+
Der Wahl-Frankfurter Ludwig Harald Schütz hatte viele Talente und war ein inter-national anerkannter Sprachexperte. Nach seinem Tod erschienen auch im Ausland Nachrufe .

Vergessenes Genie

Der Herr der Sprachen

  • schließen

Er konnte 312 Sprachen, seine Bibliothek umfasste 15.000 Bände, er war weltberühmt: Ludwig Harald Schütz (1873-1941). Heute kennt ihn kaum noch jemand. Seine Nichte Gretelotte Schütz erinnert sich.

Er konnte 312 Sprachen, seine Bibliothek umfasste 15.000 Bände, er war weltberühmt: Ludwig Harald Schütz (1873-1941). Heute kennt ihn kaum noch jemand. Seine Nichte Gretelotte Schütz erinnert sich.

Am 29. Oktober 2011 ist Gretelotte Schütz 103 Jahre alt geworden. Ihren Lebensabend verbringt sie im Evangelischen Altenzentrum in Westerstede bei Oldenburg. Noch immer schreibt sie auf ihrer antiken Schreibmaschine Briefe. Ihre Augen und Ohren sind nicht mehr die besten; dafür funktionieren Verstand und Gedächtnis noch sehr gut. Mehr als ein Jahrhundert voller Erinnerungen. Und viele davon an ihren Onkel – Ludwig Harald Schütz.

Wer das war, weiß heute kaum einer mehr. Er hat nicht einmal einen Eintrag in Wikipedia. Doch zu Lebzeiten, vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war der Frankfurter weltberühmt: Am Ende seines Lebens beherrschte er 312 Sprachen. Gretelotte Schütz erinnert sich noch gut an ihren Onkel. „Er war verliebt in die Sprachen“, sagt sie. Zwölf Jahre lang hat sie seinen Haushalt geführt. Doch schon als sie ein Kind war, hat er bei ihr Eindruck hinterlassen.

„Den haben wir geliebt“, sagt die gebürtige Bremerin. „Als ich noch ganz klein war, fuhr ich nach Frankfurt und besuchte die Großeltern. Der Onkel Ludwig machte Spaß mit uns – das war herrlich. Er spielte beim Essen mit Messer und Gabel, ließ sie sich streiten, oder er drehte seinen Rock um …“

Geboren wurde Karl Ludwig Harald Schütz 1873 in Traunstein in Oberbayern, 1878 zog die Familie nach Frankfurt. Der Vater lehrte Mathematik und Physik am Gymnasium, die Mutter hatte bis zur Heirat Musik gelehrt. Wie schon Vater und Großvater studierte auch Ludwig Mathematik, dazu auch Physik, Chemie, Mineralogie und Philosophie. Schon während des Studiums interessierte er sich für Fremdsprachen, lernte mit seinem Bruder Isländisch, die Sprache seiner Großmutter, und übertrug das mittelalterliche Gedicht „Eisenhammer“ aus dem Lateinischen in deutsche Hexameter. Seinen Doktortitel machte er in Philosophie über die Lehre von den Leidenschaften bei Hobbes und Descartes.

Schütz wurde Lehrer, unterrichtete in Oldenburg und Hagen. Er muss leidenschaftlich bei der Sache gewesen sein, schließlich wohl zu leidenschaftlich, denn er überarbeitete sich, erkrankte und musste im Jahr 1909 seinen Beruf aufgeben. Schütz kehrte nach Frankfurt zurück und widmete sich ganz seiner Liebe zum Wort. Fremdsprachen lernte er autodidaktisch mit Hilfe von Büchern und eines Phonographen, mit dem er Äußerungen seiner Gäste aus aller Welt aufzeichnete. Schütz hielt im Frankfurter Rundfunk Vorträge über Sprache, Kultur und Literatur fremder Völker. Rundfunksprecher bekamen von ihm Unterricht in der Aussprache fremder Namen. Er schrieb Bücher über die Hauptsprachen seiner Zeit, die deutschen Kolonialsprachen und die Entstehung der Sprachen. Zudem übersetzte er Konfuzius, japanische Gedichte sowie Geschichten und Schwänke aus dem Orient. Im Jahr 1911 begründete er den Frankfurter Verein für orientalische Sprachen mit.

Sein unermüdliches Interesse machte sich mehrfach bezahlt

Daneben war Schütz auch selbst literarisch produktiv – und das, wie er selbst schreibt, schon von klein auf. In den Jahren 1915 und 1917 erschienen zwei Bände seiner „Frankfurter Märchen“. „Er konnte Märchen schreiben“, sagt seine Nichte. „Er hat reizende Märchen geschrieben.“ Jede Erzählung schildert zu Beginn eine Frankfurter Sehenswürdigkeit und verbindet diese mit einer Märchenhandlung. Daneben verfasste Schütz auch Lustspiele, die im engeren Freundeskreis aufgeführt wurden. 1914 und 1933 erschienen Gedichtbände. Im letzteren, „Triolette“, schreibt Schütz über seine Leidenschaft: „Drum hab’ die Sprachen ich mir auserkoren, / Aus ihrer Sprache spricht der Menschen Seele. / Mit Liebe ich dies Studium mir erwähle, / Mit jeder Sprache bin ich neugeboren.“

