Griesheimer demonstrieren 2015 gegen das Weylchem-Kraftwerk.

Chemie in Frankfurt

Weylchem gibt Werk Griesheim auf

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In Frankfurt-Griesheim stehen 163 Jahre Chemieproduktion vor dem Aus. Bürger hoffen, dass aus dem Industriepark ein Gewerbegebiet ohne Störfallbetriebe wird.

Die Firma Weylchem stellt die Chemieproduktion im Industriepark Griesheim ein. „So bald wie möglich“ soll das geschehen, meldet das Unternehmen. „Möglichst viele“ der 134 Beschäftigten möchte Weylchem in anderen Unternehmensteilen unterbringen, in Höchst, Fechenheim und Wiesbaden. „Damit endet nach 163 Jahren die Chemieproduktion an diesem traditionsreichen Standort“, sagt Rafael Reiser, Geschäftsführer von Weylchem-Griesheim. Allessa, seit 2013 Teil der Weylchem-Gruppe, betreibt in Griesheim derzeit eine Hydrieranlage mit 37 Mitarbeitern. Die stellt bereits im Juni den Betrieb ein, „praktisch alle Mitarbeiter“ konnten anderswo unterkommen.

Weylchem stellt in Griesheim Chemikalien für den Pflanzenschutz her. Seit Jahren trage das Unternehmen nahezu allein die Infrastrukturkosten des Standortes, sagt Reiser, beispielsweise für die Stromnetze und die Kläranlage. Für die Abwässer hat Industrieparkbetreiber Infrasite allerdings gerade erst eine Pipeline zum Industriepark Höchst gebaut. Am 1. Juli nimmt sie den Betrieb auf. Das ist „sinnvoll für die Kostenreduzierung am Standort“, sagt Michael Müller, Pressesprecher von Infraserv, der Mutterfirma des Industrieparkbetreibers Infrasite in Griesheim. Tatsächlich sind wenige Unternehmen im Park tätig. Etwa 350 Menschen arbeiten noch dort. Grundstückseigentümerin Clariant produziert nichts mehr in Griesheim. SGL Carbon hatte seine Kathodenfabrik im Frühjahr 2016 geschlossen.

Weylchem verweist auf den Industriepark in Höchst, in dem „eine Vielzahl von Unternehmen“ sich an den Kosten beteiligen. Ein Standortnachteil, den auch Investitionen in Höhe von 20 Millionen Euro nicht haben auffangen können, sagt Reiser. So habe das Unternehmen 2016 für mehr als sechs Millionen Euro eine Energieanlage zur Dampferzeugung in Betrieb genommen, die sowohl mit Flugasche aus Biomasse-Verbrennung als auch mit Erdgas oder Braunkohlestaub betrieben werden kann. Gegen die Anlage, im Volksmund Braunkohlekraftwerk genannt, haben Griesheimer lange und verzweifelt gekämpft.

Nun sei Weylchem noch ein Großauftrag weggebrochen, begründet Reiser das Aus weiter. „Ich bedauere dies insbesondere für die Griesheimer und für unsere qualifizierten Mitarbeiter, die uns durch Lohnverzichte in der schwierigen Situation unterstützt haben.“ Nun, die Griesheimer braucht er nicht zu bedauern. Im Stadtteil keimt die Hoffnung, dass aus dem Industriegebiet nun ein Gewerbepark ohne Störfallbetriebe werden könnte.

Nur ein Abstellplatz

„Wir fordern, dass der Industriepark ein neues Konzept bekommt“, sagt Ursula Schmidt von der Bürgerinitiative, die sich für ein wohnlicheres Griesheim einsetzt. Derzeit diene der Industriepark nur noch zu „minderwertigen Zwecken“. Zum Beispiel als Abstellfläche für Autos. „Das ist doch keine Perspektive für den Standort“, ärgert sich Schmidt.

Auch der Ortsbeirat 6 hat einen entsprechenden Antrag an die Stadt verabschiedet. Wirtschaftsförderung, Industrie und Stadtgesellschaft sollen sich zusammensetzen und gemeinsam die Zukunft des Areal planen. „Die Frage ist, was bleibt nun übrig im Park“, denkt Thomas Schlimme von den Grünen laut nach. Bislang hat die Seveso-Richtlinie manch städtebauliche Entwicklung in Nied und Griesheim verhindert, also die Regel, dass Wohnen und Störfallbetriebe Abstand voneinander halten müssen. Wenn es nun aber keine Nutzung mehr gebe, die unter die Seveso-Richtlinie fällt, würde das neue Perspektiven ermöglichen, etwa für ein Gymnasium in Nied.

Laut Infraserv ist das Gefahrgutlager von Infraserv-Logistics die letzte Einrichtung in Griesheim, die als Störfallbetrieb zählt und damit für Seveso relevant ist.

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