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„Werner, Du fehlst“

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Der Sarg mit dem Foto des Verstorbenen.
Der Sarg mit dem Foto des Verstorbenen. © Peter Jülich

Eine große Trauergemeinde nimmt auf dem Frankfurter Hauptfriedhof Abschied vom früheren FR-Chefredakteur Werner Holzer.

Ein dunkelgrauer Himmel spannt sich über den Hauptfriedhof. Viele Journalistinnen und Journalisten versammeln sich am Freitagnachmittag vor der Trauerhalle. Gilt es doch, einen großen Mann des Berufsstands zu verabschieden. Werner Holzer, der langjährige Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, war am 14. November im Alter von 90 Jahren gestorben. „Die Welt war sein Freund“, so charakterisiert ihn Haug von Kuenheim, Weggefährte über Jahrzehnte.

Der frühere stellvertretende Chefredakteur der „Zeit“, selbst schon 82 Jahre alt, blättert in seiner bewegenden Rede noch einmal Stationen eines langen Lebens auf. Die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg, in dessen Endphase ein russischer Soldat Holzers Leben rettet. Die Erfahrung des Krieges, die für immer prägt. „Altgewordene junge Leute, zerstört, verletzt“, so beschreibt von Kuenheim diese Generation.

Mit 21 Jahren schon schreibt Holzer sein erstes Buch: „Jugend, weißt Du den Weg?“ Der Freund erinnert an den Korrespondenten Holzer, der „unzählige Reisen“ nach Afrika unternimmt, miterlebt, wie sich etliche Völker aus der Kolonialherrschaft befreien. Der für seine Reportagen aus dem Vietnam-Krieg den Theodor-Wolff-Preis erhält. Und immer wieder aus den USA berichtet, auch über die düsteren Seiten dieses Landes, etwa den Rassismus.

In seinem Buch „26mal Afrika“ von 1967 zieht der Korrespondent eine vorläufige Bilanz des politischen Aufbruchs eines Kontinents. Er schreibt optimistisch: „Doch die eigentliche Wandlung wird nicht auf der Landkarte sichtbar. Sie vollzieht sich in den Herzen und Köpfen der Menschen dieses Kontinents, die ganz langsam ihre eigenen Probleme zu erkennen lernen, echtes Selbstbewusstsein gewinnen und sich so in Zukunft nicht mehr allein auf die Hilfe anderer verlassen werden, sondern auf ihre eigene Kraft.“

Holzer sei, urteilt von Kuenheim, auch in seiner Zeit als FR-Chefredakteur von 1973 bis 1991, ein „grundsätzlich klassischer Liberaler mit leichten linken Einsprengseln“ gewesen – „während die Redaktion sich zu großen Teilen als Teil der APO verstand“. Es müsse für Holzer nicht immer leicht gewesen sein, „seine Mannschaft“ auf einen liberalen Kurs einzuschwören. „Dahrendorf stand Holzer nun doch einmal näher als Dutschke.“

Von Kuenheim, von Kopf bis Fuß mit der Haltung eines englischen Gentleman, setzt dem vielköpfigen Auditorium einige solcher bündigen Sätze vor.

Dem FR-Chefredakteur sei ein Journalismus fremd gewesen, „der seine eigene Befindlichkeit in jeder zweiten Zeile preisgibt“. Und: „Das Löckchendrehen auf einer Glatze mochte er nicht.“

Für die Zunft der Schreiber ein „Leuchtturm“, das sei Holzers Motto gewesen: „Zuhören, nachdenken, nichts überstürzen.“

Er zitiert aus dem Gedächtnisprotokoll einer langjährigen FR-Redakteurin: wie der Chef erst einmal gemächlich seine Pfeife gestopft habe, während der Rest des Teams angesichts des näherrückenden Redaktionsschlusses langsam die Nerven verloren habe.

Immer wieder, so der Mann von der „Zeit“, landeten Artikel von Holzer auf seinem Schreibtisch, versehen mit dem handschriftlichen Zusatz der Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff: „Lesen, wichtig, Marion.“

Von Kuenheim beendet seine Rede mit den Worten: „Werner, Du fehlst.“

Es ist die Musik von Richard Strauss und von Gustav Mahler, die diesen Abschied begleitet, und die Holzer so liebte. So das sehr langsame, getragene Adagietto aus Mahlers fünfter Symphonie, das allgemein als Liebeserklärung des Komponisten an seine Frau Alma gewertet wird.

Der Journalist war bis kurz vor seinem Tod ein häufiger und leidenschaftlicher Besucher der Frankfurter Oper gewesen.

Die frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) findet sich ebenso unter den Trauergästen wie ihr Nachfolger Peter Feldmann (SPD); auch der Mitbegründer der Grünen, Milan Horacek, ist gekommen.

„Frankfurt hat Werner Holzer unendlich viel zu verdanken“, sagt Feldmann in seiner Rede. In der Stadt, die wie keine andere deutsche Kommune nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA geprägt worden sei, „war er der Richtige zur richtigen Zeit am richtigen Ort“. Durch seine Reportagen habe er „die Welt wieder nach Deutschland geholt und Deutschland wieder in die Welt zurückgeholt“ – nach der erzwungenen Isolation des Landes zur Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft.

In seiner Zeit als Chefredakteur sei die Frankfurter Rundschau endgültig zum „Marktplatz“ und zur „Plattform für Linksliberalismus“ geworden, urteilt der Oberbürgermeister.

„Sein Werk hat über den Tag hinaus Bestand“, sagt der SPD-Politiker, der den Verstorbenen als „echten Zeitungsmann“ würdigt.

Viele Berufskollegen sind zur Trauerfeier gekommen, etwa der Wirtschaftsjournalist Frank Lehmann oder die Moderatorin Bärbel Schäfer.

Auch die früheren FR-Chefredakteure Roderich Reifenrath und Jochen Siemens hören die Abschiedsrede von Holzers Sohn Philip. Der Investmentbanker nennt seinen Vater „das gute Gewissen einer ganzen Generation“. Und fügt hinzu: „Das Wort Feind gab es in seiner Sprache nicht.“

Der Sohn erlebte seinen Vater als großherzigen und feinfühligen Menschen, der ihn und seine Schwester Katharina immer unterstützt habe. „Er war ein großer Mann, ohne die anderen kleinzumachen.“ Die „apokalyptischen Erfahrungen“ des Vaters im Krieg spielten auch in den Gesprächen mit dem Sohn eine Rolle.

„Er wollte mit aller Kraft verhindern, dass die Welt noch einmal ins Chaos stürzt.“

Die beiden tauschten sich aber auch über Fußball aus, die besondere Leidenschaft des Sohnes.

Bei den Gesprächen über Eintracht Frankfurt habe sein Vater ihm häufig zur Geduld geraten, sagt der 50-Jährige, der Aufsichtsratsmitglied des Fußballvereins ist.

Am Ende zieht die Trauergemeinde in einer langen Karawane unter dem grauen Himmel weiter zum Grab.

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