+
Sozialarbeiterin Dvora Leguy von der Stiftung „Off Road Kids“ spricht über jugendliche Obdachlose und wie man ihnen helfen kann.

Interview

Jugendliche Obdachlose: „Die wenigsten gehen freiwillig auf die Straße“

  • schließen

Sozialarbeiterin Dvora Leguy von der Stiftung „Off Road Kids“ spricht über jugendliche Obdachlose und wie man ihnen helfen kann.

Dvora Leguy (35) ist seit 2008 bei Off Road Kids und leitet die Niederlassung in Frankfurt.  

Frau Leguy, ab wann zählt ein Jugendlicher als obdachlos?
Per Definition ist jemand obdachlos, der auf der Straße schläft. Dazu zählen auch Menschen, die in Obdachlosenunterkünften übernachten.

Gelten Jugendliche als obdachlos, wenn sie von zu Hause abhauen?
In der Regel sind sie erstmal wohnungslos. Wenn sie bei Bekannten unterschlüpfen, also Sofahopper sind, dann sind sie wohnungslos, aber nicht obdachlos. Sie haben keine eigene Wohnung und auch keinen sicheren Wohnraum, da sie theoretisch wieder rausgeschmissen werden können. Wer minderjährig ist und vom Jugendamt in Obhut genommen wird, ist weder wohnungs- noch obdachlos.

Jugendliche sind bei den Eltern gemeldet. Was muss passieren, damit ihre Meldeadresse erlischt?
So lange niemand etwas davon weiß, dass sie dort nicht mehr wohnen und die Eltern der Meldebehörde keine Auskunft geben, passiert erstmal nichts. Ansonsten gibt es die Variante, dass ich mich aus der alten Wohnung abmelde, obwohl ich keine neue habe. Melderechtlich ist das eine Abmeldung. Dann würde auf dem Personalausweis zum Beispiel nur noch die Stadt stehen. Wir reden in solchen Fällen von ohne festen Wohnsitz.

Sind Menschen in diesem Fall dann verdeckt obdachlos?
Das ist ein Faktor. Wenn sie darüber hinaus sich nicht beim Jobcenter melden oder sich sonst nirgendwo melden oder auffallen, dass sie hilfebedürftig sind und sich weiter durchschlagen, dann sind sie mindestens wohnungslos. Verdeckt deswegen, weil es niemand mitkriegt. Sie fallen dann durch sämtliche Hilfenetze von Beratungseinrichtungen bis Behörden.

Warum hauen Jugendliche von zu Hause ab?
Das ist sehr unterschiedlich. Man kann aber sagen, dass sie gute Gründe haben. Das Leben auf der Straße oder sich bei Bekannten durchzuschnorren, ist sehr anstrengend. Das ist kein bequemes Leben und ist mit viel Unsicherheit verbunden. Das tut sich niemand an, wenn die Alternative zu Hause besser wäre. Die gehen alle mit der Idee, dass es woanders besser wird. Die Gründe abzuhauen sind vielfältig: Finanzielle Not, Gewalt, Verwahrlosung. Dazu sei gesagt, dass alle Gesellschaftsschichten betroffen sind. Die wenigsten gehen freiwillig auf die Straße.

Dvora Leguy (35) leitet seit Dezember 2018 die Frankfurter Streetwork-Station der Off Road Kids in der Großen Feldbergstraße 33-35.  

Wie lange dauert es, ein Vertrauen zu den Jugendlichen aufzubauen?
Das geht erstaunlich schnell, wenn man bedenkt, dass die Jugendlichen ihre Probleme einer fremden Person erzählen. Die meisten sind innerhalb des ersten Gesprächs relativ offen. Das hängt aber auch von deren Anliegen ab.

Sofahopper verlieren ihren Wohnsitz teilweise über Nacht und müssen bei Freunden oder Bekannten unterkommen. Mit welchen Maßnahmen greift Off Road Kids unterstützend ein?
Das Ziel unserer Arbeit ist es, gemeinsam mit den jungen Menschen die bestmögliche Perspektive zu erarbeiten und sie bei deren Umsetzung zu unterstützen. Wie das wiederum im Einzelfall aussieht, kann sehr unterschiedlich sein, je nachdem wie ihre Ausgangssituation ist und was sie selbst sich vorstellen. Wir schauen zunächst, ob es eine Bezugsperson gibt, wie die Großeltern zum Beispiel, damit sie dort erstmal hingehen, um wieder anzukommen. Wenn es keine sinnvolle Möglichkeit gibt, versuchen wir die Unterbringung über das Sozialamt eine Notschlafstelle zu organisieren. Bei Minderjährigen kontaktieren wir das Jugendamt, das die Person in Obhut nehmen muss.

Wie ist die gesetzliche Lage bei Volljährigen?
Grundsätzlich gilt, dass auch für junge Erwachsene zumeist das Jugendamt zuständig ist. Bei diesen jungen Erwachsenen besteht zum Teil eine Versorgungslücke, da sie oft lange hin und her geschickt werden, bevor eine Leistung bewilligt wird. In der Regel wird eine Hilfe bis zum Alter von 21 Jahren gewährt. Voraussetzung ist aber, dass die Person Hilfe braucht, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und ihr Leben in eigener Verantwortung zu führen. Wir begleiten junge Menschen auch zu allen relevanten Ämtern und helfen ihnen beim Stellen der entsprechenden Anträge. Außerdem bekommen sie Unterstützung und Beratung, auch wenn es beispielsweise um gesundheitliche Themen oder Bewerbungen geht. Unser Ziel ist es, sie auf dem Weg in sichere und stabile Lebensumstände zu begleiten.

Interview: Stefan Simon

Nun gibt es Streit wegen der Situation der Obdachlosen in Frankfurt: Seit Sommer 2018 verhindert der Magistrat die Veröffentlichung einer Studie über obdachlose EU-Bürger in Frankfurt. Die Inhalte sind offenbar zu brisant.

Das könnte Sie auch interessieren

503 Service Unavailable

Hoppla!

Leider ist unsere Website zur Zeit nicht erreichbar. Wir beeilen uns, das Problem zu lösen. Bitte versuchen Sie es gleich nochmal.