1. Startseite
  2. Frankfurt

Wie leben Azubis in und um Frankfurt herum?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: George Grodensky

Kommentare

Wir fragen nach bei angehenden Fitnesskaufleuten, Schülerinnen und Schülern der Wilhelm-Merton-Schule in Frankfurt-Bornheim.

Gustavo Torner.
Gustavo Torner, 25 Jahre © George Grodensky

Erwachsen werden: Wenig Geld, wenig Zeit

Ich lebe in Kelkheim, in einer eigenen Wohnung. Das ist nicht leicht zu finanzieren. Ich war unsicher, ob und was ich studieren sollte. Deswegen habe ich erst einmal eine Ausbildung begonnen. Bis dahin hatte ich mit Fitness gar nicht viel zu tun. Mit der Ausbildung habe ich auch privat mit Training angefangen.

Die Inflation tut weh, als Azubi habe ich nicht so viel Geld. Gerade wo der Main-Taunus-Kreis eh schon relativ teuer ist. Umso schlimmer finde ich, dass der Bund seine Entlastungszahlungen nach dem Gießkannenprinzip verteilt. Manche Haushalte brauchen eher Unterstützung als andere. Kelkheim ist eine schöne Stadt, der Kontrast zum Frankfurter Hauptbahnhof morgens um 6 Uhr ist schon enorm.

Mir tun die Obdachlosen und die Abhängigen leid, die da schlafen müssen. Den Unterschied zwischen armen und reichen Menschen sieht man in jeder Stadt, in Frankfurt fällt er besonders auf. Wenn man durch die Goethestraße läuft mit den Edelgeschäften und dann Richtung Hauptbahnhof, das ist ja fast ein Markenzeichen von Frankfurt geworden.

Was mir auffällt: Alkohol wird billiger in Krisenzeiten, alles andere teurer. Ich habe gar nicht mehr so viel Zeit, auszugehen. Zwei Tage muss ich in die Schule, dann bis Samstag arbeiten.

Julia Storch.
Julia Storch, 19 Jahre © George Grodensky

Mit dem Auto pendeln: Lieber früh aufstehn

Ich fahre mit dem Auto zur Schule. Mit den Öffentlichen würde das zu lange dauern. Ich wohne in Oberstedten, da fährt ein Bus nach Bad Homburg und einer nach Oberursel. Bis der aber am Bahnhof ist, das dauert. Einen Parkplatz finde ich immer. Zur Not an der Eissporthalle. Aber ich fahre auch früh genug los, alleine schon, weil man bei der A661 nie weiß, was passiert.

Frankfurt gefällt mir schon. Es gibt viel zu erleben im sportlichen oder kulturellen Bereich, ansonsten bin ich nicht so oft in der Stadt, eher zu Events. Wenn der Iron-Man-Wettkampf ist oder Frankfurt-Marathon, das ist schön, wenn die ganze Stadt zusammenkommt, wenn es lebendig wird. Auch die Feier mit den Fußballerinnen nach der EM war schön oder wie die Eintracht den Europapokal geholt hat.

Ich wohne noch bei meinen Eltern. Ich habe die Ausbildung ja mit 17 Jahren angefangen, die mache ich jetzt fertig. Wenn ich dann einen festen Job habe, ziehe ich aus. Wenn ich übernommen werde, dann in den Raum Oberursel, Bad Homburg. Wenn es eine Arbeitsstelle in Frankfurt wird, dann auch nach Frankfurt.

Manche Straßen sind schon sehr dreckig. Auch die Luft ist schlecht, aber das ist in jeder Großstadt so. Mir ist wichtig, dass ich alles gut mit dem Fahrrad erreichen kann. Da müsste Frankfurt mehr Fahrradwege haben. Schlimm ist, dass die Aggressionen bei den Menschen zunehmen. Erst Corona, jetzt schon wieder eine Krise. Alles wird teurer, man kann weniger unternehmen. Darunter leiden viele. Die Leute werden verrückt zu Hause. Das war auch für die Kinder nicht schön, dass sie sich nicht mit ihren Freunden treffen konnten. 

Juri Feller.
Juri Feller, 24 Jahre © George Grodensky

Abenteuer Schulweg: Die Radwege sind schlecht

Ich habe Glück gehabt, wohne in einer günstigen WG in der Nähe des Oeder Wegs. Eine schöne Ecke, aber auch eine teure. An die Wohnung bin ich über einen Freund gekommen. Trotzdem reicht mein Ausbildungsgehalt nicht zum Leben, auch mit Kindergeld nicht, meine Eltern müssen mich unterstützen. Bei den steigenden Preisen ist das Leben kein großer Spaß mehr, ich kann außerhalb des Berufs immer weniger unternehmen.

