Die Wiesbadner Comedienne Negah Amiri.
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Die Wiesbadner Comedienne Negah Amiri.

Porträt

Wiesbaden: Eine Comedienne namens Negah

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Die Wiesbadnerin Negah Amiri ist als Kind aus dem Iran geflüchtet, muss sich in Deutschland rassistische Witze über ihren Namen anhören - und beschließt, sich mit Comedy zu wehren.

Als kleines Mädchen glaubt Negah Amiri, Deutschland sei so bunt und so lustig wie die Kinderserien auf Super RTL. Den TV-Sender schaut die gebürtige Iranerin – ohne ein Wort Deutsch zu verstehen – über die Satellitenschüssel. „Und ich träumte davon, eine dieser frisierbaren Puppen zu haben, die ich in der deutschen Werbung sah. Ich sagte immer zu meiner Mama: ‚Können wir da nicht hin?‘“, erzählt die heute 26-jährige Comedienne und lacht. Doch als die Wiesbadenerin im Jahr 2005 mit elf Jahren tatsächlich aus dem Iran flüchtet, ist die Ankunft in Deutschland mehr als ernüchternd. Denn sie landet mit ihrer Mutter und dem vier Jahre älteren Bruder erst in Düsseldorf, dann in Gießen und am Ende für vier Monate in Wiesbaden in einer Flüchtlingsunterkunft.

„Ich war schockiert. Ich hatte immer noch das Deutschland aus dem Fernsehen im Kopf.“ Sie sei zudem im Iran in recht wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen. „Und dann lebten wir plötzlich mit den verschiedensten Nationen auf engstem Raum. Es war Winter. Unsere komplette Identität war von heute auf morgen weg. Ich sagte: ‚Mama, ich will zurück.‘ Meine Mutter sagte: ‚Es gibt kein Zurück mehr.‘“ Der Vater war zwei Jahre zuvor aus politischen Motiven geflohen. „Meine Mutter konnte es vor allem nicht ertragen, dass ich immer mit Kopftuch zur Schule gehen musste. Wir waren sehr westlich orientiert.“

Beim Interview in einem Café am Frankfurter Mainufer trägt Negah Amiri knallroten Lippenstift zur schwarzen Jeans. Sie ist auch fern der Bühne lustig, lacht viel. Mit ihren langen, dunklen Haaren und blauen Augen könnte sie in einer Disney-Verfilmung die Prinzessin spielen. An dem Tag hat sie gerade ihre Einbürgerungsurkunde in Wiesbaden abgeholt. „Ein toller Tag. Ich bin so dankbar. In meinem Heimatland wäre mein Leben ganz anders abgelaufen. Ich hätte niemals Comedienne werden können.“ Eben sei sie von den Beamten zu ihrem Erstaunen erkannt worden. Aber nicht nur Beamte kennen sie.

Auf Instagram hat die Newcomer-Comedienne bereits mehr als 30 000 Abonnenten, war kürzlich für ein paar Folgen ein Teil der Sat.1-Comedysendung „Die Faisal Kawusi Show“. Nun ist sie zudem eine der Protagonistinnen, die bei der neuen Prosieben/Sat.1-Comedy-App „Smyle“ zu sehen sind. Ab diesem Mittwoch startet sie ihren eigenen Youtube-Kanal. Für 2021 plant sie ihr erstes Bühnen-Soloprogramm.

In ihrem Programm erzählt sie auch von ihrer ersten Zeit in Deutschland und den ständigen Witzen, die sie sich über ihren Namen Negah anhören muss. „Mein erster Schultag war wirklich so, wie ich es auf der Bühne erzähle. Damals war gerade das Lied von Rapper B-Tight ‚Neger, bums mich‘ total angesagt. Immer wenn meine Schulkameraden mich sahen, haben sie im Kreis gestanden, geklatscht und das Lied gesungen. Anfangs habe ich mitgetanzt. Ich sprach ja kein Wort Deutsch. Ich dachte wirklich, sie mögen mich. Ich wusste nicht, dass Neger ein rassistischer Begriff ist.“

Im Persischen werde der Name anders ausgesprochen, aber in Deutschland eben nicht. Irgendwann habe sie verstanden, was die Schulkameraden da sangen und war schockiert. „Und dann musste ich mich entscheiden: ‚Lass ich mich unterkriegen und fühle mich gemobbt oder entgegne ich mit Humor.“

In ihrem Gag drückt sie es so aus: „Für mich war das deutsche Effizienz. Ihr Deutschen habt es geschafft, mich mit nur drei Worten beim Namen zu nennen, mich zu besingen, sexuell zu belästigen und rassistisch zu beleidigen.“ Ohne diese Erfahrung wäre sie wohl nie in der Comedy-Welt gelandet, betont sie. Ihr Deutsch ist akzentfrei.

