhaft in Frankfurt. Graf Solms bekommt langsam Angst vor der eigenen Courage, aber Heidi Mund ist sicher: „Wir schaffen das!“

APRIL
Der soziale Friede in Frankfurt gerät in Gefahr. Rund um die Galopprennbahn häufen sich die Beschwerden der Anwohner. Die neuen Nachbarn, sagen viele, seien laut. Zudem ziehe die neue Klientel viele Bierhändler in die Gegend, die ihren Stoff sogar in der Nähe von Grundschulen verkauften. Vor allem unbegleitete, blonde Frauen sähen sich sexuellen Anzüglichkeiten ausgesetzt und würden ungeniert als „Schnuggi“, „Mei Guhdsde“ oder „Mädl“ angeredet. Die Tierrechtsorganisation Peta kritisiert, dass die Rennpferde nicht artgerecht gehalten würden und die Volksküche keine veganen Alternativen im Angebot führe. Es kommt zu ersten Gegendemonstrationen, die Dank massiver Polizeikessel aber weitgehend folgenlos bleibt.

MAI
Die Lage eskaliert. Nach dem letzten Spiel der Saison, das den ohnehin bereits feststehenden Abstieg der Eintracht nur noch einmal untermauert, stimmen die Bewohner der Galopprennbahn (von den Einheimischen mittlerweile „Galops“ genannt), Schmähgesänge an: „Wir sind Dynamo und wir steh’n hier / Wir sind aus Dresden und wer seid ihr? / Unser Zeichen ist ein stolzes D / Wir sind Dynamo, die SGD.“ Die Frankfurter Ultras antworten mit Steinen und Bengalos, sind aber hoffnungslos in der Unterzahl und beklagen weit mehr Verprügelte als die Gegenseite. Eintracht-Präsident Peter Fischer klagt auf einer Pressekonferenz, er fühle sich mittlerweile „fremd in der eigenen Stadt“.

JUNI
Graf Solms zieht sich entsetzt aus dem Equus-Dei-Vorstand zurück, flieht bei Nacht von der Rennbahn und beantragt politisches Asyl im Römer. Mund, klagt der Graf, habe dort ein klerikalfaschistisches Operettenterrorregime errichtet. „Das hat nichts mehr mit Pferdesport zu tun.“ Der Graf gründet seine eigene Bewegung, die er „Wettchance 3000“ nennt, der aber kein nennenswerter Erfolg beschieden ist. Heidi Mund sieht im Schisma auch eine Chance. Es kommt auf ihre Anregung hin zu ersten Vertreibungen von Atheisten, Immigranten und Muslimen. In die nun freistehenden Häuser rund um die Rennbahn ziehen meist mehrköpfige, fast immer sächsische Familien ein. Der Mietpreisspiegel dort sinkt empfindlich. In der autochthonen Bevölkerung gärt es.

JULI
Es kommt zum Eklat. Bei einer Lesung auf der Rennbahn nennt der Schriftsteller Akif Pirinçci Frankfurt eine „verfickte Pipischeißkakastadt“, die von „linksgrünen Schwuchteln und Mannweibern“ regiert werde. Bürgermeister Olaf Cunitz hat jetzt endgültig genug: „Wer Frankfurt nicht liebt, muss Frankfurt verlassen“, sagt der Bündnisgrüne in einer vielbeachteten Rede in Johnny Klinkes Tigerpalast, und „dahin verschwinden, wo der Pfeffer wächst – oder von mir aus nach Offenbach!“ Der unbedachte Satz hat Folgen: Offenbach schließt die Stadtgrenze nach Frankfurt und stellt den S-Bahnverkehr ein.

AUGUST
Oberbürgermeister Peter Feldmann mahnt zur Gelassenheit. Frankfurt sei schon immer eine weltoffene, liberale Stadt gewesen, die durch Handel und Toleranz groß geworden sei. Feldmann erinnert daran, dass viele der Zugereisten anders als von den Altfrankfurtern empfunden gar keine Tagediebe, sondern gut ausgebildete Kosmonauten, Facharbeiter für Schreibtechnik oder Abrafaxe seien. Die Tatsache, dass keiner dieser Berufe in Frankfurt gebraucht würde, dürfe nicht von der Verpflichtung zur Menschlichkeit ablenken. Feldmann kündigt ein städtisches Programm an, mit dem langzeitarbeitslose Schallplattenunterhalter aus dem Osten zu gefragten Szene-DJs ausgebildet werden sollen. Voraussetzung: Hochdeutsch lernen!

