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Martin Mosebach auf den Spuren des Romans Westend.

Frankfurt

Das Westend als Schachbrett

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Ein Spaziergang mit Romancier Martin Mosebach durch sein Frankfurter Stadtviertel.

Zum Spaziergang durch das Westend hat Martin Mosebach ein Bauernbrot mitgebracht. Den in weiß-grünes Papier eingewickelten Laib hält er im Arm und wird ihn in der kommenden Stunde auch nicht ablegen. Mosebach schaut zunächst etwas skeptisch, als Stadtführer Mikael Horstmann erklärt, er sei nur für den erkrankten Kollegen Christian Setzepfandt eingesprungen, habe sich eigentlich auf ein anderes Thema vorbereitet und den fast 900-seitigen Wälzer „Westend“ eigens für diese Führung nochmal „kurz überflogen“. Er würde das gerne „dialogisch“ halten, bietet Horstmann an. „Warum nicht?“, meldet sich der Autor erstmals zu Wort.

Start der Tour durch das Frankfurter Westend, der Spielwiese des gleichnamigen Romans, der in diesem Jahr von „Frankfurt liest ein Buch“ ins Schaufenster der breiten Öffentlichkeit gerückt wird, ist die Christuskirche am Beethovenplatz. Es fällt schwer, sich die restaurierte Kirche in den 50er Jahren vorzustellen. Mosebach macht keinen Hehl daraus, dass er sie in schönerer Erinnerung hat. „Die Kirche sah aus wie eine Ruine von Caspar David Friedrich.“ Das Dach heute hingegen sei „eine Verstümmelung“. Mosebachs verklärte Erinnerung kapriziert sich vor allem auf eine fensterlose Öffnung in der Kirche. Durch dieses Loch schien die Sonne, vermutlich eher die Abendsonne, denn in der Erinnerung einer seiner Romanfiguren ist es im Westend fast immer Abend.

Einen Steinwurf von der Kirche entfernt, in der Schubertstraße 23, hat Mosebach in seiner Kindheit vier Jahre lang gelebt. Im Roman nimmt die kleine Wohnstraße einen breiten Raum ein. „Etwas unbedeutenderes als die Schubertstraße kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt der Autor. Mit diesem Bekenntnis wird klar, warum das offene Fenster am Beethovenplatz, auf den die kleine Schubertstraße zuläuft, für ihn nicht nur ein Loch, sondern eine Bühne, ja gar der Himmel war. „Das hatte für mich etwas Magisches“, gesteht Mosebach. Das Viertel selbst sei damals wie heute nicht magisch.

Der Autor warnt davor, zu viel Autobiografisches in „Westend“ zu suchen. „Ich habe dieses Buch in Süditalien geschrieben und dieses Viertel romanisiert wie ein italienisches Stadtviertel“, verrät er. Die Häuser, wie er sie beschrieben habe, seien eher in Brüssel zu finden. Das eigentliche Westend sei daher nur „ein Schachfeld, auf dem die Figuren hin- und herwandern“.

Mosebach steht jetzt vor seinem ehemaligen Wohnhaus, in dem er Ende der 50er Jahre seine Grundschulzeit erlebt hat. „Die Maske habe ich im Buch beschrieben“, sagt er mit einem Blick auf eine Verzierung des blassgrünen Hauses. Unter dem Dach ließ er die hübsche Etelka Kalkofen wohnen, die dort heimlich Wäsche wäscht, bis sie Eduard Has kennenlernt. Der Bildersammler sei „in seiner genusssüchtigen Vergeblichkeit“ seine Lieblingsfigur in dem Roman, der zuallererst eine Liebesgeschichte sei, erläutert Mosebach.

