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Wenn der Beruf krank macht

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Von: Steven Micksch

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Die Beschäftigten am Universitätsklinikum Frankfurt fordern aktuell einen Entlastungstarifvertrag – und nutzten dafür auch mehrmals das Mittel des Warnstreiks.
Die Beschäftigten am Universitätsklinikum Frankfurt fordern aktuell einen Entlastungstarifvertrag – und nutzten dafür auch mehrmals das Mittel des Warnstreiks. © Renate Hoyer

Teilnehmer einer Podiumsdiskussion suchen nach Gründen und Lösungen für die Arbeitsbelastung in Krankenhäusern.

Es war ein eindrücklicher Appell: „Wenn dieser Entlastungstarif nicht durchgesetzt wird, hänge ich den Beruf an den Nagel“, sagte ein Mann, der als Krankenpfleger am Universitätsklinikum Frankfurt arbeitet. Nach zehn Jahren im Beruf fühle er sich bereits total ausgebrannt. Es war genau dieses Praxisbeispiel, das zeigte, worum es bei einer Diskussion im Haus am Dom in Frankfurt ging: Warum machen Krankenhäuser ihre Beschäftigten krank? Unter der Moderation von FR-Landtagskorrespondentin Jutta Rippegather beteiligten sich Robin Mohan, Fabian Dzewas-Rehm und Uwe Richtmann an dem Gespräch, das Teil der Reihe „Soziale Konflikte in der Pandemie – Aktuelle Kämpfe in der Arbeitswelt“ war.

Rippegather wies zunächst auf den Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse von 2019 hin, der zeigte, dass Menschen in Pflegeberufen eine um 87 Prozent höhere Zahl von Fehltagen pro Jahr aufgrund einer psychischen Diagnose aufwiesen. Ähnlich war es bei Muskelskeletterkrankungen.

Richtmann, der Personalratsvorsitzende des Uni-Klinikums Frankfurt ist, konnte diesen Eindruck mit einer hauseigenen Erhebung unter 600 Mitarbeitenden aus dem Jahr 2021 untermauern. Dabei sei es zu Aussagen gekommen wie „Wir sind am Limit“, „Überstunden werden gestrichen“, „Pause wird nie gemacht, aber trotzdem von der Arbeitszeit abgezogen“ oder „laut Dienstplan genug Mitarbeiter, aber in real nicht da“. 78 Prozent der Befragten hätten angegeben, dass die Arbeit sie selten loslasse. „Das macht krank“, resümierte Richtmann.

Mohan, der sich am Institut für Sozialforschung unter anderem mit der Krankenhauspflege im gesellschaftlichen Wandel auseinandersetzt, zeigte auf, wie sich die ökonomische Situation an Krankenhäusern darstellt. Seit 2003 gibt es die Fallpauschalen, bei denen die Häuser einen Durchschnittspreis für bestimmte Fallgruppen bekommen. Dieser decke, je nach Kompliziertheit des einzelnen Falls, mal mehr oder weniger die verursachten Kosten.

Dies setze Kliniken unter Kostendruck, sei aber politisch gewollt, damit Häuser vom Markt verschwinden. „Das führt aber dazu, dass beim Personal gespart wird, weil ein Großteil der anfallenden Kosten in Krankenhäusern die Personalkosten sind.“ Zusätzlich versuche man, möglichst viele Fälle zu generieren, was zu einer Arbeitsverdichtung für das schrumpfende Personal führe.

Mittlerweile sollen zusätzliche und aufgestockte Pflegekräfte am Bett vollständig von den Kostenträgern refinanziert werden. Hier hapere es aber noch am Verhandeln der Budgets, aus denen die Refinanzierung kommen soll, so Mohan. Auch kämen neue Probleme hinzu, etwa dass Pflegekräfte zusätzliche Arbeiten übernehmen sollen, weil man diese dann refinanzieren könne.

