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 Das Ostafrika-Diorama aus dem Jahr 1908 samt Blick in die Ferne. Das ist nur die linke Seite, rechts kam noch mehr.
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Das Ostafrika-Diorama aus dem Jahr 1908 samt Blick in die Ferne. Das ist nur die linke Seite, rechts kam noch mehr.

Senckenberg

Wie durch ein Fenster in die Natur schauen

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Von den historischen Senckenberg-Dioramen und der großen Kunst dahinter erzählt ein neues Buch des Präparators Udo Becker.

Kein Mensch kann sagen, wie lang das her ist. Aber beim letzten Besuch des Senckenberg-Museums in einer Phase, die noch unter dem Titel Kindheit firmierte, nahm Tante Ute den Neffen beiseite und sagte: „Wenn der jetzt zwinkert“, ein Büffel, oder war es ein Elefant?, „dann rennen wir.“ Das Tier, das den beiden gegenüberstand, sah einfach derart echt aus – es hätte niemanden gewundert, wenn es im nächsten Moment losgeprescht wäre.

Doch, natürlich hätte es alle gewundert. Von einem präparierten Tier im Museum erwartet der Mensch schließlich, dass es stillhält, auch wenn es aussieht, als hätte es noch etwas vor. Die Königsdisziplin, sagt Udo Becker, sei das Diorama: „Der Besucher und die Besucherin stehen davor und denken, sie schauen durch ein Fenster in die Natur.“

So präpariert man einen Elch für die „Frankfurter Urlandschaft“. August Koch (l.) und Christian Kopp bei der Arbeit vor mehr als 85 Jahren.

Becker ist von Beruf Zoologischer Präparator und als solcher seit 1985 für Senckenberg tätig. Unzählige Tiere hat er fürs Museum geschaffen, zuletzt etwa einen exquisiten Glaskopffisch für die neue Tiefsee-Dauerausstellung.

Dass er sich mit Dioramen beschäftigt, diesen Räumen, gefüllt mit Tieren und verblüffender Weite, hat viel zu tun mit „Faszination durch Illusion“, wie er sagt. „Ich habe immer wieder mal etwas über diese alten Lebensraumdarstellungen gelesen, und dann dachte ich: Das ist so schön – darüber muss ich was machen.“

Das heutige „Wölfe“-Diorama mit zwei Tieren aus der alten Lebensgruppe von Präparator Hans Pape.

Udo Becker besuchte Präparatoren im Ruhestand zu Hause, befragte sie über ihre Kunst, trug Quellen zusammen und eine Vielzahl beeindruckender Fotos aus alter Zeit. Sie zeigen Bären, Wölfe, Antilopen, Füchse, teils in dramatischen Szenen voller Dynamik. Ein Wort begleitet die Anfänge der Dioramenkunst: „Lebenswahr“ sollten die Szenen sein.

Um das zu erreichen, mussten sich die frühen Präparatoren teils kurioser Materialien bedienen: 1895 schuf Friedrich Kerz einen Leoparden aus Stroh und Torf. Augen waren einst aus Steinen oder bemalten Nussschalen. Aber die Ursprünge sind noch älter. Anno 1786 berichtet das „Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte“ ganz Erstaunliches: „Der Bürgermeister Scherpff zu Urach im Würtenbergischen hat für den Herzog von W. ein Naturaliencabinett von ausgestopften vierfüßigen Thieren und Vögeln verfertiget.“ Der Berichterstatter ist angetan: „Ein Stück, das vorzüglich bewundert wird.“

„Arktische Gruppe“, 1910. Die Vögel quasi im Felsenregal.

Die Materialien haben sich stark geändert. Versuchten die Präparatoren vor 1850 noch, die Haut der Tiere so zu füllen, dass es dem Lebewesen möglichst nahekam – daher der Begriff „ausstopfen“ –, werden Tierpräparate heute meist als Dermoplastik konzipiert, das heißt: Auf ein Trägergerüst modellieren die Fachleute den Tierkörper bis ins kleinste Detail; das ist das „Nacktmodell“. Obendrauf kommt die gegerbte, noch feuchte Haut, die sich dann beim Trocknen fest um die Kunststofffigur schließt.

Seit 1936 im Originalzustand: das Diorama „Rentiere“. Der Maler Wilhelm Lefèbre schuf den Hintergrund.

Nicht zu viele Tiere sollten in einem Diorama sein – Udo Becker rät vom Überladen eines solchen Raums dringend ab. Und er schwärmt von den Malern, die mit Hintergrundbildern räumliche Weite schaffen. „Es muss alles stimmen“, sagt er, die Tiere, die passenden Pflanzen, die Illusion des Raums. Dann habe das Gesamtwerk aus Wissenschaft und Kunst einen großen Lerneffekt: „Man versteht viel, ohne auch nur eine Zeile gelesen zu haben.“

Darüber schreibt die Bonner Biologiedidaktikprofessorin Annette Scheersoi im letzten Abschnitt des spannenden Buches: wie Dioramen staunen lassen, neugierig machen, schlauer machen. „Komm, wir gehen mal in die nächste Welt“ ist ein Spruch, den sie von Besucher:innen auf dem Weg von einem Diorama zum anderen aufschnappte.

Udo Becker: Senckenbergs historische Dioramen. Senckenberg-Verlag. 132 S., 106 Abb., broschiert, 14,90 Euro

Udo Becker sagt: „Wenn man es schafft, dass die Menschen 30 Sekunden davor stehenbleiben, ist das Ziel erreicht.“

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