Das unermüdliche Interesse machte sich mehrfach bezahlt: Im ersten Weltkrieg (und auch im zweiten) arbeitete er bei der Postüberwachung fremdsprachlicher Briefe, außerdem gab er Verwundeten im Lazarett Russischunterricht. Dann wurde er selbst Kanonier in Nordfrankreich. Als seine Einheit eingesetzt werden sollte, berief ihn sein Hauptmann nach Damaskus ab, wo er an der Artillerieschule als Dolmetscher arbeitete. „Den haben sie gerade noch rechtzeitig geholt“, sagt Gretelotte Schütz. „Von seiner Einheit ist nicht viel übrig geblieben.“ Das letzte Kriegsjahr hat Ludwig Harald Schütz friedlich im türkischen Hauptquartier in Konstantinopel verbracht. Untätig war er dort nicht: „Er hat einen Artikel in einem wunderschönen Türkisch geschrieben“, sagt die Nichte. „Er konnte seine Sprachen wirklich.“ 1917 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel: „Wie schreibt man türkisch?“

Schütz lebte in der Elsheimer Straße 4. Seine kleine Pension reichte gerade einmal für die Miete. Die Wohnung musste groß genug sein, um seine umfangreiche Bibliothek zu fassen. Als es nach dem ersten Weltkrieg finanziell eng wurde, musste er zwei Zimmer untervermieten. Geheiratet hat Schütz nie. „Er war mit einer Cousine verlobt“, sagt Gretelotte. „Doch ihr Vater hat die Verlobung wegen der Verwandtschaft gelöst.“

Als Gretelotte Schütz von 1929 bis 1932 Mathematik in Frankfurt studierte, konnte ihr der Onkel bei den schwierigsten Aufgaben helfen. Im Gegenzug kümmerte sich Gretelotte Schütz in seinen letzten zwölf Jahren um den Haushalt ihres Onkels. „Er war ein netter Hausherr, er ließ mich machen“, sagt sie.

Währenddessen zog Schütz Bilanz. Im Jahr 1935 legte er ein Buch mit dem Titel „Meine Sprachen“ an, in dem er auf jeder Seite eine der Sprachen dokumentierte, die er kannte – samt Schriftproben, Grammatikübersicht und Literaturangaben. Nur sechs Wochen soll er für das Buch gebraucht haben. In alphabetischer Reihenfolge sind auf 288 Seiten Sprachen und Dialekte von A wie Altägyptisch bis Z wie „Zigeunerisch“ aufgeführt. Manche Sprachen sind in nur wenigen Sätzen abgehandelt, manche Seiten haben nur eine Überschrift, sind sonst leer geblieben. Bei manchen schreibt Schütz: „Lese, schreibe und spreche es.“ Bei anderen heißt es auch: „Oft darin unterrichtet.“ Auf den hinteren Seiten macht Schütz einige Notizen zu den „Sprachanfängen der Kinder“, zur Flieger- und Automobilistensprache, sowie zu Gesten bei Italienern und Indianern. Die Seiten zu den Sprachen von Blinden und Taubstummen sind leer geblieben, ebenso wie zu den „Wiederholungen menschlicher Worte und Sätze durch Vögel“ und „Garner’s Affensprache“. Auch der Statistik räumt er ein wenig Platz ein: „Es giebt 2796 lebende Sprachen“, schreibt er. Am Ende seines Lebens kannte er immerhin ein gutes Zehntel davon. Heute sind weit mehr als 6000 Sprachen bekannt.

Schütz war zu einem anerkannten Experten geworden; sein Ruhm ging um die Welt. Internationale Reporter berichteten über ihn, es kamen Briefe mit Anfragen aus verschiedenen Ländern. Die Post kannte ihn schon und stellte sogar Briefe zu, die unvollständig adressiert waren. Einem japanischen Professor gab er Auskunft über eine Eskimosprache, mit einem südamerikanischen Missionar fachsimpelte er über Indianersprachen. Letztere beherrschte er so gut, dass er Indianer, die im Zoologischen Garten als Sioux auftraten, anhand ihrer Rede als Pawnees erkannte. Schütz empfing Gäste aus der ganzen Welt. „Das war das Schöne: dass er jedem das gab, was er brauchte“, sagt die Nichte.

Schütz' Nachlass ging in den Besitz der Stadt über - derzeit wird er erschlossen

Ludwig Harald Schütz starb 1941. „Er hatte noch aus Konstantinopel eine Entzündung, die umschlagen und bösartig werden konnte“, sagt die Nichte. „Innerhalb von drei Tagen war er gestorben. Es war bestimmt besser für ihn.“ Nach seinem Tod erschienen selbst im Ausland Nachrufe. Schütz’ Nachlass ging in den Besitz der Stadt über. Etwa 15000 Bände umfasste seine Bibliothek zum Schluss. Der Nachlass liegt heute in der Universitätsbibliothek und wird derzeit noch erschlossen, was bei dem Umfang von zwei bis drei Regalmetern noch einige Jahre dauern kann. Zum 100. Geburtstag und 50. Todestag wurden zwei Ausstellungen veranstaltet. Bei letzterer half Gretelotte Schütz mit. „Die Ausstellung ist immer wieder verlängert worden“, sagt Schütz. „Leider hat es keinen Katalog gegeben, es gab dafür kein Geld.“

Gretelotte Schütz hat mehr als vier Jahrzehnte lang Nachhilfeunterricht gegeben, darunter auch in Mathematik, Französisch und Latein. Unzählige Schüler hat sie durchs Abitur gebracht. Es scheint, als hätte sie einen Rat befolgt, den ihr Onkel einmal in einem Gedicht niederschrieben hat: „Als bestes Mittel, frisch und jung zu bleiben, / Such’ Deinen Geist zu bilden und zu stählen.“ Doch wenn sie an ihren Onkel zurückdenkt, ist auch ein wenig Reue dabei: „Ich könnte mich ohrfeigen, ich hätte so viel bei ihm lernen können.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare