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Viele Überlebende sind traumatisiert, deshalb werden sie in geschütztem Rahmen geimpft. Foto: Christoph Boeckheler
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Viele Überlebende sind traumatisiert, deshalb werden sie in geschütztem Rahmen geimpft.

Holocaust-Überlebende

Frankfurt: Impfen ohne Angst

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Frankfurter Westend werden Holocaust-Überlebende gegen das Coronavirus immunisiert. Um es den alten Menschen leicht zu machen, erhalten sie die Impfung in einem vertrauten Treffpunkt.

Sigmund Freund isst Pralinen. Mit sichtlichem Behagen knibbelt der 100-Jährige ein Stück Konfekt aus seiner Goldfolie und steckt es in den Mund. Vor wenigen Minuten hat Freund seine zweite Impfung gegen das Coronavirus erhalten. Er sei zufrieden, aber nicht erleichtert, sagt er. Echte Angst, schwer an Covid-19 zu erkranken, habe er nicht gehabt. „Wenn man 100 ist, hat man nicht mehr die Sorgen wie in jüngeren Jahren“, sagt Freund, dessen wache Augen leuchten. Er fühle sich halt „wie jemand, der gestochen worden ist und anschließend Schokolade isst“.

Im Grunde ist es nichts Ungewöhnliches, was sich an diesem Morgen im Frankfurter Westend abspielt. In einem Treffpunkt für Seniorinnen und Senioren ist ein mobiles Impfteam der Johanniter zu Gast, um rund 40 Menschen, die meisten über 90, gegen Corona zu immunisieren. Und doch ist es ein ganz besonderer Termin, denn die Menschen, die hier eine Spritze bekommen, haben den Holocaust überlebt.

So wie Sigmund Freund, der fast sechs Jahre in Konzentrationslagern gelitten hat. Als er kurz seinen Ärmel hochschiebt, sieht man die Häftlingsnummer, die ihm im Vernichtungslager Auschwitz eintätowiert wurde. „Zur Besichtigung“, sagt Freund lakonisch und nimmt sich noch eine Praline. Und erzählt dann, dass er bis heute jede Woche in die Synagoge gehe.

Dass die alten Menschen in gewohnter Umgebung geimpft und anschließend mit Abstand und viel Herzlichkeit mit Kaffee und Gebäck bewirtet werden, haben sie Esther Petri-Adiel zu verdanken. Die Juristin aus Tel Aviv leitet den Treffpunkt für Shoah-Überlebende, den es seit 2002 unweit der Westend-Synagoge gibt. Jeden Mittwoch treffen sich hier Überlebende auf Einladung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), um sich auszutauschen, Kaffee zu trinken, Yoga zu machen oder Vorträgen und Konzerten zu lauschen – begleitet von Sozialarbeiter:innen und Psycholog:innen.

In der Pandemie mussten die wöchentlichen Treffen, die für viele der alten Menschen wie ein Zuhause sind, ausfallen. Als Anfang des Jahres die Debatte über Impfungen begann, sei sie deshalb sofort aktiv geworden, sagt Petri-Adiel. Viele Überlebende habe man im Impfzentrum in der Messehalle registriert, vielen sei das aufgrund ihrer Traumatisierung aber nicht zuzumuten – schon ihre Adresse angeben und Worte wie „Registrierung“ hören zu müssen, sei für sie schwer zu ertragen.

„Man vereinsamt“

Deshalb habe man in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt zwei Impftermine im gewohnten Treffpunkt organisiert, sagt Petri-Adiel. „Für uns ist das die einzige Hoffnung, das wir den Treffpunkt wieder normal öffnen können.“ Eine Dame habe sie schon gefragt, ob sie eine dritte Impfung bekommen könne, so sehr habe sie sich gefreut, mal wieder bekannte Gesichter zu sehen. Das Impfen heute sei eigentlich ein „schönes Happening“. Auch Ina Iske ist froh, geimpft zu sein. Die Corona-Pandemie bedeute große Einschränkungen für sie, sagt die 89-Jährige, die im Rollstuhl gekommen ist. „Man vereinsamt.“ Es sei sehr angenehm, dass sie hier im Treffpunkt geimpft werden könne, sagt Iske noch – und dass sie gerne in Frankfurt lebe und echte Frankfurterin sei, auch wenn ihre Eltern seinerzeit eigentlich in Paris gelebt hätten und sie eher zufällig während eines Verwandtenbesuchs in Frankfurt zur Welt gekommen sei.

Ilya Daboosh ist froh, wenn die Überlebenden den Impftermin fast als normales Kaffeetrinken wahrnehmen. „Ach, da gab’s Kuchen“, habe etwa eine Überlebende gesagt, als sie von ihrer ersten Impfung berichtete, sagt der 44-Jährige, der das Sozialreferat der ZWST leitet. Es sei für die alten Menschen wichtig, dass die Treffen wieder regulär stattfinden könnten. Aktuell stehe die ZWST in Kontakt mit rund 190 Überlebenden im Rhein-Main-Gebiet, schon länger tue man alles, um ihnen durch die Pandemie zu helfen. So wurde etwa die Aktion „So schmeckt Schabbes“ ins Leben gerufen, bei der junge jüdische Familien aus Frankfurt zum Sabbat für Überlebende gekocht haben. Zu Purim brachten Kinder ihnen Geschenke und Gebäck.

Vielen sei gar nicht bewusst, dass immer noch Menschen lebten, die der Vernichtung entgangen seien, sagt Daboosh. „Aber es gibt noch Shoah-Überlebende, sie sind unter uns.“

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