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Nikolaus Münster, Leiter Presse- und Informationsamt Stadt Frankfurt am Main
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Nikolaus Münster, Leiter Presse- und Informationsamt Stadt Frankfurt am Main

Stadt Frankfurt

Wieder Zeit für Adorno

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Nikolaus Münster, Leiter des Frankfurter Presseamtes, geht nach 25 Jahren in den Ruhestand. Er musste in seiner Zeit mit vier Stadtoberhäuptern klarkommen.

Über die kleine Dachterrasse geht ein leichter Wind. Eiskaltes Mineralwasser ist das Getränk der Stunde. Während unten das Bahnhofsviertel in der Hitze des Nachmittages brütet, ist es hier oben gut auszuhalten. Hupen, dröhnende Musik, ein unbestimmtes Brausen vom Autoverkehr dringen aus den Straßenschluchten herauf. Wir sitzen im obersten Stockwerk eines alten Hotels. Der Blick geht auf die Skyline, von der Abendsonne langsam rostrot gefärbt glitzern die Hochhausfassaden. Nikolaus Münster kommt öfter hierher. Eine der kleinen Fluchten aus einem stressigen Alltag. Seit 1991, ein Vierteljahrhundert also, stand der gebürtige Frankfurter an der Spitze des Presse- und Informationsamtes der Stadt Frankfurt am Main. 26 Jahre, das ist in der kurzlebigen Kommunalpolitik eine Ewigkeit. Mit vier Stadtoberhäuptern musste der 64-Jährige klarkommen, am 30. September geht er in den Ruhestand. Und seit das feststeht, wirkt der schlanke, grauhaarige Mann, dem oft die Anspannung anzumerken war, wie ausgewechselt. Locker und aufgeräumt spricht er über sein Leben.

Dass Frankfurt die deutsche Stadt ist, die Spuren ihrer Geschichte am nachhaltigsten tilgt, hat der studierte Volkswirt am eigenen Leib erfahren. Wenn er heute durchs Westend geht, erkennt er nur wenig wieder. „Als Kinder waren die Trümmergrundstücke unsere Spielplätze, es gab noch viele Bombenschäden.“ Für den kleinen Nikolaus ein einziges Abenteuer, schlicht „großartig“. Dass Spekulanten später etliche der alten Villen durch Bürohäuser ersetzten, erlebte er mit.

In der eigenen Familie hinterließ das nationalsozialistische Terrorregime tiefe Spuren. Der Vater gehörte im Alter von 20 Jahren zum kommunistischen Widerstand in Westfalen, er wurde von der Gestapo verhaftet, saß acht Jahre im Zuchthaus, wurde dann in das berüchtigte Strafbataillon 999 gezwungen, das an den schlimmsten Frontabschnitten eingesetzt war.

Münster gehört zu den Söhnen, die mit ihren Vätern darum kämpften, etwas über das Dritte Reich zu erfahren – wie viele seiner Generation. „Mein Vater hat nie, nie über diese Zeit geredet – ich habe mich vergeblich daran abgearbeitet.“ Pause. Stille. Dann nur der Satz: „Es war fürchterlich.“ Sein Vater zählt in der theoretischen physikalischen Chemie zu den Spitzenwissenschaftlern weltweit. Der Sohn erlebt ihn als „streng und verschlossen.“

Nikolaus schließt sich schon im Gymnasium der Protestbewegung der späten 60er Jahre an, während des Studiums tritt er in den Kommunistischen Bund Westdeutschland ein. Der KBW ist die härteste und erfolgreichste der kommunistischen Splittergruppen dieser Zeit, unterwirft seine Mitglieder einem streng reglementierten Tagesablauf: Studium der Theorie, Flugblattdrucken, nächtliche Plakatklebeaktionen. Münster verharrt lange in dieser abgeschotteten Welt, „bis ich Ende 20 war“.

Aus dieser Zeit ist ihm eines geblieben: Die Liebe zu Karl Marx. „Ich lese ihn immer wieder, er ist einer der klügsten und differenziertesten Philosophen, die dieses Land hervorgebracht hat.“ Die Zeit im KBW war für ihn in jedem Fall „eine gute Denkschule“, er verschlingt auch die Bücher des marxistischen Philosophen Georg Lukács.

Aber es existiert noch ein Gegenpol im Leben Münsters: Sein Instrument, die Geige. Als Kind bekommt er drei Jahre intensiven Unterricht, „doch als die Pubertät begann, war ich weg davon.“ Erst sehr spät, mit Mitte 30, als er als Journalist in Paris lebt, greift er wieder zu seinem Instrument. Seither lässt ihn die Geige nicht mehr los, einmal die Woche nimmt er nach wie vor Unterricht.

