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Gutleut-Legende Hannelore Kraus ist tot: Sie verhinderte allein ein Hochhaus in Frankfurt

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Von: Georg Leppert

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Hannelore Kraus, Pensionsbesitzerin aus dem Gutleut, ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Einst verhinderte sie den Bau von Europas höchstem Wolkenkratzer.

Frankfurt - Wie oft sie die Geschichte wohl erzählt hat? Oder anders gefragt: Ob es sie wohl jemals gestört hat, dass sie die Geschichte wieder und wieder erzählen musste, in allen ihren teils rührigen Details? Wenn es so war, hat Hannelore Kraus es sich zumindest nicht anmerken lassen. Und die Geschehnisse von damals sind gerade aus heutiger Sicht ja tatsächlich sehr besonders: Eine äußerst agile, mitten im Leben stehende Frau verhindert Europas höchstes Hochhaus und lässt sich mit keinem Geld der Welt umstimmen. Diese Frau, Hannelore Kraus aus dem Gutleutviertel in Frankfurt, ist nun im Alter von 83 Jahren gestorben, wie die „FAZ“ zuerst berichtet hat.

Auf der Homepage der Pension „Aller“ wird Kraus immer noch genannt. Das kleine Hotel mit den gerade einmal zehn Zimmern gehörte ihren Eltern. 1983 hatte es die promovierte Politologin, die zuvor als Entwicklungshelferin in Afrika tätig war, in dem Jugendstil-Haus eröffnet. Von Anfang an war das Gebäude viel mehr als eine Unterkunft, die bei Messegästen wegen ihrer bezahlbaren Preise und der Nähe zu den Ausstellungshallen beliebt war. Die Pension war Anlaufstelle für Kulturschaffende, für Intellektuelle, für Menschen, die das Gespräch und den Austausch suchen. Auch mit Hannelore Kraus, zu deren Stammgästen etwa berühmte Verleger zählten.

Frankfurt: Hannelore Kraus ist tot - „Mein Viertel, das Gutleut, wird plattgemacht“

Ende der 1980er Jahre hörte sie erstmals von Plänen für den sogenannten Campanile, einen fast 300 Meter hohen Wolkenkratzer auf der Südseite des Hauptbahnhofs. Der CDU-Baudezernent Hans Küppers hatte dafür vor der Kommunalwahl 1989 Teilgenehmigungen erteilen lassen. Ein Projektentwickler stand bereit, um das höchste Haus Europas zu bauen. Doch der Politiker und der Investor hatten die Rechnung ohne Kraus gemacht. Die musste nach dem geltenden Baurecht ihre Zustimmung geben.

Hannelore Kraus hat das Hochhaus verhindert.
Hannelore Kraus hat den sogenannten Campanile, einen fast 300 Meter hohen Wolkenkratzer auf der Südseite des Hauptbahnhofs in Frankfurt, verhindert. © Monika Müller

Hannelore Kraus verhinderte Hochhaus und verzichtete auf Millionen

Und das tat sie nicht. „Mein Viertel, das Gutleut, wird plattgemacht“, erklärte sie damals – und sprach von Verschattung und von einer drohenden Gentrifizierung. Durch das geplante Hochhaus mit Luxuswohnungen und einem Hotel würde die Sozialstruktur des Gutleut kippen, sagte sie.

Eine Menge Menschen wollten Hannelore Kraus umstimmen – mit sehr unterschiedlichen Methoden. Sie bekam Drohanrufe und Besuch von Männern, die Geld in Plastiktüten dabei hatten. Acht Millionen Mark wurden ihr zum Schluss geboten. Kraus blieb bei ihrem Nein. „Wenn ich nachgegeben hätte“, sagte sie einmal, „hätte ich mir nie mehr in die Augen blicken können“. (Georg Leppert)

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