Ihre ersten Schuljahre in Deutschland verbringt sie in Wiesbaden zunächst in der Hauptschule der Heinrich-von-Kleist-Schule. „Dort habe ich sehr schnell angefangen zu rauchen, meine neue Freiheit auszuleben. Hier war alles komplett anders als im Iran, wo alles sehr streng war. Alles, was ich dort nicht durfte, tat ich hier. Meine Eltern waren damals mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Mein Vater wurde in Deutschland schnell krank und Frührentner.“ Als sie der iranische Opa zwei Jahre später in Deutschland besucht, greift er ein. „Er wollte nicht, dass ich total aus der Spur komme.“ Also bezahlte er die Gebühren für eine Privatschule, sie besuchte dann die Europaschule Dr. Obermayr. „Dort habe ich mich gefangen.“

Nach dem Abitur will sie zunächst TV-Moderatorin werden. „Mein Vorbild war Gülcan bei Viva. Ich fand sie so cool, sympathisch und lustig. Ich konnte mich auch mit ihr identifizieren.“ Amiri studiert Angewandte Medien und Media Acting auf dem Europacampus in Niederrad.

Danach beginnt sie ein Volontariat bei Antenne Frankfurt, moderiert beim Partnersender als Co-Moderatorin unter anderem die Morningshow in Bad Kreuznach. „Ich habe aber schnell gemerkt: Radio ist nicht meins.“ Sie beendet ihre Radiokarriere und bewirbt sich im Jahr 2017 beim TV-Musiksender Viva. Sie wird nicht genommen. „Aber als ich das Bewerber-Video veröffentlichte, wurde das sehr viel kommentiert. Viele schrieben: ‚Ändere erst mal deinen Namen und lass deine Nase machen.‘“

Beides tat sie nicht. „Ich habe dann ein Video-Statement zu den Kommentaren abgegeben. Es kam gut an und bekam in drei Nächten 1,6 Millionen Klicks.“ Plötzlich schrieben die Leute: „Bitte geh nicht zu Viva, sondern mach’ Comedy, das hast du sehr lustig kommentiert.“ Damals sei das noch unbewusste Comedy gewesen.

Erst habe sie gedacht: „Leute bewusst zum Lachen bringen, das schaffe ich nicht. Und dann habe ich es doch mit Videos versucht. Ich hatte schnell 3000 bis 4000 Fans auf Facebook. Da dachte ich: ‚Na gut, dann mache ich online weiter.‘“ Aber gerade zu Anfang ihrer Karriere schrieben ihr Leute, sie versuche ihre bekannte Comedienne-Kollegin Enissa Amani, die auch aus dem Iran floh, nachzumachen. „Aber ich bin ich.“

Von der Onlinewelt kam sie zum Stand-up. „Ich habe gemerkt, dass es mich nicht vollkommen erfüllt, alleine vor der Kamera zu stehen. Ich brauche auch echte Menschen vor mir“, so Amiri. Sie habe die Bühne aber unterschätzt. „Ich dachte, weil meine Videos so viral gehen, mache ich die Bühne mit links. Dann merkte ich erst, wie hart es ist, Leute live zum Lachen zu bringen.“

Sie tritt zunächst bei Open-Mics-Wettbewerben auf. Und wieder entsteht die Diskussion um ihren Namen. Kollegen sagten: „Willst du wirklich mit Negah auftreten? Das ist kein guter Name.“ Dann habe sie kurzzeitig ihren eigenen Namen verleugnet, trat als Nelly auf. „Aber dann machte es irgendwann klick: Mit meinem Namen hat das mit der Comedy doch erst anfangen.“

Am 1. Juli startet Amiri ihren Youtube-Kanal. Am 18. Juli tritt sie bei „Lachen im Freien“ ab 18.30 Uhr in Mainz, Kurfürstliches Schloss, auf, Eintritt ist kostenlos.

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