Dzewas-Rehm war als Verdi-Gewerkschaftsexperte für das privatisierte Uniklinikum Gießen-Marburg (UKGM) im Haus am Dom dabei. Der Arbeitsdruck sei im Haus so hoch, dass es immer mehr Kündigungen gebe und auch immer mehr Kolleg:innen anfragten, wie die Kündigungsfristen seien. Sie sei keine Schutzregelung mehr für die Mitarbeitenden, sondern Hürde, bis man woanders anfangen könne. Auch dass in Marburg fast alle Pflegekräfte einer einzigen Station gekündigt hätten und nun lange Fahrtwege in Kauf nähmen, zeige, dass die Arbeitsbedingungen nicht gut seien.

Umfrage

90,9 Prozent der 595 Befragten stimmen der Aussage „In meinem Bereich gibt es ausreichend Personal“ nicht zu.

72,2 Prozent stimmen der Aussage „Ich kann regelmäßig die mir zustehende Pause nehmen“ nicht oder gar nicht zu.

„Wir hatten in diesem Jahr schon sechs Streiktage für Dinge, die eigentlich Selbstverständlichkeiten sein sollten“, erzählte Dzewas-Rehm. Mit dem privaten Träger Rhön, der mittlerweile zum Asklepios-Konzern gehört, streite man über Kündigungsschutz, Ausgliederungsverbot und Übernahme der Auszubildenden. Diese Dinge waren im Tarifvertrag verankert, der aber ausgelaufen ist. Aktuell sichern Verträge mit dem Land Hessen noch diese genannten Punkte, allerdings laufen auch sie am Ende des Jahres aus. Das Land möchte diese Grundprinzipien in einem neuen Vertrag sichern und sichert dafür Investitionen von einer halben Milliarde Euro in das UKGM zu. Doch die Verhandlungen dazu stocken.

Verdi-Mann Dzewas-Rehm bezeichnete die Privatisierung des UKGM als „grandioses bewusstes Politikversagen“. Man mache sich von dem Konzern erpressbar, da das Ausbleiben der großen Investitionssumme dazu führen würde, dass an allen Stellen im Klinikum gespart werden müsse. Darunter würden die Angestellten und vermutlich auch die medizinische Qualität leiden.

Aktuelle Einblicke in die Verhandlungen um einen Tarifvertrag „Entlastung“ zwischen Verdi und der Uniklinik Frankfurt konnte Richtmann geben. „Vieles, von dem wir dachten, dass wir uns einig wären, ist in dem letzten niedergeschriebenen Entwurf der Arbeitgeberseite wieder rausgefallen“, sagte der Personalratsvorsitzende enttäuscht. Das zusätzliche Personal, das Verdi fordert, werde sich – dank besserer Arbeitsbedingungen – aus der großen Gruppe der Menschen speisen, die dem Beruf bereits den Rücken gekehrt haben. Das lege eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung nahe, die von einem Potenzial von 300 000 Menschen ausgeht. Dass die Angestellten des Klinikums in Frankfurt streiken, sei keine Selbstverständlichkeit. „Viele haben ein schlechtes Gewissen, weil sie dann der Grund sind, warum OPs ausfallen müssen.“ Genau deswegen sei die Unterstützung und Solidarität durch Bündnisse und private Menschen wichtig. Richtmann nannte beispielhaft das „Frankfurter Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus“. Der Zusammenschluss aus 20 Organisationen (Gewerkschaften, Die Linke, Greenpeace, Katholische Arbeitnehmerbewegung und mehr) helfe bei Demos aber vor allem moralisch.

In Gießen-Marburg gebe es auch breite Unterstützung. Wichtig sei vor allem das Bündnis „Gemeinsam für unser Klinikum“, weil es die Prämisse verfolge, dass das UKGM wieder vergesellschaftet wird. All diese Solidaritätsarbeit erfasse jedoch momentan nicht die richtigen Kreise. Die alltäglichen Probleme, wie zu wenige Kinderpsychiatrieplätze, weil diese nicht rentabel sind, oder abgesagte OPs, weil es zu wenig Personal in der Sterilgutversorgung gibt und dadurch Besteck fehlt, seien im öffentlichen Bewusstsein nicht präsent.

Aufzeichnung im Internet unter www.bit.ly/diskussion-krank

Solidarität ist wichtig für die Moral der Streikenden.
Solidarität ist wichtig für die Moral der Streikenden. © Renate Hoyer

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