Wenigstens bleibt mir der Sport, bei meiner Arbeitgeberin kann ich kostenlos trainieren. Aber Druck verspüre ich schon. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als nach der Ausbildung sofort arbeiten zu gehen, weil ich Geld verdienen muss. Nochmal etwas studieren oder einfach mal ein längerer Urlaub sind bei mir nicht drin.

Ein Auto ist ein Luxusgut. Ich fahre sehr viel mit dem Fahrrad, das ist in Frankfurt gar nicht so schön. Der Oeder Weg ist angeblich Fahrradstraße. Davon merkt man aber kaum etwas. Besonders vor den SUVs muss man sich in Acht nehmen. Es ist manchmal schon Aufgabe genug, irgendwo heil anzukommen. Das ist frustrierend. Man versucht, Fahrrad und mit den Öffentlichen zu fahren, aber es wird immer mehr für die Autofahrer ausgebaut. Kleiner Tipp: Keinen Augenkontakt mit den Autofahrern aufnehmen, davon werden die noch aggressiver.

Wenn ich für mein Ultimate-Frisbee-Training nach Harheim muss, fahre ich auch über die Landstraße. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin zu kommen, ist zu teuer und unpraktisch. Mit dem Neun-Euro-Ticket war ich viel unterwegs, habe auch mal Tagesausflüge gemacht. Jetzt ist mir Bahnfahren zu teuer.

Meine Familie ist eigentlich aus Norddeutschland, das hat schon etwas gedauert, bis ich mich als Frankfurter gefühlt habe. Ich mag die Menschen, auch Handkäs’ mit Musik. Ich fühle mich aber nicht von der Stadt repräsentiert, vom Oberbürgermeister oder der Europäischen Zentralbank. Es wird viel zu wenig getan für Wohnungsbau und Integration, nur viel Schein, wenig Sein.

Eric Röder.
Eric Röder, 23 Jahre © George Grodensky

Harter Winter: Rote Markierungen machen Radwege rutschig

Ich bin aus Offenbach am Main. Zur Schule komme ich meistens mit dem Fahrrad, weil es schneller geht. Oder ich nehme das Motorrad, da kann ich fast überall parken. Viele, die weiter weg wohnen, kommen mit dem Auto. Die stellen das ins Anwohnerparken. Vor zwei Jahren wurde noch viel kontrolliert, jetzt gar nicht mehr.

Der Winter ist hart für Radler. Die Fahrradwege sind nicht gut ausgebaut, es gibt Schlaglöcher, Autos fahren schnell vorbei, ich spüre oft einen richtigen Windstoß. Die roten Markierungen auf den Fahrradwegen gefallen mir gar nicht, wenn es regnet, sind die rutschig. An manchem Morgen frage ich mich schon: Muss ich wirklich in die Schule fahren? Im Lockdown war das besser, ich habe das Homeschooling genossen.

Vor der Ausbildung habe ich ein freiwilliges Jahr im Rettungsdienst gemacht, habe viel von Frankfurt gesehen. Die Stadt ist eine schöne Kulisse, ich halte mich aber nicht so oft dort auf. Klamotten kaufe ich lieber online. Früher war ich viel Feiern. Seit Corona ist es anders, das sitzt noch im Hinterkopf, ich meide immer noch Menschenmassen. Ich bin auch ruhiger geworden. Den Lockdown habe ich durch Sport kompensiert. Ich mache Kampf- und Kraftsport. Ich habe schon zu Schulzeiten im Fitnessstudio gearbeitet, nach dem Abi dann weiter nebenher.

Schließlich haben sie mir einen Ausbildungsplatz angeboten. Da habe ich eine solide Basis, mit dem Abschluss als Kaufmann kann ich überall reingehen. Ich spare viel, um irgendwann einmal ausziehen zu können und nicht mehr meine Eltern zu belasten. Ich möchte den Sprung jetzt noch nicht machen, nicht am Hungertuch nagen für eine eigene Wohnung. Ich gebe auch einen Teil des Kindergeldes meinen Eltern. Eigentlich wollte ich ihnen alles geben, weil ich ja bei ihnen wohne, aber die sagen: „Nein, Du bist noch jung und musst was erleben.“

Auch interessant

Kommentare