Kurz darauf stehen die Flaneure in der Mendelssohnstraße. Stadtführer Horstmann erinnert daran, dass hier ja mal die Straßenbahnlinie 1 durchgefahren sei. Mosebach erinnert daran, dass es darum ging, „dieser reizlosen Gegend einen neuen Anstrich zu geben“. Den Roman in den 80er Jahren zu beginnen, sei „eine Art Tat des Trotzes“ gewesen, um „diesen vollkommen unpittoresken Ort so lange zu traktieren, bis er interessant wird“. Die heute eher unscheinbare Mendelssohnstraße 53 habe damals architektonisch „für eine neuzeitliche Vision gestanden“, sagt Mosebach. Im Roman hortet die Lieblingsfigur des Autors unter dem Dach Gemälde, heute ist dort im Erdgeschoss eine Zahnarztpraxis.

Mosebach findet das Westend, wo es früher „so viele Gestalten“ gab, heute „vollkommen verödet, tot“. Er hat noch eine Wohnung zum Arbeiten hier, wohnt aber im Nordend, wo er auch sein Brot gekauft hat.

Veranstaltungen

Mittwoch, 8. Mai, 20.30 Uhr: Als Flaneur und Bohemien im Frankfurter Westend. Gespräch zwischen Autor Martin Mosebach und FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert über eine Kindheit und Jugend im Westend. Ypsilon-Buchladen Frankfurt, Berger Straße 18.

Freitag, 10. Mai, 19.30 Uhr: Martin Mosebach im Gespräch mit Rainer Weiss. Der Lektor gilt als besonderer Kenner von Mosebachs Werken. Stadtteilbibliothek Rödelheim, Radilostraße 17–19.

Samstag, 11. Mai, 19.30 Uhr: Die Stadt und die Oberbürgermeisterin. Petra Roth liest aus „Westend“. Haus am Dom, Domplatz 3. Achtung: Eintritt nur mit Ticket für die Nacht der Museen.

Sonntag, 12. Mai, 17 Uhr: Lesung und Gespräch mit dem Autor. Es moderiert Ludger Verst. Jaques’ Wein-Depot, Frankfurt, Berger Straße 171. Montag, 13. Mai, 19 Uhr: Häuser und Familien im Westend. Der Autor im Gespräch mit Literaturkritikerin Sandra Kegel. Villa Merton, Am Leonhardsbrunn 12. Anmeldung erbeten unter info@union-club.com.

Montag, 13. Mai, 19.30 Uhr: Schauspieler Marc Oliver Schulze liest aus „Westend“. Frankfurter Rudergesellschaft Germania, Schaumainkai 65. Tickets über lesecafe@arcor.de.

Mittwoch, 15. Mai, 19.30 Uhr: Im Westend nichts Neues? Verlegerin Felicitas von Lovenberg und Martin Mosebach unterhalten sich über den Wandel. Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2.

Donnerstag, 16. Mai, 19 Uhr: FR Erlebbar. Martin Mosebach und Architekt D.W. Dreysse im Gespräch. Es moderiert FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert. Ab 19.30 Uhr, Soirée. Ein Gespräch über Frankfurt. Martin Mosebach und der Architekt D.W. Dreysse leben im selben Haus, waren auf derselben Schule und unterhalten sich über Literatur, Architektur und Stadtgeschichte. Es moderiert Lisa Straßberger. Haus am Dom, Domplatz 3.

Freitag, 17. Mai, 19 Uhr: Wie gestaltet sich die Stadt lebenswert? Ein Gespräch mit Architektin Marie-Theres Deutsch über Abriss, Schätzwerte und Spekulation. Evangelische Mariengemeinde, Probst-Goebels-Weg 1.

Sonntag, 19. Mai, 17 Uhr: Abschlussveranstaltung. Eine literarische Performance mit Michael Quast und weiteren Mitgliedern der Fliegenden Volksbühne im Beisein von Martin Mosebach. Villa Leonhardi, Zeppelinallee 18. Karten an der Kasse im Palmengarten, Siesmayerstraße 63, erhältlich. (ote)

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