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Weltfrauentag in Frankfurt: „Ich beneide meinen Freund“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Gemeinsamer Protest für bessere Bezahlung von Sozial-und Erziehungsberufe und gegen das Patriarchat in der Innenstadt.
Gemeinsamer Protest für bessere Bezahlung von Sozial-und Erziehungsberufe und gegen das Patriarchat in der Innenstadt. © Monika Müller

500 Menschen demonstrieren am Weltfrauentag gegen sexuelle Gewalt und Sexismus. Gleichzeitig protestieren sie auch für bessere Bezahlung der Sozial- und Erziehungsberufe, die meist weiblich besetzt sind.

Auf einem der vielen Plakate steht: „Wenn wir streiken, steht die Welt still“. Auf einem anderen: „Die Welt muss sich gendern“. Zwischendrin wird viel getrommelt. Für mehr Gleichberechtigung, gegen Sexismus, für gleiche Löhne. Manche Frauen haben sich gegenseitig eine Blume geschenkt, die einige am Rucksack tragen. Es ist Weltfrauentag. Laut Polizei laufen an der Spitze über 500 Frauen und Männer an diesem Dienstagnachmittag in Frankfurt vom DGB-Haus in Richtung Main, Innenstadt bis hin zum Römer. Am Abend läuft dort eine Demo unter dem Motto „Feuer & Flamme dem Patriarchat“.

Schon am Mittag gibt es Kundgebungen in der Stadt verteilt: Michelle (23) steht bei einer an der Bockenheimer Warte. Sie studiert Soziale Arbeit und sagt: „Frauen suchen sich oft soziale Jobs, die leider viel schlechter bezahlt werden als eher typische männliche Berufe wie Pilot oder Ingenieur. Ich suche gerade ein Praktikum in einem Frauenhaus. Das wird meistens nicht bezahlt. Ein Kumpel von mir studiert BWL und bekommt 1000 Euro für ein Praktikum. Das kann doch nicht sein. Das muss sich ändern.“ Auch Gewerkschaften wie Verdi haben die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst bundesweit aufgerufen, sich am 8. März am Streik zur Durchsetzung der Forderungen der aktuellen Tarifrunde im Sozial- und Erziehungsdienst zu beteiligen: Denn 83 Prozent von der Beschäftigten sind weiblich und meist eben unterbezahlt. So halten auch Mitarbeiterinnen vom Jugendamt Kreis Offenbach wie von Kita Frankfurt Transparente für gerechtere Löhne bei der Demo hoch.

Eine 30-jährige Assistenzärztin hat sich spontan mit ihren zwei Mitbewohnerinnen entschlossen, sich der Demo anzuschließen, um gehört zu werden. „Ungefragt bewerten Kollegen, aber auch Patienten mein Äußeres. Wer sagt denn einem Mann, dass seine Frisur schön ist? Das möchte ich im Arbeitskontext nicht hören. Ich werde weniger ernst genommen. Das nervt. Patienten gehen erst mal davon aus, dass ich, weil ich eine Frau bin, eine Pflegekraft bin. Dass ich eine Ärztin bin, schließen sie erstmal aus.“

Eine junge Mutter erzählt, dass sie Angst habe, wenn sie jetzt wieder nach der Elternzeit arbeiten gehe und dann Kind, Haushalt und Arbeit kombiniere. „Mein Mann kocht und putzt zwar auch. Aber ich muss an alles denken: Also was wir für die Woche einkaufen, ich muss den Kindergeburtstag organisieren. Das liegt wohl daran, dass immer noch die alten Geschlechterrollen in der Gesellschaft vorherrschen. Das muss sich ändern.“ Franziska (24) wünscht sich eine Welt, wo Frauen nicht mehr automatisch in die Ehefrau und Mutterrolle gedrängt würden. „Einen Mann fragt doch auch keiner: ‚Wann wirst du eigentlich Vater?‘“ Es gäbe doch auch andere Lebensmodelle und auch die müssten akzeptiert werden.

Auf einem Pappschild, das eine junge Frau hochhält steht: „Wir sind queer, wir sind hier.“ Die beiden jungen Frauen Jessi (23) und Billy (22) halten Händchen. Billy sagt: „Hier bei dieser Demo fühlen wir uns wohl, Wir können Händchen halten. Neulich waren wir aber in Hamburg im Urlaub und da sagte uns ein Mann: ‚Auseinander! Hört auf Händchen zu halten!‘“

Die beiden haben gemeinsam auf Tik-Tok den Account „Escape the Average“, wo sie Liebesszenen aus heterosexuellen Filmen, als lesbisches Paar nachdrehen. „Als Videos auf anderen Plattformen gelandet sind, schickten uns homophobe Männer Totenkopf-Emojis oder sogar Särge“, erzählt Billy. Ihre Freundin Jessi sagt: „Die Diskriminierung bleibt. Und nein, Frauen sind leider noch lange nicht gleichberechtigt. Deswegen sind wir hier.“

Nele (17) aus Hanau erzählt, dass derbe Anmachen in der Bahn Alltag seien, und sie sexuelle Belästigung seit ihrem 13. Lebensjahr kenne. „Da war ich neu bei Snapchat und bekam gleich Dick Pics geschickt. Das ist so widerlich.“ Michelle betont am Ende, dass sie hofft, dass die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen aufhöre. „Ich beneide meinen Freund. Er ist neulich betrunken allein nach einer Clubnacht nach Hause gelaufen. Das würde ich auch gerne können.“

Der SHE Choir Frankfurt singt für die Frauenrechte am Römerberg.
Der SHE Choir Frankfurt singt für die Frauenrechte am Römerberg. © christoph boeckheler*

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