Auf Umweg zum Journalismus

Münster zieht nicht der öffentliche Auftritt an – es ist der Prozess des Übens, die Auseinandersetzung mit dem Stück, die ihn interessiert. Er lacht. „Ich liebe es, wenn ich Fortschritte mache – meine Frau hasst es, wenn ich übe.“ Im kleinen Rahmen, etwa bei Familienfeiern, gibt er Konzerte, gemeinsam mit einem Cellisten und einem Pianisten hat er „alle Beethoven-Trios aufgeführt“. Er zehrt von prägenden Opernbesuchen, etwa 1986 in Paris, als er eine Aufführung von Alban Bergs „Lulu“ sah und hörte. „Es war mitreißend.“

Münster kam über manchen Umweg zum Journalismus, zum Umgang mit Sprache. Er arbeitete etwa beim Pharmariesen Merck im Rechnungswesen und langweilte sich tödlich. „Ich bin verkümmert, immer diese Gespräche über Hausbau und Kinder.“ Es war ein Journalist, der ihn auf die Idee brachte, sich als Journalist zu versuchen. Typisch für Münster ist, dass er die Sache gründlich angeht: Schickt Bewerbungen an etwa 100 Zeitungen.

Ausgerechnet bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat er Erfolg, der damalige Lokalchef Erich Helmensdorfer findet Gefallen an dem gar nicht mehr so jungen Mann. „Für so ein konservatives Blatt wollte ich eigentlich nicht schreiben.“ Und doch bleibt er fast zehn Jahre, schreibt über Stadtplanung und Architektur in Frankfurt und Region. Noch heute schwärmt er von einem Stipendium in Paris, das es ihm ermöglicht, mit anderen Journalisten „auf Recherchereise quer durch Europa“ zu gehen. „Affengeil“: Noch heute findet er kein anderes Wort.

Von da an steht sein Berufswunsch fest: Auslandskorrespondent, genauer: Kulturkorrespondent in Paris. Doch dazu kam es nicht. „Träume“, sagt Münster knapp, aber: „Gott sei Dank hat das Schicksal es anders gewollt.“

In Frankfurt beginnt Ende der 80er Jahre mit der ersten rot-grünen Stadtregierung eine Phase des politischen Aufbruchs. Der neue Magistrat um Oberbürgermeister Volker Hauff (SPD) ist ehrgeizig: Den Wohnungsbau ankurbeln, ein erstes Umweltdezernat gründen, ein Amt für multikulturelle Angelegenheiten. Hauff will, dass Münster sein Sprecher wird. Der berät sich mit einem „väterlichen Freund“, Hans-Wolfgang Pfeifer, dem langjährigen Vorsitzenden der FAZ-Geschäftsführung. Der rät ab: „Lassen Sie das!“ Zu große politische Nähe schade nur. Münster gehört nicht der SPD an, er ist bis heute nirgendwo Mitglied, weil er es mit seiner Arbeit für unvereinbar hält.

Hauff lässt nicht locker, unterbreitet ein neues Angebot: Leiter des Presse- und Informationsamtes. Münster willigt schließlich ein.

Auf der kleinen Terrasse geht das Mineralwasser zur Neige. Wir erinnern uns an die politische Aufbruchszeit Anfang der 90er Jahre in Frankfurt. Vieles scheint möglich. Die lange verschlossenen Mainufer werden für die Menschen geöffnet, neues Wohnen am Fluss wird geplant. Münster hofft, dabei zum Akteur zu werden: „Ich wollte Politik mitgestalten – doch ich wurde desillusioniert!“

Er nimmt an allen Sitzungen des engsten Führungskreises im Römer teil. „Es war unvorstellbar, wie das ablief – es wurde über nichts diskutiert.“ Münster stockt. Was soll er sagen? 1991 bricht die Aufbruchstimmung im Römer abrupt. OB Volker Hauff flieht Hals über Kopf aus der Stadt, entnervt und hintergangen von seiner Partei. Der letzte Auslöser: Die damalige SPD-Vorsitzende Anita Breithaupt hatte sich hinter dem Rücken des OB öffentlich zur neuen Sozialdezernentin ausgerufen. „Breithaupt hat ihm gezeigt, wer Chefin ist!“

Seitdem hält Nikolaus Münster sich konsequent aus der Politik heraus. Er entwickelt das Presse- und Informationsamt zu einem modernen Instrument, mit Videoredaktion, auf Twitter und Facebook. Er erfindet viele neue Werbeformate für die Stadt, die er liebt. Und sagt doch zugleich: „Ich trage etwas Wertkonservatives in mir.“

Er bedauert, dass „viele Verlage die technische und gesellschaftliche Entwicklung in ihrer Geschwindigkeit und Radikalität nicht gut erkannt haben.“ Doch das liegt jetzt hinter ihm. Für den Ruhestand hat er sich ganz bewusst nichts vorgenommen. Eines vielleicht: „Wieder Adorno und Horkheimer lesen.“

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