SEPTEMBER
Niederrad, das sich jetzt „Neu-Sachsenhausen“ nennt, sich für unabhängig erklärt hat und zur Wahrung seiner Stadtgrenzen mit dem Bau einer Mauer beginnt, wird zunehmend zur No-Go-Area für die Alt-Frankfurter. In den Ebbelweikneipen wird nur noch Radeberger serviert. Die Leipziger Lerche verdrängt das Bethmännchen aus den Bäckereien. Viele der Neubürger schicken ihre Kinder zur „Jugendweihe“ statt zum Wäldchestag. Immer mehr Neo-Frankfurter laufen in Altenburger Bauerntracht herum und werfen scheele Blicke auf alle, die es wagen, Bernemer Halblang zu tragen. Auf den Gassen patrouilliert eine selbsternannte „Volkspolizei“. Fünfmal am Tag lässt Heidi Mund mit läutenden Kirchglocken die Gläubigen zur Messe rufen. Der benachbarte Flughafen beschwert sich beim Regierungspräsidium über die „unerträgliche Bimmelei“.

OKTOBER
Das alte, weitgehend westlich orientierte Frankfurt will die Abspaltung Niederrads nicht hinnehmen. Oberbürgermeister Peter Feldmann versetzt die Stadtpolizei in höchste Alarmbereitschaft und weist die Mainova an, die Stromversorgung nach Niederrad einzustellen. Groß ist der Schrecken, als sich herausstellt, dass Mund schon vor Wochen einen Geheimvertrag mit Wladimir Putin geschlossen hat und den Stadtteil von Gazprom mit Energie versorgen lässt. Alle Zeichen deuten auf einen bewaffneten Konflikt.

NOVEMBER
Da geschieht ein Wunder. Beim Surfen im Weltnetz entdeckt Mund bei Wikipedia, dass es sich bei ihrer Erscheinung gar nicht um die Jungfrau Maria, sondern vielmehr um die heilige Franziska Xaviera Cabrini, die Schutzpatronin der Auswanderer, gehandelt hat. Mund geht in sich und erlebt ihr ganz persönliches Damaskus-Erlebnis. Es sei alles ein Irrtum erklärt Mund ihren anfangs verwirrten Anhängern in einer flammenden Rede. Fremd sei der Fremde nur in der Fremde, sagt Mund, aber wenn in Frankfurt keine Gastfreiheit mehr herrsche, „dann ist das nicht meine Stadt“. Munds rhetorisches Ausnahmetalent reißt die meisten ihrer Anhänger mit. Nur einige wenige um den zutiefst enttäuschten Equus-Dei-Schriftwart Wolfgang Hübner ziehen sich als Renegaten in den Stadtwald zurück, wo sie aber schon nach wenigen Tagen von einer wilden Keilerhorde vertrieben werden, die die zunehmende Humanisierung des Waldes kritisiert.

DEZEMBER
Die im Bau befindliche Mauer wird eingerissen, die „Volkspolizei“ aufgelöst, Niederrad kehrt in den Schoß Frankfurts zurück, darf sich aber weiter „Neu-Sachsenhausen“ nennen. Zum großen Versöhnungsfest kommen alle. Oberbürgermeister Peter Feldmann tanzt mit Heidi Mund den Eröffnungs-Hava-Nagila. Auch die echten Flüchtlinge, die man bei der ganzen Aufregung auf dem Neckermann-Gelände vergessen hatte, kommen vorbei und bringen Datteln und Brot mit. Auf der Musikbühne battlen sich in eitel Freundschaft Xavier Naidoo und der Offenbacher Rapper Haftbefehl. Auch Graf Solms schaut vorbei, und beim Besäufnis mit Interims-DFB-Präsident Lothar Matthäus beschließen beide, dass das Gelände künftig als Cabrini-Arena Austragungsort für Polo-Spiele werden soll – ein Kompromiss, mit dem beide Seiten leben können. Sogar die Volksküche kocht jetzt vegane Alternativen, auf Wunsch auch gerne halal oder koscher. Selbst die Sachsen sind glücklich, als Feldmann feierlich verspricht, dass in sämtlichen Frankfurter Kindertagesstätten Nutella durch Nudossi ersetzt wird. Der Löwe wohnt dem Lamm bei, und alle feiern gemeinsam Weihnachten, Opferfest, Chanukka und fröhliche Urständ.

DIE WEITEREN AUSSICHTEN
Alle sind glücklich und zufrieden und endlich angekommen. Wirklich alle? Nein. Einem verbitterten, abgehetzten Wolfgang Hübner erscheint auf seiner verzweifelten Flucht vor den Keilern eine weiße Hirschkuh mit Kreuz am Geweih, die ihm eine Furt durch den Fluss weist. „Wolfgang“, spricht die Hirschkuh, „gehe hin und…“

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Vielleicht nächstes Jahr.

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