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Kleiner Pieks, große Hilfe: Maja Firlé impft 2014 einen Dackel in der B-Ebene.
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Kleiner Pieks, große Hilfe: Maja Firlé impft 2014 einen Dackel in der B-Ebene.

Tierschutz in Frankfurt

Wenn Herrchen zu arm ist

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Der Verein „Soziale Tier-Not-Hilfe“ übernimmt die Tierarztkosten für Bedürftige. Was das für die Zielgruppe bedeutet, zeigen Filme, die die Tiernothilfe auf ihrer Internetseite veröffentlicht.

Liebe Hunde, aufgepasst: Noch vier Wochen bis zur nächsten Sprechstunde an der Hauptwache. Am 7. Februar kommt das Tierärzte-Team um Maja Firlé wieder, um die treuen Gefährten von Menschen zu versorgen, die sich die Kosten einer herkömmlichen medizinischen Behandlung nicht leisten können. Also bitte bis dahin schön gesund bleiben.

Ins siebte Jahr geht die regelmäßige Aktion des Vereins „Soziale Tier-Not-Hilfe Frankfurt“ inzwischen, aber die Anfänge liegen noch viel weiter zurück. Bis 2008 war Tierärztin Firlé, Inhaberin einer Praxis in Bockenheim, häufig mit dem Rollkoffer auf der Zeil unterwegs, um die Tiere der Punks mit dem Nötigsten zu versorgen – bis die Tierärztekammer Wind von der Sache bekam. Man darf in Deutschland keine Tiere ohne Honorar behandeln, so will es das Gesetz.

„Uns geht’s um die Menschen“

Also musste sich die Veterinärin etwas anderes einfallen lassen. Sie erzählte Gleichgesinnten von dem Problem – und die gründeten einen Verein, der die Kosten übernimmt. Sybille Wilhelm ist die Vorsitzende. „Wir sind kein Tierschutzverein im klassischen Sinn“, sagt sie. „Uns geht es durchaus um die Menschen. Aber natürlich sind wir alle tierlieb.“

Wie hilfreich die Arbeit für die Zielgruppe ist, lässt sich sehr schön in den Filmen sehen, die die Tiernothilfe auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat. Da sagt der obdachlose Punk Michael nach der Impfung seines Hundes: „Das bedeutet mir einfach alles, weil das mein Lebenspartner ist.“ Da kommt eine Frau mit ihrem Mischling Floh, der ebenfalls geimpft werden muss und obendrein einige schwierige Stellen am Körper hat, unter anderem entzündetes Zahnfleisch. Was macht Maja Firlé? Entfernt dem verblüfften Floh sekundenschnell mit den Fingernägeln den Zahnstein und rät dem ebenso verblüfften Frauchen zum Zähneputzen: „Hundezahnpasta.“ Es gibt welche mit Geflügel-Aroma. Da freut sich der Hund schon beim Aufwachen auf die Zahnpflege.

Die Vereinsvorsitzende Sybille Wilhelm hat selbst zwei Hunde, den Harzer Fuchs Lona und einen Elo namens Zazou. Deren medizinische Versorgung bezahlt sie selbst, so wie die große Mehrheit der Tierbesitzer. „Aber ich habe im Lauf der Jahre gesehen: Man rutscht schneller ab, als man denkt. Viele der Punks in der Innenstadt haben nur noch ihren Hund – und auch nur noch Zutrauen zu ihrem Hund.“

So geht es oft auch den anderen Obdachlosen, die ein Tier durch den Alltag begleitet. Die Vierbeiner geben ihnen Halt in einer Welt, in der sie von den Menschen enttäuscht sind. Wenn der Hund krank wird, ist das ein besonders schwerer Schlag. Wilhelm: „Man sieht richtig, wie die Leute mitleiden.“

Zu den Behandlungsterminen in der B-Ebene der Hauptwache empfangen Firlé und ihr Kollege Fritz Merl meist etwa 25 bis 30 Leute mit ihren Tieren, überwiegend mit Hunden, aber mitunter auch mit Katzen, Frettchen, Kaninchen oder Ratten. Es sind längst nicht mehr ausschließlich die Punks und Obdachlosen, es kommen auch Hartz-IV-Empfänger und Rentner mit schmalem Budget; dass die soziale Schere weiter aufgeht, ist auch beim Tierarzt zu spüren. Generell gilt bei den Hauptwache-Terminen: zehn Euro Behandlungskostenanteil pro Tier. Gratis ist die Impfung oder Behandlung nur für jene, die auf der Straße leben. Da zahlt der Verein komplett. Er finanziert sich aus Spenden, Beiträgen und Patenschaften. Im vergangenen Jahr hat er 380 Behandlungen ermöglicht. Die Kundenliste ist aktuell bei der laufenden Nummer 746 angekommen.

Turbulent geht es zu an den Behandlungstagen mitten im Einkaufstrubel. Auch gefährlich? Eher nicht, sagt Sybille Wilhelm. Sie hat für den Notfall eine Ausbildung als Hunde-Verhaltensberaterin hinter sich. „Das hilft sehr bei der Arbeit mit aggressiven Hunden.“ Maulkörbe sind auch parat. Meist geht es aber friedlich zu. Die Vorsitzende erinnert sich amüsiert an die Begegnung zwischen einem Frettchen und einem Dackel: „Die saßen sich gegenüber und schauten sich die ganze Zeit nur an. Wahrscheinlich haben sie beide überlegt, was das wohl für ein Tier ist.“

Verein sucht Paten

2010 erhielt der Verein den Hessischen Tierschutzpreis. Aus verschiedenen Richtungen gibt es Aufmerksamkeit: Die KfW-Stiftung etwa spendete den ersten Honig aus ihrer Dach-Imkerei; intelligente Richter sorgen dafür, dass Zahlungen an gemeinnützige Institutionen am Ende von Gerichtsverfahren an passender Stelle ankommen. Die Fotografin Beatrice Weineck dokumentierte Bilder und Geschichten der Menschen und Hunde, die zur Behandlung kommen, für ein Buch. Zurzeit wird ein Ort gesucht, um die Fotos auszustellen. Wer eine Idee hat, darf sich gern bei der Tiernothilfe melden.

Sehr willkommen sind auch Menschen, die eine Patenschaft übernehmen möchten, denn immer wieder gibt es auch Tiere, die eine chronische Krankheit haben: zum Beispiel den Dackel Holly, der an Epilepsie leidet. Die Tabletten kosten rund 40 Euro im Monat. Oder den Westhighland-Terrier Silver, der eine Zyste am Kiefer hat, die einfach nicht verheilen will. Solche Fälle übersteigen dann mit der Zeit auch die Möglichkeiten des Vereins. Aber Silver hat Glück – wie man hört, hat er einen Paten gefunden, der die Behandlung bezahlt.

Nächster Termin mit den Tierärzten in der B-Ebene Hauptwache: Samstag, 7. Februar, ab 13 Uhr. Mehr Info: www.tier-not-hilfe.de

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